Bluebird Café: Nashville sucht den Countrystar

Aus Nashville berichtet Denis Krick

Taylor Swift und Garth Brooks wurden hier entdeckt: Im legendären Bluebird Café darf montags jeder ans Mikrofon, der einen eigenen Song geschrieben hat. Der Laden ist eine Institution in der Musikstadt Nashville - und ein Sprungbrett für junge Talente. Auch das Fernsehen hat das winzige Lokal für sich entdeckt.

Bluebird Café: Legendäre Countrykneipe in Nashville Fotos
Bluebird Café

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Die Schlange vor dem kleinen Laden ist bereits am Montagnachmittag gut 30 Meter lang. "Manche stehen schon seit heute früh an", sagt Elliott Duke, der Manager vom Bluebird Café. Um 17.30 Uhr ist Einlass, dann stürmen knapp 120 Menschen die Musikkneipe. Sobald der letzte Platz besetzt ist, geht die Tür wieder zu. Wer dann nicht drin ist, hat Pech gehabt.

Man mag es kaum glauben, aber die kleine Pinte, die wenig malerisch zwischen einer Reinigung und einem Friseur liegt, hat sich innerhalb von 30 Jahren zu einer Institution in der Musikstadt Nashville im US-Bundesstaat Tennessee entwickelt. Auch weil das Lokal seit 2008 dem hier ansässigen Songwriter-Verband mit seinen 5000 Mitgliedern gehört.

Countrystars wie Garth Brooks und Taylor Swift wurden auf der Minibühne des Bluebird von ihren Plattenfirmen entdeckt. Sämtliche Größen der Branche sind hier schon aufgetreten. Neulich war Kris Kristofferson da und hat Willie Nelson einen Preis verliehen.

Montags heißt das Motto im Bluebird Café immer "Open Mic". Dann darf hier jeder ans Mikrofon, der einen eigenen Song vorspielen möchte. Vorausgesetzt, er hat sich rechtzeitig angestellt und ein wenig Glück. Denn wenn zu viele Nachwuchskünstler auftauchen, entscheidet das Los, wer auf die Bühne darf.

An diesem Montag gibt es 36 Anmeldungen. Barbara Cloyd schreibt die entsprechenden Namen fein säuberlich auf eine Liste. Cloyd führt beim "Open Mic" durch den Abend und sitzt am Mischpult. "Wenn jetzt nicht jeder seine Fünf-Minuten-Ballade spielt, dann kommt ihr heute alle dran", lautet ihre erste Durchsage. Danach macht sie noch ein wenig Werbung für sich. Cloyd ist ebenfalls Songwriterin, gibt Workshops und hat mit "I Guess You Had to Be There" von Lorrie Morgan auch schon mal so etwas wie einen Country-Hit komponiert.

Jeder in Nashville ist ein Songwriter

Nashville sei ein wenig wie New York, erklärt Manager Duke. Nur mit dem Unterschied, dass hier nicht jeder Schauspieler, sondern Musiker oder Songwriter sei. "Ich hatte mal einen Gesundheitsinspektor im Laden, der mir plötzlich seine Lieder vorspielte", sagt er. "Und der Klempner hat uns neulich einen Freundschaftspreis gemacht, weil er hier vor Jahren aufgetreten ist." Elliott Duke hat 1991 im Bluebird als Koch angefangen. Und natürlich war auch er Songwriter. "Den Traum habe ich aber inzwischen aufgegeben", sagt der 46-Jährige.

Kiley Evans ist am heutigen Abend die Startnummer fünf. Für die junge Frau aus Boston ist dies nicht der erste Auftritt im Bluebird Café. Sie arbeitet an einer Karriere als Sängerin. Zurzeit sucht sie in Nashville nach einer Wohnung.

"Die Zeiten, in denen man im Bluebird tatsächlich entdeckt wurde, sind vorbei", sagt die 25-jährige Evans. Das Ganze sei inzwischen sehr touristisch geworden. Sie nutzt die Open-Mic-Abende eher, um neue Songs auszuprobieren. "Allerdings weiß man nie, ob nicht doch ein Talentscout anwesend ist", sagt Evans und geht mit ihrer Gitarre auf die Bühne. Sie singt ein trauriges Lied über die Liebe und ihren Vater. Im Publikum werden tatsächlich ein paar Tränen vergossen.

