Mit dem Baby durch Thailand Krabbelversuche im Tempel

Rucksack packen und los! So haben Heike Klovert und ihr Mann schon viele Länder bereist. Doch diesmal haben sie ihren fünf Monate alten Sohn Tom dabei - und deswegen folgt ihnen durch Südostasien auch ein bislang unbekannter Begleiter.

Marcel Klovert

Ayutthaya - Die Dielen des hundertjährigen Teakhauses, in dem wir absteigen, sind so weich, dass sie die Füße streicheln. Wenn die Lampen nachts Schatten auf den schwarzen Wänden tanzen lassen, wippt der Onkel auf dem Ölgemälde über der Treppe mit dem Stuhl. Oder bilde ich mir das ein? Egal. Auf Reisen sind Hirngespinste erlaubt. Im Rucksack reicht der Platz nicht für die Regeln, die zu Hause gelten. Reisen macht frei und flexibel. Dachte ich.

Da kannte ich die Küche unserer Unterkunft noch nicht. Es ist das erste Mal, dass ich mich unterwegs für Küchen interessiere. So wie auf dieser Reise vieles anders ist als sonst. Alle drei Tage müssen wir Schnullersuppe kochen, damit keine Keime auf den Schnullern unseres Sohns gedeihen. Tom ist fünf Monate alt, und mein Mann und ich reisen mit ihm durch Südostasien. 20 Monate haben wir Zeit. Elternzeit, Kinderzeit, Auszeit.

Wir sind im ersten Monat, und ich bin auf dem Weg in die Küche des entzückenden Teakhauses. Ich stoße mir fast den Kopf an der unverputzten Decke, ducke mich noch rechtzeitig, um den Spinnweben neben der Neonröhre auszuweichen. Der Koch schläft noch, sagt die freundliche Rezeptionistin, und sie selbst habe leider keine Ahnung, wie man den Gasherd bedient. Ich darf die Schnuller mit Wasser in die Mikrowelle stecken. Die ist innen braun bespritzt und stinkt nach alter Soße. Reisen macht frei und flexibel, Reisen macht frei und flexibel. So war das doch, oder?

Da sehe ich die Ratte, die über den Herd huscht und hinter einem Metallregal verschwindet. Igitt!

Wickeln am Busbahnhof, Stillen zwischen Tempelruinen

Wie konnten wir mit Baby in ein Land fahren, in dem es verranzte Rattenküchen gibt? Was ist, wenn unser Kind die falsche Mücke sticht? Was ist, wenn Tom in ein paar Jahren Asthma bekommt, weil er zu viele Abgase inhaliert hat. Was ist, wenn er von der Tropensonne Hautkrebs kriegt? Was ist, wenn?

Stopp! Ich hatte mir doch verboten, auf das Was-ist-Wenn zu hören. Kurz nach Toms Geburt hatte es sich in meinem Kopf eingenistet. Borkenkäfermäßig bohrt es sich seither durch meine Gedanken, wenn ich müde oder gestresst bin. Das Was-ist-Wenn hasst Reisen, zumindest solche, die wir am liebsten machen. Flug buchen, Rucksack packen, los. Zu viele Unwägbarkeiten, die den Sorgenkäfer rotieren lassen.

Wäre es nach ihm gegangen, wären wir in unserer Hamburger Wohnung geblieben. Kräuterbeete, Nistkasten, Hängematte im Garten. Dort waren wir behütet und glücklich. Doch dieses Zuhause gibt es nicht mehr. Unsere Sachen lagern auf dem Speicher meiner Mutter. Alle paar Tage suchen wir nun in der Ferne eine neue Bleibe, wickeln Tom in Busbahnhöfen und auf Autositzen, stillen ihn in Straßenlokalen und zwischen Tempelruinen.

Trotz aller Was-ist-Wenns: Es geht uns gut damit. Tom entzückt die Thai, und die Thai entzücken Tom. Sie rufen "Bebiiiiii" und machen lustige Laute wie "dscha-eeeee", klatschen zweimal in die Hände - und schwupp, sitzt Tom auf ihren Armen - und strahlt. Mehrmals am Tag. Die Mücken meiden ihn, wenn sie mich stechen können. Die Mittagshitze überdauern wir in der schattigen Unterkunft, lassen Tom in einem Eimer planschen und wagen uns erst kurz vor Sonnenuntergang wieder hinaus.

Viele Freunde finden uns mutig

Im Sai-Yok-Nationalpark im Westen Thailands übernachten wir in einer Floßhütte. Am anderen Ufer rauscht ein Wasserfall in den Fluss. Frühmorgens spazieren wir durch den Bambuswald, die trockenen Blätter rascheln unter unseren Sohlen. Ein Pärchen aus Bangkok teilt sein Abendessen mit uns, wir sitzen auf der Holzveranda, reden über Politik und lassen uns von den Wellen schaukeln.

Viele Freunde fanden uns mutig, weil wir so lange reisen, und dann auch noch mit Säugling. Ich finde sie mutiger, weil sie sich dem Alltag stellen. Sie müssen die Kinder, die Liebe, die Jobs jonglieren und dürfen sich selbst dabei nicht fallenlassen. Wir müssen nur mit dem Was-ist-Wenn fertigwerden und dürfen den Sonnenhut und das Mückenöl nicht vergessen.

Wir haben so viel Zeit füreinander und für Tom. Wir verpassen keinen Zahn, keinen neuen Quietschlaut, keinen Drehversuch und lernen selbst jeden Tag etwas dazu. Dass thailändische Babys nicht an Schnullern nuckeln sollen, auch bei Affenhitze Socken tragen und mit Reis statt mit Gemüsebrei starten zum Beispiel. Wir lernen, gemächlich zu reisen, überall anzukommen, bevor wir weiterziehen. Und wenn Tom nachts brüllt, schlafen wir am nächsten Morgen länger. Reisen macht frei und flexibel. Wusste ich's doch.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.