Profikletterer im Yosemite-Nationalpark Der Fels gegen Liebeskummer

Als junger Mann sägt er sich aus Versehen einen Finger ab - und doch wird er einer der besten Kletterer der Welt: Der Extremsportler Tommy Caldwell gibt nie auf. Dann verlässt ihn seine Frau.

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Tommy Caldwell sitzt in einem kleinen Zelt, das an einer Felswand hängt, rund 400 Meter über dem Boden. Er telefoniert mit einem Reporter der "New York Times". Der Journalist fragt: "Warum tut ihr das? Ich meine, was soll das alles überhaupt?"

Seit neun Tagen campieren Caldwell und sein Kletterpartner Kevin Jorgeson in der steilen Granitwand des El Capitan im Yosemite-Nationalpark. Sie schlafen nicht viel. Sie ernähren sich von Nüssen, Trockenobst und Nudeln, die sie in einem kleinen Gaskocher zubereiten. Ihr Geschäft verrichten sie in Plastiktüten, die sie in einer Tasche sammeln.

Duschen können sie sich nicht, beim Zähneputzen spucken sie über den Rand des Zeltes und sehen dem kleinen, weißen Spucketropfen hinterher, der lange fällt, bis er auf dem Boden auftrifft.

Tagsüber brennt die Sonne auf den Felsen. Wenn die Abenddämmerung einsetzt, beginnen die beiden zu klettern - teilweise bis spät in die Nacht, mit Stirnlampen und dicken Daunenjacken. Bei Kälte ist der messerscharfe, spitze Fels griffiger und die Haut an den Fingerspitzen nicht so weich.

Caldwell und Jorgeson wollen schaffen, was vor ihnen noch niemand geschafft hat. Besser gesagt: worüber vor ihnen wohl noch nicht einmal jemand nachgedacht hat. Sie wollen die schwierigste Route am 1000 Meter hohen El Capitan klettern, die "Dawn Wall" (Dämmerungswand). Der steilste und glatteste Abschnitt des Felsens heißt so, weil er bei Sonnenaufgang als erstes vom Tageslicht angestrahlt wird.

El Capitan im Yosemite-Tal, der helle Teil links die "Dawn Wall"
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El Capitan im Yosemite-Tal, der helle Teil links die "Dawn Wall"

Der Versuch der beiden sorgte 2015 weltweit für Aufsehen. Ein Filmteam begleitete die Kletterer Tag und Nacht. Am 4. Oktober erscheint die Dokumentation "Durch die Wand" in den deutschen Kinos. Eindrücklich zeigt sie, wie sich Caldwell und Jorgeson durch die "Dawn Wall" kämpfen, Szenen wie die des Telefonats in 400 Metern Höhe vermittelt auch Nicht-Kletterern, warum die beiden sich der Route komplett verschrieben hatten.

"Ich brauchte etwas, von dem ich träumen kann", sagt Caldwell. Der 40-Jährige sitzt in einem Hotel in Hamburg. An seiner linken Hand sieht man den verstümmelten Zeigefinger. Mit 23 Jahren, damals kletterte er bereits auf Profiniveau, sägte er sich bei Renovierungsarbeiten an seinem Haus den Finger ab. Der Arzt sagte ihm, er müsse sich wohl einen anderen Sport suchen. "Ich dachte mir, scheiß auf den. Der weiß nicht, was ich kann", sagt Caldwell. Ein Jahr später kletterte er eine Route, die er mit zehn Fingern nie geschafft hatte.

"Tommy ist besessen", sagt Jorgeson - und meint das nicht unbedingt als Witz. Jahrelang suchte Caldwell nach Möglichkeiten, die "Dawn Wall" zu klettern. 32 Seillängen sind es bis zum Gipfel, jeder Abschnitt ist rund 30 Meter lang. Teilweise sind die Griffe nicht breiter als ein Eurostück.

Manchmal müssen die Kletterer ihre Füße gegen die glatte Wand stemmen und hoffen, dass die Reibung ihrer Schuhsohlen ausreicht, um sie zu halten. Wer stürzt, muss sich bis zu seinem Sicherungspartner abseilen und wieder von vorne beginnen - so lange, bis beide Kletterer den Abschnitt geschafft haben.