"Es kommen inzwischen jede Menge Touristen", sagt auch Elliott Duke. "Das Geschäft lief vorher schon gut, aber jetzt geht es richtig ab." Der Dank dafür gebühre dem Fernsehen. Die TV-Serie "Nashville", in der es um die Musikszene der Stadt geht, hat sich das Bluebird als einen seiner regelmäßigen Schauplätze auserkoren. In der Show gehen eine altgediente Country-Diva und ein junges Popsternchen, das stark an Taylor Swift erinnert, eine ungewollte Allianz ein.

Für die Pilotfolge der Show wurde im Bluebird gedreht und alle benachbarten Geschäfte angemietet, um genug Platz und Ruhe für die Crew zu haben. "Inzwischen haben sie unseren Laden detailgetreu in einer Lagerhalle in Nashville nachgebaut", sagt Duke. Einige seiner Kollegen wie der Türsteher Sal hätten in der Serie regelmäßig Gastauftritte.

Die neue Taylor Swift

Im Gegenzug würden sich die Stars von "Nashville" auch manchmal im echten Bluebird sehen lassen, sagt Duke. Die beiden Hauptdarstellerinnen Hayden Panettiere und Conny Britton waren bereits hier, Charles Esten, der die Rolle des schönen Deacon spielt, sitzt häufig an der Bar und redet mit den Gästen.

An der Qualität der Nachwuchskünstler hat sich allerdings kaum etwas geändert. "Allerdings haben wir inzwischen immer mal wieder sehr junge Mädchen auf der Bühne", sagt Duke. "Die meisten sind Fans von Taylor Swift, die ihrem Idol nacheifern wollen." Der ehemalige Teeniestar erwähne in fast jedem Interview das Bluebird Café. "Dafür sind wir ihr sehr dankbar."

Eine neue Taylor Swift ist an diesem Montagabend nicht auf der Bühne auszumachen. Dafür allerdings jede Menge talentierte Songschreiber aller Alterklassen. Ein Mann in den besten Jahren verarbeitet spontan die technischen Schwierigkeiten bei seinem Auftritt - eine Art Freestyle-Country-Rap. Ein anderer spielt ein Beatles-Medley im Stile einer volltrunkenen irischen Folkband. Ansonsten gibt es fürs Publikum mehr als 30 erstklassige Songs zu hören. Nur einmal ist Fremdscham angesagt, als ein junges Mädchen ein selbst geschriebenes Gedicht in schrillen Tönen vorträgt.

"Das Einzigartige am Bluebird ist, dass man hier auf andere Songwriter trifft", sagt Kiley Evans. "Man baut ein Netzwerk auf." Das lässt sich auch heute wieder beobachten. Als nach der rund zweistündigen Show das Licht angeht, verlässt das Publikum recht schnell das Café. Die Künstler allerdings bleiben noch lange in kleinen Gruppen zusammen, sprechen miteinander über Songs, Auftritte und ihre Zukunftspläne. Vielleicht ist sogar einer von ihnen der nächste große Countrystar. Man weiß schließlich nie, wer an diesem Abend im Publikum saß. Oder auf der Bühne stand.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Chart-Müll...
Tikkahahn 29.03.2013
Taylor Swift und Garth Brooks haben mit wahrer Country-Musik so viel zu tun wie George W. Bush mit dem Friedensnobelpreis. www.savingcountrymusic.com
2. Unvollständig
LillyJules 29.03.2013
In einem Artikel über das Bluebird Café darf m.E. Der Film "The Thing called Love" aus dem Jahr 1993 nicht fehlen - es war schließlich der letzte Film, den der im selben Jahr verstorbene River Phoenix noch vollständig abgedreht hatte. Er dreht sich rund um die Open Mic Night im Bluebird Café und erzählt die Geschichte von vier jungen Songwritern (Phoenix, Dermot Mulroney, Sandra Bullock und Samantha Mathis), die hoffen an einem Abend der Woche ihre Karriere zu starten. Wirklich sehenswert - und wie gesagt - enttäuschend, dass der Film nicht in erwähnt wurde.
3. Der beste Film aller Zeiten,...
broca 29.03.2013
...nämlich "The Thing Called Love", drehte sich im wesentlichen um dieses Café. River Phoenix, Samantha Mathis, Sandra Bullock und Dermot Mulroney unter der Regie von Peter Bogdanovich. Trisha Yearwood, Deborah Allen u.a. als Cameos. Das dürfte schon alles sagen.
4. @Tikkahahn
marcuskuhlmann 30.03.2013
Gebe Ihnen völlig Recht! Ein Großteil der Countrymusik, der heute aus Nashville kommt, ist reiner Pop-Kommerz. "Echte" Countrymusik kommt heute viel eher aus Austin, Texas.
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