Thailands wilder Westen Der Kwai und seine Krieger

Nach Kanchanaburi reisen die meisten Touristen wegen der Brücke am Kwai - die kennt man aus dem Film. Viel bezaubernder sind in der westlichen Provinz Thailands aber die Menschen - und ihre Elefanten.

Marcel Klovert

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In Gummischlappen hockt Elefantenhüter Klahan auf dem Rücken seiner Elefantenkuh und wäscht ihr den Staub vom Kopf. Wassertropfen glänzen auf der Lederhaut des majestätischen Tiers.

Jeden Tag badet Klahan mit den Elefanten im Fluss. Sie trotten durch den Uferschlamm in den Kwae Yai, den großen Kwai, der sich hier um eine Biegung schiebt. Die Vegetation auf der anderen Seite ist zu einem dichten, grünen Vorhang verflochten.

Neun ausgediente Arbeitselefanten haben auf dem Gelände der Hilfsorganisation Elephant's World in Kanchanaburi, 130 Kilometer von der Metropole Bangkok entfernt, ein Zuhause gefunden. Früher mussten sie Sänften mit Touristen oder Baumstämme schleppen. Ihre damaligen Besitzer hätten sie vielleicht verhungern lassen, weil sie kein Geld mehr bringen. Nun dürfen sie durchs Gestrüpp stromern, wo es nach Wandelröschen riecht und die Trockenheit den schwarzen Erdboden zerfurcht hat.

Eine Rettungsstation für Tiere und Menschen

Die Rettungsstation für Elefanten war auch Klahans Rettung. Er kommt aus Burma und trägt, wie es in seiner Heimat üblich ist, keinen Nachnamen. Klahan gehört zur Volksgruppe der Karen, Christen, die dort von der Militärdiktatur jahrzehntelang verfolgt wurden. Mit 18 Jahren schloss er sich den Widerstandstruppen der Karen an, die gegen die birmanische Armee kämpften. Er schlief sieben Jahre lang im Dschungel in einer Hängematte, schoss auf seine Feinde, fürchtete um sein Leben. Er ließ sich ein geflügeltes Herz auf die Schulter tätowieren und auf den Arm einen burmesischen Spruch.

Was der Spruch bedeutet, will der 32-Jährige nicht verraten. "Etwas mit Liebe", sagt der zierliche Mann und schlägt verlegen die Augen nieder. Als er eine Frau kennenlernte und sie ein Kind bekamen, gab er sein Kriegerleben auf. Doch er hatte keinen Beruf gelernt und fand in Burma keine Arbeit. Da hörte er, dass in Thailand Elefantenführer gesucht werden. "Ich dachte, es kann ja nicht so schwer sein, sich um einen Elefanten zu kümmern", sagt Klahan. Heute betreut er nicht nur die Dickhäuter, sondern auch Besucher aus aller Welt, die kommen, um mit den Tieren zu baden und sie zu füttern.

Todeseisenbahn im Paradies

Die meisten Touristen reisen nach Kanchanaburi wegen der Brücke am Kwai, die der gleichnamige Spielfilm von 1957 bekannt gemacht hat. Sie ist Teil einer 415 Kilometer langen Eisenbahnstrecke, die alliierte Kriegsgefangenen durch den Dschungel bauen mussten, damit die japanische Armee in Burma vorrücken konnte. Rund 13.000 westliche Soldaten und etwa 90.000 asiatische Arbeiter kamen dabei um. Sie starben an Malaria, Cholera oder Geschwüren, verhungerten oder schufteten sich zu Tode. Die Strecke trägt heute den Beinamen Todeseisenbahn. Der größte Teil davon ist längst demontiert oder in einem Stausee versunken.

Der Khao-Laem-Stausee existiert seit 1983. Damals baute die thailändische Regierung weiter südlich einen Damm, um Elektrizität zu erzeugen. Sie schuf damit eine Idylle: Reiher gleiten an Kalksteinfelsen vorbei, von denen Wurzeln herabhängen wie grau-braunes Haar. In den Wäldern am Ufer leben Tiger, Gibbons, Rehe und Elefanten.

In dieses Paradies finden nicht viele der rund 25 Millionen ausländischen Touristen, die jedes Jahr nach Thailand reisen. Im Jahr 2012 besuchten nur knapp 360.000 von ihnen die Provinz Kanchanaburi, die meisten strömten an die Strände im Süden oder in Richtung Norden nach Ayutthaya und Chiang Mai.

