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17. Januar 2013, 06:24 Uhr

Freilichtmuseum bei Bangkok

Lehrstunde am Lego-Palast

Von Knut Diers

Tempel und Paläste im Miniaturformat: Muang Boran in der Nähe von Bangkok ist eines der größten Freilichtmuseen der Welt. Touristen kommen hier ins Staunen, Thailänder versuchen sich als Geschichtslehrer - nicht immer mit Erfolg.

Schlichte weiße Mauern, darüber ein geschwungenes graues Dach mit unzähligen Spitzen - so präsentiert sich der Königspalast von Ayutthaya. Das Schmuckstück des alten Thailands erinnert etwas an ein Meisterstück aus Millionen von Legosteinen.

Die deutschen Touristen Rolf und Vanessa posieren davor und machen Fotos. Dann steigen sie auf ihre Fahrräder und rollen in zwei Minuten zum nächsten großen Palast, der nur so vor Gold strotzt: Bangkoks Königspalast.

Zwei Minuten? In Wirklichkeit liegen zwischen den Bauwerken rund hundert Kilometer. Doch hier, in einem der größten Freilichtmuseen der Welt, sind auf rund 80 Hektar mehr als hundert der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Thailands nachgebaut. Das Gelände namens Muang Boran, was "alte Stadt" heißt, hat die Umrisse Thailands. Die Bauwerke befinden sich am - relativ gesehen - geografisch korrekten Ort und liegen idyllisch in einem Park aus Bäumen, Flussläufen und grünem Rasen, rund 33 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Bangkok.

Radfahren? Typisch deutsch!

Gegenüber des Königspalasts steht ein aus Holz gebautes Café. Die Studenten Rolf und Vanessa - er stammt aus Dresden, sie aus Regensburg - setzen sich, bestellen bei Ribanna einen Cappuccino und lernen den Thailänder Sompong kennen. Der fährt im Golfcart mit seinem 15-jährigen Sohn Arun vor. "Wir haben uns das Fahrzeug für zwei Stunden geliehen", berichtet er den beiden Radfahrern. "Ich kann nicht mehr so gut laufen." Der 55-Jährige, der in Bangkok für eine internationale Organisation arbeitet und schon mehrfach in Europa war, findet Radfahren typisch deutsch.

Doch für einen Spaziergang wäre Muang Boran einfach zu riesig, außerdem sind die Fahrräder im Eintrittspreis enthalten. "Wir sind durch den Rüssel reingefahren", erzählt Vanessa fröhlich. Mit etwas Phantasie ähnelt die Form Thailands einem Elefantenkopf, und der Eingang befindet sich am südlichen Ende, also quasi an der Grenze zu Malaysia oder eben am Rüsselende.

Der Thailänder, lange Leinenhose, kurzärmliges Baumwollhemd, findet in diesem Miniaturwunderland viele Beispiele aus der "guten, alten Zeit", wie er sagt. "Die möchte ich meinem Sohn mal vor Augen führen", sagt er. Einen solchen Ausflug machen viele Thailänder mindestens einmal im Leben. Touristen sind hier weniger zu sehen, offenbar hat es sich noch nicht so herumgesprochen, dass ein Thailand im Maßstab 1:170.000 hier innerhalb von zwei Stunden abzuradeln ist.

Smartphone vs. Erinnerungsschatz

"Wir wollen unsere Kultur erhalten, sie würdigen, sie unseren Kindern erläutern", sagt Sompong in einem feierlichen, fast staatsmännisch klingenden Ton. Der Sohn würdigt hauptsächlich sein Smartphone. Unentwegt starrt der kräftige, etwa 1,70 Meter große Jugendliche darauf. Er liest ein paar Nachrichten seiner Freunde, die sich piepsend ankündigen. Die Ikonen der Nation, der Genpool thailändischer Identität oder auch die Erinnerungsschatzkiste heimischer Kunst und Kultur, von der sein Vater unablässig redet, sind für Arun nicht so interessant.

Sompong betrachtet ihn mit ernstem Blick. Dann besteigen Vater und Sohn wieder ihren Golfcart, um zum Lotusknospenturm von Sukhothai zu fahren. Vanessa und Rolf schwingen sich auf die Räder und halten kurz am Fußabdruck des Buddha, dann am Pavillon der 80 Yogi.

