Tazara-Express nach Sambia: Bummelzug zur Freiheit
Zwischen Tansania und Sambia verkehrt der Tazara-Express, der mangelnde Pünktlichkeit durch phantastische Landschaftseindrücke wettmacht - und nun jede Menge WM-Pilger nach Süden bringt. Wer Glück hat, sieht aus dem Fenster Elefanten. Wer Pech hat, erlebt einen Crash mit einem Riesen.
Der Schaffner kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wann der Zug denn genau am Zielbahnhof ankommen werde, will ein amerikanischer Rucksacktourist wissen. "Laut Fahrplan werden wir übermorgen früh gegen neun Uhr da sein", sagt er. Als der Reisende sich bereits abwendet, fügt er leise kichernd hinzu: "Es könnte aber auch 30 Stunden später werden."
So entspannt das Zugpersonal ist, so hektisch ist das Treiben in der großen Bahnhofshalle von Daressalam. Hunderte Menschen drängen sich mit Kisten, Taschen und Koffern vor den Absperrgittern und warten darauf, auf die Plattform gelassen zu werden. Zweimal in der Woche fährt in der tansanischen Hafenstadt der Tazara-Express ab, fast 2000 Kilometer sind es bis ins sambische Kapiri Mposhi. Es ist kein luxuriöser Hotelzug, sondern eine ganz normale afrikanische Bummelbahn.
Tazara, das steht für Tanzania-Zambia Railway. Die Strecke zwischen den beiden Nachbarstaaten wurde in den siebziger Jahren gebaut. Finanziert und durchgeführt wurde das Mammutprojekt von China, ein Meisterwerk fernöstlicher Ingenieurskunst. Ziel war es in erster Linie, dem Kupferproduzenten Sambia einen besseren Zugang zum internationalen Seehandel zu ermöglichen. Der Personenverkehr ist bis heute eher eine Randerscheinung der wirtschaftlich so wichtigen Verbindung.
Tieregucken am Zugfenster
In der Dämmerung erreicht der Zug den Mikumi-Nationalpark, das frühe touristische Highlight der Reise. Laut pfeifend rattern die etwa 20 Waggons durch die afrikanische Wildnis. Bleibt der Tazara-Express im Fahrplan, kann man hier Zebras, Giraffen und Elefanten sehen. Weil der Zug heute aber mal wieder etwas zu spät in Daressalam aufgebrochen ist, ist es dafür bereits zu dunkel. Irgendwo da draußen müssen sie sein, die Tiere.
Im Speisewagen wird das Essen serviert, das in Afrika unvermeidliche Hühnchen mit Reis. Besser als das Bordmenü sind die Geschichten der Reisenden. Viele sind Berufspendler wie der 27-jährige John aus Sambia. Zweimal im Monat reist er mit dem Zug von Kapiri Mposhi nach Daressalam und zurück. Die Bahn nennt er "den Sarg", weil er in ihr so viel seiner kostbaren Lebenszeit verschwende.
John arbeitet für eine Mine in Kitwe, einem der großen Zentren des rauen sambischen Kupfergürtels. Seine Aufgabe ist es, zu überwachen, dass das Kupfer sicher den Hafen von Daressalam erreicht. Von dort wird es dann in alle Welt verschifft. "Und irgendwann kommt mein Kupfer dann als Gewehrmunition nach Afrika zurück", sagt er trocken. Nach ein paar Jahren im Geschäft habe man da keine Illusionen mehr.
Mit dem Tazara-Express verbindet John eine Art Hassliebe. An der Schönheit vor dem Fenster habe er sich noch immer nicht satt sehen können, sagt er, doch er kennt auch all die Macken der Bahn. Einmal hätten sie für die Fahrt eine ganze Woche gebraucht, immer wieder sei unterwegs die Lok ausgefallen. Das sei aber gar nichts gewesen gegen den Trip, als sie mitten in der Nacht mit einem Elefanten zusammengestoßen sind. Der Elefant war tot, die Lokomotive kaputt. "Spätestens dann weiß man, dass man in Afrika ist", lacht er und macht sich eine Cola auf.
Zwielichtige Gestalten auf dem Gang
Es wird Nacht an Bord. In der ersten Klasse bringt der Zugbegleiter Decken, denn in den Sommermonaten wird es empfindlich kalt in den Höhen des tansanisch-sambischen Grenzgebiets. In der überfüllten zweiten und dritten Klasse wärmen sich die Passagiere gegenseitig. Doch so einschläfernd das Geschaukel des alten Zuges auch sein mag, man muss wachsam bleiben. Ein paar zwielichtige Gestalten schleichen über die Gänge, sie haben es auf das Gepäck der Reisenden abgesehen.
Irgendwann vergisst man die Zeit im Tazara-Express. Ein Bier im Barwagen, ein paar Buchseiten im Abteil, ein Nickerchen zwischen den Welten. Draußen zieht Afrika vorbei, drinnen tauschen die Menschen ihre Lebensläufe aus. In diesen Wochen sind besonders viele Abenteurer aus Europa unterwegs, auf dem Landweg zur Weltmeisterschaft in Südafrika. Luke aus Großbritannien steht auf dem Gang und schaut aus dem Fenster. In Kenia hat er ein paar Monate in einer Schule gearbeitet, jetzt geht es zum Fußball ans Kap, danach nach Hause. "Die Zugreise ist einer der Höhepunkte meines Afrika-Aufenthalts", sagt er.
Besonders beeindruckend wird die Reise, wenn der Zug auf freier Strecke zum Stehen kommt. Aus dem Nichts tauchen Menschen auf, die den Wartenden alle erdenklichen Gerichte und Reiseaccessoires anbieten. Besonders die Kinder, die aus allen Richtungen gelaufen kommen, lieben den Zug. Einige Westler haben Kugelschreiber und andere Kleinigkeiten dabei, die sie aus dem Fenster geben. Ein letztes Foto, dann ächzen die Räder. Weiter geht es in Richtung Südwesten.
Berufspendler John aus Sambia kann seine Vorfreude auf die Heimat inzwischen nicht mehr verbergen. Seiner Frau hat er gesagt, dass er erst nächste Woche nach Hause kommen würde, es soll eine große Überraschung werden. Im Juli wird sein erstes Kind auf die Welt kommen, Zoe soll seine Tochter heißen. Wegen ihr würde er es sich wünschen, nicht mehr so viel unterwegs zu sein. Ein Bürojob, das wäre was, sagt er nachdenklich, "Oder auswandern", nach China vielleicht, "da bauen sie gute Züge".
Donnerstagabend in Kapiri Mposhi: Mit rund zwölf Stunden Verspätung erreicht der Tazara-Express seinen Zielbahnhof, Ende einer fast 2000 Kilometer langen Reise "Wir waren schnell diese Mal", sagt der Schaffner. In 50 Stunden vom indischen Ozean in den sambischen Kupfergürtel, ein Zug Afrika. Uhuru-Railway nennen die Tansanier die Verbindung auch. "Uhuru" ist Swahili und bedeutet Freiheit.
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