Dabei gehören die Kleinstadt Sangkhlaburi und ihr Umland zu den schönsten und urtümlichsten Gegenden Thailands. Und der See birgt ein Geheimnis: Angehörige des einst stolzen Volks der Mon waren in den Fünfzigern vor dem birmanischen Militärregime nach Thailand geflohen und hatten dort, wo sich drei Flüsse aus den Bergen trafen, eine Siedlung gegründet. Sie liegt nun auf dem Grund des Sees. Nur das Dach des alten Tempels ragt noch aus den Fluten.

Schicke Steinhäuser neben Stelzenhütten

Mirandorn Saendi, 37, hütet die verblichenen Fotos, die ihm von seiner Kindheit geblieben sind, wie einen Schatz. Sie zeigen seine Schule, den Bolzplatz, die Sandbank, auf der er mit Stöcken gegen seine Freunde kämpfte. Saendis Großvater war der Schreinermeister der Mon-Gemeinde und schnitzte verschnörkelte Säulen für den jetzt versunkenen Tempel.

Niemand hatte damals geglaubt, dass das Wasser so hoch steigen würde, auch Saendis Eltern nicht. Als es dann kam, zogen sie mit Booten um, in hastig gezimmerte Hütten. Heute sieht man dem Dorf noch an, dass seine Bewohner vor drei Jahrzehnten neu zusammengewürfelt wurden: Schicke Steinhäuser stehen neben Stelzenhütten entlang der breiten, schnurgeraden Straßen. Hier sind die Mon unter sich, sprechen ihre eigene Sprache. Frauen rauchen Zigarren und reiben sich Thanaka, eine Paste aus Baumrindenmehl, auf die Wangen, so wie sie es in Birma tun, gegen die Sonne und für schöne Haut. Eine schwimmende Bambusbrücke führt über den See in den anderen Teil der Stadt, wo Thais, Karen, Birmanen und Mon nebeneinander wohnen.

Gerade ist Saendis Großonkel Yan aus Birma zu Besuch. Er sitzt auf einer Bank vor dem Holzhaus der Familie. Auch Yan trägt keinen Nachnamen, dafür aber ein Tattoo vom Bauch bis zu den Knien. Stolz rollt der 82-Jährige seinen Longyi, seinen birmanischen Sarong, hoch und zeigt die Tiger und Drachen, die Pagode und die Pfauen um den Bauchnabel. Und sein Lieblingstattoo, die springende Katze.

"Ohne Tätowierung bist du kein echter Mon", sagt Yan. Als die Männer der Mon noch Krieger waren, trugen sie die Tattoos als Erkennungszeichen. Yan ließ sich seines mit 18 Jahren stechen.

Er ist einer der letzten tätowierten Krieger, obwohl er selbst nie in den Kampf gezogen ist, sondern auf dem Feld arbeitete. "Die jungen Männer sollten sich auch wieder tätowieren lassen", sagt Yan und schaut zu seinem Großneffen. Saendi lacht und rollt mit den Augen. Er unterrichtet ehrenamtlich Englisch, hat wie viele Mon zwar inzwischen einen thailändischen Pass, aber keinen bezahlten Job. Er wirkt, als suche er Halt im Leben und eine Identität. Doch der Weg seines Onkels ist nicht der seine.