Die Geschichte von Caldwell und Jorgeson landete auf der Titelseite der "New York Times". Menschen reisten in den Yosemite-Park und beobachteten mit Ferngläsern und riesigen Stativen wie Jorgeson tagelang an der 15. Seillänge scheiterte. Klettern - früher den Hippies und alternativen Outdoor-Typen vorbehalten - ist inzwischen ein Trendsport.

"Der El Cap war immer etwas Persönliches für mich", sagt Caldwell. "Und dann auf einmal überhaupt nicht mehr." Er sei kein Kletterer geworden, um in der Öffentlichkeit zu stehen - nach der "Dawn Wall" gratulierte sogar der damalige US-Präsident Barack Obama.

Schon als Kind kletterte Caldwell extreme Routen. Als Jugendlicher gewann er Wettkämpfe. Doch irgendwann reizte ihn der Konkurrenzkampf nicht mehr: "Ich war auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen, ich wollte kreativ sein", sagt er.

Mit 22 Jahren reiste Caldwell mit seiner damaligen Freundin und zwei weiteren zu einem Klettertrip nach Kirgisien. Dann passierte das, was Caldwell bis heute nicht mehr loslässt: Die Gruppe wurde von Rebellen entführt und als Geiseln genommen. Nach sechs Tagen konnten die vier jungen Kletterer entkommen - weil Caldwell einen der Entführer über eine Klippe stieß.

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Kletterroute am El Capitan: 19 Tage an der Wand

Später stellte sich zwar heraus, dass der Entführer den Sturz überlebt hatte. "Dennoch hat es mich beschäftigt, dass ich dazu fähig bin, einen Menschen zu töten", sagt Caldwell. "Was schlummert in mir, dass ich so etwas kann?" Das Klettern half ihm, wieder zurück in den Alltag zu finden.

Doch als sich seine erste große Liebe von ihm trennte, wusste er nicht mehr weiter. "Ich war am Boden zerstört", sagt er. "Ich litt so sehr, dass ich eine Ablenkung brauchte." Also fuhr er jeden Tag zum El Capitan. Er zeichnete einzelne Abschnitte auf, seilte sich von oben ab, um mögliche Griffe und Tritte zu finden. Nachts lag er in seinem Zelt und weinte aus Liebeskummer.

Im Video: Deutscher Trailer von "The Dawn Wall"

Kevin Jorgeson erfuhr 2009 von Caldwells Vorhaben. Der 33-Jährige ist eigentlich professioneller Boulderer. Während Caldwell als bester Kletterer an extrem hohen Wänden aller Zeiten gilt, kletterte Jorgeson ohne Seil an Felsblöcken, die selten höher sind als zehn Meter. Trotzdem bot er sich als Kletterpartner an. Zu seiner Überraschung sagte Caldwell zu. "Er war der einzige Interessent", sagt er. "Alle anderen hielten mich für irre."

Wahrscheinlich hätte Jorgeson das auch getan, hätte er gewusst, dass er die kommenden sechs Jahre seines Lebens darauf verwenden würde, mit Caldwell immer wieder zur "Dawn Wall" zu kommen und unterschiedliche Abschnitte zu probieren. "Ich wusste nie, ob wir unsere Zeit vergeudeten oder ob wir etwas Großes vorhatten", sagt Jorgeson.

Am 27. Dezember 2014 begannen Caldwell und Jorgeson den Durchstieg der Route. Nach 19 Tagen in der Wand erreichten sie am 14. Januar 2015 den Gipfel.

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Tom Joad 29.09.2018
1.
Das Träumen, das Streben, das Versuchen, das Kämpfen, das Scheitern, das Oben-Ankommen ... Es gibt wohl kaum eine Sportart, die ähnlich metaphysisch das Mensch-Sein beschreibt wie das Klettern.
markus.kroha 30.09.2018
2. @1 Tom Road
Ich klettere und bouldere selbst, und selten hat ein Zitat wie das Ihre es so treffend beschrieben. Darf ich das dann und wann zitieren? Gerne mit oder ohne Hinweis auf Urheber.
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