Am Botanischen Garten der Literatur haben sie sich wieder mit Sompong und Sohn verabredet. "Hier, das sind alles Pflanzen, die in unseren Romanen und Erzählungen vorkommen", berichtet der Thailänder begeistert. Er übersetzt die Zitate auf den Tafeln im überdachten Laubengang und freut sich, so aufmerksame Zuhörer zu haben. Arun sitzt im Golfcart und schreibt eine SMS.

Kulturerbe statt Golf

Das Fahrzeug erinnert daran, dass Parkgründer Lek Viriyaphant ursprünglich einen Golfplatz zwischen Miniaturbauwerken im Sinn hatte, als er die Anlage plante. Dann ließ der Millionär einfach die 18 Löcher weg und öffnete Muang Boran. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 werkelte er an seinem unkonventionellen Lebenswerk, nebenher sammelte er Antiquitäten und förderte die örtlichen Künstler.

Vanessa und Rolf freuen sich, dass ihnen Sompong so viel von sich erzählt und ihnen die Sehenswürdigkeiten erklärt. Nun blicken sie zu den schmucken königlichen Barken hinüber, die im Fluss liegen. Ein altes Handelsschiff aus Teakholz liegt auf dem Weg. Sie fotografieren eine Regenbogenbrücke, ein Symbol für Glück und Fruchtbarkeit. "Die gibt es so allerdings nirgends in Thailand", sagt Sompong, er fährt nun im Golfcart neben ihnen her, "einige Bauwerke sind Phantasieprodukte."

Eine Bäuerin baut im Schatten der Bambusbäume Maniok an. Auf dem Markt formen Männer aus rotem Ton Ziegel wie vor 100 Jahren. Sompong warnt: "Nicht fotografieren, die wollen das nicht, sie haben Angst vor Plagiaten. Nachher baut das jemand nach."

Frische Suppe vom schwimmenden Markt

Der Anblick von Maniok scheint Arun aus seiner unterhaltungselektronischen Apathie geweckt zu haben. "Ich habe Hunger!", sagt er plötzlich. Zum nachgebauten Wasserdorf ist es nicht weit. Es verkörpert ein beliebtes Stück Thailand - den Handel von Boot zu Boot. Stege und Brücken verbinden Hütten. Dort sitzt Sanya in einem Kahn und verkauft geschälte Ananas und Papayas, die sie mundgerecht geschnitten hat.

Die vier setzen sich zum Mittagessen im schwimmenden Markt auf den Boden. Im Sitzen löffeln sie ihre Suppe, die sie aus der Garküche gegenüber geholt haben. Ein paar Kinder nehmen neben ihnen Platz. Wie es sich der Parkgründer gewünscht hatte, ziehen hier täglich Schulklassen durch - anschaulich sollen ihnen hier die reichen Schätze der Vergangenheit ihres Volkes vermittelt werden. Arun gähnt.

Für Sompong kommt nun der Höhepunkt - er ist quasi zu Hause, in seiner Heimat im Norden von Chiang Mai. Ein typisches Dorf ist nachgebaut und die Chedi-Chet-Yod-Pagode. Die deutschen Touristen lesen sich in die Geschichten der Ramas ein - so heißen die Herrscher von 1782 bis heute.

Arun unterbricht sein Schweigen erneut. Er mahnt zur Eile: "Die Leihzeit für den Golfcart ist in fünf Minuten zu Ende", sagt er. Dann wischt er wieder über die Berührungsfläche seines Smartphones.

Kaum vernehmbar stöhnt der Vater und verkündet diplomatisch: "Mein Sohn hat für heute anscheinend genug Vergangenheit gesehen, er kann sich jetzt endlich wieder der Moderne widmen - seinem Handy." Rolf und Vanessa nicken. Die Regensburgerin murmelt etwas von ihrem Neffen, der auch so ein Verhalten zeige.

Die beiden Touristen bedanken und verabschieden sich, denn sie haben für die nächste Stunde noch rund 20 thailändische Ziele auf ihrer Wunschliste. Sompong deutet über den Zaun. Dahinter sind Industrieflächen zu sehen, die in den vergangenen Jahren bis dicht an Muang Boran herangewachsen sind. Wieder in der Geste des Staatsmanns geht er mit seinem Land kritisch ins Gericht: "Wir haben gelernt zu akzeptieren. Aber wir haben nicht gelernt zu verstehen."

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