Thailand Khmer-Tempel im Warhol-Look

Auf einem erloschenen Vulkan im Osten Thailands thront der prachtvolle Phanom Rung. Der Bergtempel aus Khmer-Zeiten war einst durch eine Dschungelstraße mit Angkor Wat verbunden - und wirkt wie eine Miniausgabe des kambodschanischen Nationalsymbols.

Von Michael Lenz


In der Galerie "Mu Mu" des Berliner Filmemachers und Autors Detlev Neufert in Bangkok hängt ein großes, buntes Mosaik. Aus vielen kleinen Glasscherben in leuchtenden Farben hat der Künstler My Tree das Leben in seiner Heimat Isaan dargestellt, jenem Teil Thailands, der an Kambodscha grenzt und sich mit Laos den mächtigen Mekong teilt. Zu sehen sind Bauern bei der Arbeit, Wasserbüffel, die typischen Isaan-Häuser auf Stelzen mit Wänden und Dächern aus geflochtenem Palmstroh, Mönche, Tempel, Reisfelder, Seen und Weiden. Im Mosaik dominieren die Farben Rot, Blau und Grün. Fährt man aber in diesen Tagen durch den Isaan, in dem gut ein Viertel der 60 Millionen Einwohner Thailans lebt, dominiert Braun-Gelb die weite, flache Landschaft. Es ist Trockenzeit, und die heiße Sonne hat die Felder, Weiden und abgeernteten Reisfelder ausgedörrt. Nur die Tapioka-Plantagen setzen grüne Farbtupfer in die öde Landschaft.

So ganz auf bunte Farben muss man aber im Isaan selbst in der heißen Zeit zwischen Oktober und April nicht verzichten. Überall in den Dörfern blühen vor den Häusern und in den Gärten Blumen in Rot, Gelb und Violett, die den Betrachter mutmaßen lassen, die Natur habe im Isaan die Farben überhaupt erst erfunden. Die Blütenpracht im Dorf Ban Prasat mit seinen dunkelbraunen Teakhäusern lenkt fast von der Hauptattraktion des Dörfchens in der Nähe der Isaan-Metropole Nakon Ratchasima ab: den prähistorischen Ausgrabungen, die zeigen, dass es im Isaan schon vor gut 4000 Jahren weit entwickelte Kulturen gab, lange bevor die Thais vor etwa 1500 Jahren nach Siam einwanderten.

"Very old"

Auf dem Dorfplatz vor dem kleinen Museum warten zwei halbwüchsige Jungs in blauen Hemden auf Besucher. Sie verdienen sich ein Taschengeld als Touristenführer. "Komm, ich zeig' dir unsere Ausgrabungen", sagt einer und führt seine Kunden zu Grube 1. Die lässt tief in die Isaan-Geschichte blicken. Die unterste Schicht mit den zerbrochenen Tontöpfen ist mehr als 3000 Jahre, die Skelette in der zweiten und dritten Schicht zwischen 2500 und 1000 Jahre alt. "Very old", sagt einer der Jungs mit ehrfürchtigem Blick, womit sich auch schon der Englischsprachschatz des Guides erschöpft hat.

Die einzigen Sehenswürdigkeiten in Nakon Ratchasima, besser bekannt unter seinem alten Khmer-Namen Korat, sind die Reste der alten Stadtmauer und die Statue der Thao Suranari, die als thailändische Jeanne d'Arc 1826 eine Invasion der laotischen Truppen unter König Anuwong zurückschlug. Zudem hat Korat eine Reihe guter Hotels wie das Dusit Princess, die sich als Basislager für Besuche der antiken Khmer-Tempel im südlichen Isaan eignen.

In nur 40 Autominuten ist etwa Prasat Phimai erreicht, und bei Buriram kurz vor der Grenze zu Kambodscha liegt der auf einem erloschenen Vulkan erbaute Prasat Phanom Rung. Wer sich bei ihrem Anblick an die Tempelanlagen von Angkor erinnert fühlt, ist auf der richtigen Spur. In den ersten Jahrhunderten des letzten Jahrtausends nämlich regierten die Khmer-Könige von Angkor in Kambodscha aus ein Riesenreich, das das heutige Thailand fast vollständig umfasste und im Westen bis an die Grenze Burmas reichte.

