Thailand Magic Mushrooms in Suppen

Goa ist out, das Stelldichein bei Vollmond findet nunmehr auf Ko Phangan im thailändischen Golf statt. Jeden Monat kehrt am Haad Rin Beach die Party-Generation ein. Sie feiert sich bis zur Besinnungslosigkeit.

Von Lasse Dudde


Der Schmächtige mit den Rasta-Zöpfen scheint jetzt schon weggetreten zu sein. Er hockt im Yogasitz an Deck des Schiffes, das eine illustre Gemeinde gleich von Ko Samui nach Ko Phangan bringen wird: Junge Europäer, Amerikaner, Südafrikaner und Australier, dreihundert, vielleicht sind es auch fünfhundert. Es haben weitere Kleinfähren festgemacht, jede für sich gesehen ein Schrotthaufen, die Decks voll von internationaler Party-Stimmung. Gewartet wird auf Pick-ups, die weitere Partygäste bringen.

Thais besuchen das monatliche Spektakel am Haad Rin Beach als Zuschauer
Lasse Dudde

Thais besuchen das monatliche Spektakel am Haad Rin Beach als Zuschauer

Alle wollen zur Full-Moon-Party. Manche haben auf ihrer Weltreise einen Abstecher nach Thailand nur deshalb eingeplant, um einmal am Haad Rin Beach zu stehen. Seit Jahren geht das so. Monat für Monat. Früher waren die nächtlichen Stelldicheins ein Geheimtipp unter den Freaks aus der Bangkoker Khao San Road. Heute gibt's den Vollmond-Kalender bis 2002 im Internet.

Natürlich ist das Datum nur ein banales Alibi. Das wissen auch die Männer von der thailändischen Drogenfahndung, die zwar jedes Mal unauffällig, aber in Habacht-Stellung mit von der Partie sind, den Dienst vor Ort jedoch eher als eine Art informellen Arbeitsbesuch begreifen und die Handschellen allenfalls zücken, wenn ihnen der Spaß irgendwann etwas zu weit geht. Wie bei der Milleniumsparty, als der gut ein Kilometer lange Strand zwei Wochen lang Nacht für Nacht von etwa 30.000 Ravern malträtiert wurde.

Natürlich ist das wackelige Boot schon eine - wenn auch zerbrechliche - Disko. Die Rettungsringe sind festgeschraubt, die Feuerlöscher verrostet. Rettungsboote, Schwimmwesten? Fehlanzeige. Dafür gibt's Feuerwerkskörper an Bord, und zwar auch solche, die ganz aus Versehen hochgehen, wie gerade eben. Hatte es etwa jemand mit der Angst zu tun bekommen?

Die Besatzung ist es längst gewohnt, dass die wilde Truppe an Bord besinnungslos ist, bevor das erste Tau gezogen wurde.

Der Rasta ist indessen unvermittelt aus seinem Tiefschlaf aufgeschreckt und mit einem veritablen Urschrei Kopf voran über die Schiffsspitze in das ölige Hafenbecken entschwunden, um sich kurz darauf unter allgemeinem Applaus wieder neben mir einzufinden. Eine Jugendgruppe aus dem Thüringischen, soviel dringt durch.

Später fahren die Boote in einer ungeordneten Kolonnen-Formation. Jemand rast mit dem Power-Boot im Slalom voraus. Eine norwegische Gruppe angehender Anthropologen gibt kurz vor der Ankunft das Sandmännchen-Lied zum Besten. Alles in allem ist es nicht unnett, das Ganze hat etwas von einer Klassenfahrt. Was soll man auch sagen, ruhige Sandstrände, Palmeninseln, alles spottbillig: die Transportmittel, die Hütten, das Essen, die Frauen, die sich Männer aller Schattierungen hier für die Dauer des Trips zulegen.

In den Sand gesetzt: Der Versuch einer Aussage
Lasse Dudde

In den Sand gesetzt: Der Versuch einer Aussage

Warum also dann nicht auch ein Tranceparty ausprobieren, bei diesen Preisen: Einheimische oder importierte Ecstasy-Pillen und LSD-Trips gibt's für umgerechnet 12 bis 35 Mark. Neben Ganja und Whiskey bieten die Thais auch Magic Mushrooms in Suppen und Omelettes an. In den meisten "Apotheken" gibt's auch noch Diätpillen. Die haben zwar mit Abnehmen genauso viel zu tun, wie der Haad Rin Trip mit der Sternenkonstellation, dafür sind sie ordentlich amphetaminhaltig und darüber hinaus auch noch rezeptfrei. Und wer selbst nach drei Nächten des Ravens und des High-Seins beim besten Willen nicht mehr schlafen kann, für den steht ein ordentliches Sortiment an Tranquilizern bereit.

Die Landung erfolgt per Barkassen, einige haben schon hier die ersten Orientierungsprobleme. Dabei muss man sich nur auf den Lärm zubewegen, der von der anderen Seite des Dorfes kommt, das am kleinen Hafen liegt. Hier liegt der Haad Rin Beach, wo einmal einfache Fischerhütten standen und heute Bungalows für einen Apfel und ein Ei zu mieten sind.

Klang von Industrie, wie auf der Love Parade. Überhaupt hat das Anlanden der Massen etwas von einem werktäglichen Pendeln zur Maloche. Einige tragen dem Anschein nach schwer bepackte Rucksäcke, andere besorgen sich in den diversen "pharmacies" am Wegesrand schnell noch tütenweise Wegzehrung. Was völlig unnötig ist, denn der eigentliche Gemischtwarenladen ist der Strand.

Klein-Fähre: Festgeschraubte Rettungsringe, verrostete Feuerlöscher
Lasse Dudde

Klein-Fähre: Festgeschraubte Rettungsringe, verrostete Feuerlöscher

Eine Leuchtreklame weist den Weg: "Welcome to moonparty". "Goa is out", steht irgendwo. Eigentlich sind es Dutzende kleiner Partys, die hier abgefeiert werden. Oder kann von Feiern überhaupt die Rede sein? Manch einer trägt Stöpsel in den Ohren, es sind auch schon Gestalten gesichtet worden, die in ihrer Aufmachung selbst strengen skandinavischen Arbeitsschutzbestimmungen Genüge tun würden.

Im Grunde ist das Spektakel auch nur mit Gehör- und Sichtschutz auszuhalten. Hier reiht sich "Café" an "Café", und vor jedem steht eine Batterie von Boxen, die vom Geräuschpegel her jedem Großflughafen Konkurrenz machen könnten. Dazwischen bewegt sich eine namenlose Masse ziellos hin und her. Gegen zehn Uhr gehen die meisten noch mehr oder weniger aufrecht, gegen Mitternacht ist der Strand nicht nur lärmende Tanzfläche, Drogenumschlagplatz und Spielweise für Durchgeknallte aller Art, sondern obendrein eine allgemeine Toilette. Der Rest der Nacht ist eine zuweilen Angst einflößende Mischung aus Lärm und massenhaftem Delirium. Es kommt vor, dass Eltern aus der Ferne anreisen, um ihre Kinder der Okay-Generation zu evakuieren.

Auch die Thais gesellen sich regelmäßig als Gäste zu dem Event, allerdings fast ausschließlich als Zuschauer eines Spektakels, dem sie nicht mehr folgen können.

Am Morgen danach machen sich die Ersten wieder auf den Weg. Nach Ko Tao, zur nächsten Party.

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