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insgesamt 13 Beiträge
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PentagoonRaider 12.10.2014
1. Fuer die Elefanten ist das nicht so spassig.
Die werden jung brutal zusammengeschlagen, und lebenslang in Haft gehalten, um sie gefuegig zu machen - was westliche Touristen dann spaeter bezaubernd finden. Oh - das machen wir ja mit unseren Rindviechern auch, bloss, dass man die nicht pruegeln muss. Dafuer werden die Bullen oft schon mit 8 Monaten gekillt, weil ihre Kadaver dann noch zarter auf der Zunge zergehen. Auch ein Art, dem Tier-KZ zu entkommen.
fairerdemokrat 12.10.2014
2. Elefanten sind in Thailand arm dran
Ich war im August 2014 in Thailand. Ich habe das Elefantendorf in Kanchanaburi besichtigt. Hier leben 250 Elefanten mit ihren Mahauts in einem Dorf, also direkt neben den Wellblechbaracken. Bei den Elefanten sind in der Regel beide Vorderfüße zusammen gekettet, laufen geht nicht, die können nur mit beiden Beinen humpeln. Zusätzlich sah ich auch noch einmal bei einem Tier den rechten Hinterfuß auf dem Boden angekettet, der konnte sich überhaupt nicht bewegen, der stand den ganzen Tag auf der Stelle. Alle Elefanten leiden unter Hospitalismus. Die größten Landtiere können einen Schritt nach links, einen nach rechts gehen. Viele zeigen von den Widerhaken angerissene Ohren. In einer Arena werden täglich Dressuren gezeigt, die obligatorischen kleinen Fußballtore oder Bastketkörbe sind zu sehen. Nach außen hin entspricht das Dorf dem Surin Project, einem staatlichen Förderprogramm von Thailand und Kambodscha zum Erhalt der Elefanten. Tatsächlich werden die Elefanten geschunden, nicht artgerecht gehalten, für Touristen ausgebeutet, tierverachtend behandelt. Genauso schlimm sind die 150 Tiger im Tiger-Tempel, die unter Drogen gehalten werden, damit die Touristen schöne Fotos beim Streicheln von Tigern machen können. Nahaufnahmen zeigen ausgerissene Krallen. Beide Anlagen gehören geschlossen, und ich rufe die Tierschutzvereine überzeugt auf, sich für diese Tiere einzusetzen. Es ist eine sehr große Schande für Thailand. Wußten Sie, daß 400 verschiedene Insektenarten in Thailand auf dem Speiseplan stehen? Daß Frösche der Bauch vor dem Frittieren aufgeschnitten wird? Daß Heuschrecken Beine und Füße bei lebendigem Leib abgerissen werden, bevor sie, frittiert, als Snack gegegessen werden? Daß Fische filetiert werden, obwohl die Kiemen noch atmen? Kann ich alles nachweisen, habe ich alles gesehen und fühle mich schuldig, daß man ohnmächtig ist. Wir haben beide Anlagen traurig verlassen.
fairerdemokrat 12.10.2014
3. Umweltzerstörung am Khao-Laem-Stausee
Ich habe den subjektiven Eindruck, daß die Verfasser Einiges nicht wissen oder nicht wissen wollen. Die Idylle am Khao-Laem-Stausee ist falsch beschrieben. Falls Sie mal tatsächlich Infos über Thailändische Stauseen wissen wollen, prüfen sie auf der englisichen Wikipedia-Seite mal als Beispiel den Pak-Mun-Damm.Er gilt in der Fachwelt als sehr umstritten, weil die Anzahl der im Fluß lebenden Fische zu 60% reduziert wurden, nachweislich sind 50 Fischarten ausgestorben. Der Bau war umstritten, weil dessen Notwendigkeit nicht nachgewiesen werden konnte. Thailand exportiert 30% seiner Stromerzeugung ins Ausland. Strom aus Wasserkraft hat nur einen geringen Anteil, der meiste Strom wird in Kohle- und Atomkraftwerken produziert. Thailand ist wunderschön, gute Artikel braucht das Land, aber nicht Schönfärberei.
Sri Lanka forever 12.10.2014
4. Übrigens, der Film...
... "Die Brücke am Kwai" wurde in Sri Lanka und nicht in Thailand gedreht. Wenn die Touristen also des Films halber dorthin reisen, sind sie im verkehrten Land...
winki 12.10.2014
5. An dem Beitrag von
Ich bin seit 20 Jahren jedes Jahr, wenn hier Winter ist, 4-6 Monate in Thailand und habe schon so einiges Erlebt was in die Richtung geht. Die Thais haben zum Leben, das von Menschen und das von Tieren, eine sehr widersprüchliche Einstellung. Auf der einen Seite können sie sich für Menschen oder Tiere die in Schwierigkeiten sind regelrecht aufopfern. Andererseit tun sie ohne Skrupel das genaue Gegenteil. Der Buddhismus hält für fast jedes Verhalten eine Erklärung oder eine Entschuldigung bereit. Um das alles zu verstehen muss man dort geboren und aufgewachse sein.Unsere Vorstellung von Moral und Ethik sind in Thailand und den anderen Ländern Süd-Ost-Asiens nicht anwendbar.
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