Ein thailändisch-kambodschanisches Wissenschaftlerteam hat durch den Einsatz modernster Technik wie Geoinformationssystemen eine Straße entdeckt, die die Paläste der Götter im Isaan mit den Heiligtümern in Angkor verbunden hat. Den antiken Highway, der eine mächtige Heerstraße, sakraler Pilgerweg und malerische Reiseroute früher Touristen war, säumten Hotels, Hospitäler und Rastplätze.

Wie mühselig und aufwendig es gewesen sein muss, diesen Tempelkosmos zu bauen, wird in Phanom Rung deutlich, das den dramatischsten Treppenzugang aller Khmer-Tempel hat. Vor 800 Jahren wurden die Steinquader zum Bau der Tempelanlage aus einem 30 Kilometer entfernten Steinbruch geholt und mit schierer Manneskraft den 400 Meter hohen Berg hinaufgeschleppt, den man heute bequem über eine schöne asphaltierte Straße im klimatisierten Auto erreichen kann.

Farangs verschlägt es selten nach Phimai

Die einst den hinduistischen Göttern Shiva, Brahma und Vishnu geweihten Tempel sind heute beliebte Pilgerstätten touristischer wie religiöser Natur. Es sind fast nur Thailänder, die nach Prasat Phimai pilgern oder die steilen Treppen zu den antiken Kapellen, Bibliotheken und Heiligtümern des Bergtempels Phanom Rung hinaufklettern. Farangs, wie Europäer in Thailand genannt werden, verirren sich nicht so zahlreich in den Isaan. In den Tempeln wird heute Buddha verehrt, aber so manch einer bringt auch noch Shiva & Co. Opfer dar. Sicher ist sicher. Pong, ein thailändischer Führer, sagt: "Buddhismus ist die Nationalreligion von Thailand, aber der Hinduismus prägt noch sehr unsere traditionelle Kultur."

Wie sehr noch der Hinduismus aus der Khmer-Zeit lebendig ist, kann man am Besten an jedem letzten Wochenende im Monat in Prasat Phimai erleben. Dann nämlich werden auf dem Rasen vor der aus gewaltigen Sandquadern errichteten Tempelmauer Szenen aus dem hinduistischen Götter- und Heldenepos Ramayana aufgeführt. Das zweistündige Spektakel ist kostenlos. Ein Ticket aber muss kaufen, wer auch noch die anschließende Sound-und-Light-Show inklusive eines Thaibuffetdinners im Inneren des Tempels erleben möchte, der im 11. Jahrhundert eines der geistigen Zentren des Khmerreiches war.

Das ist eine beeindruckende Art, das wie eine kleine Version von Angkor Wat anmutende Phimai zu erleben. Abwechselnd werden die Türme des Hauptheiligtums in rotes, gelbes oder grünes Licht getaucht. Mal wirken die illuminierten Dome vor dem sternenübersäten Nachthimmel wie ein Popgemälde von Andy Warhol, dann wieder wie der filigrane Turm einer gotischen Kathedrale.

In der Region um Phanom Rung nahe der kambodschanischen Grenze sind die Menschen durch die Khmer-Kultur geprägt, während der nördliche Isaan durch das ethnische und kulturelle Erbe der Lao beeinflusst ist. Das zeigt sich in der Sprache, die dem Laotischen ähnelt, aber auch dem Essen und der Kunst. Vieles, was als "typisch thailändisch" gilt, wie Klebreis, scharf gewürztes Essen und Thai-Boxen hat seinen Ursprung im Isaan, der auch seit altersher das Zentrum der Seidenproduktion ist.

Dieses Erbe ist auch in My Trees Isaan-Mosaik sichtbar. My Tree sagt: "Meine Kunst ist von der laotischen Tempelmalerei beeinflusst."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.