The Oriental in Bangkok "Ich war Tanzbär der Reichen"

Kein Hotelmanager wurde mit mehr Auszeichnungen überhäuft: Kurt Wachtveitl ist nach knapp 42 Jahren als Chef des legendären Oriental Hotel in Bangkok in den Ruhestand getreten. Seine Gäste waren Spitzenpolitiker und Filmstars - und nie vergessen wird er den Besuch von Michael Jackson.

Aus Bangkok berichtet Jürgen Kremb


Bangkok - Die skurrilste Geschichte, die der König der Hotelmanager jemals erlebte, handelt nicht vom König von Thailand, sondern ist vielleicht die mit dem "King of Pop". Ja, der gerade Ende Juni verstorbene Michael Jackson war es, der einmal den legendären Hotelmanager Kurt Wachtveitl, 72, mehr als andere Gäste zuvor in Schwierigkeiten brachte.

1993 war es, da hatte sich der Entertainer mit einer gut 70-köpfigen Entourage in der besten Suite des berühmten Bangkoker Fünf-Sterne-Hotels am Chao Phraya einquartiert. Just in der Woche geschah das, als zu Hause in Los Angeles die Bombe des Kinder-Sex-Skandals platzte. Weil die Eltern der angeblich missbrauchten Teenager im Anflug nach Bangkok waren, sagte der Popstar nicht nur sein Konzert dort ab, sondern weigerte sich auch, seine Suite zu verlassen. Daraufhin protestierten vor dem Oriental enttäuschte Fans, entrüstete Demonstranten zogen auf, und Pressefotografen brachten ihre Kameras in Anschlag.

Das alles wäre vielleicht noch nicht so schlimm gewesen, denn immerhin zahlte der Musiker alleine für seine großzügige Unterkunft schon 3500 Dollar die Nacht ("plus Tax, plus Service charge"). Doch viel schlimmeres Unheil drohte aus Deutschland. Denn während Jackson sich in der President Suite verrammelte, bestieg in Berlin bereits der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Flieger. Am kommenden Tag stand nämlich sein offizieller Staatsbesuch beim König von Thailand an. Gebucht war er im Oriental, in der Zimmerflucht, die der schrullige Michael Jackson nicht mehr verließ.

Joseph-Conrad- statt President Suite

"Selten war ich so in der Bredouille", erinnert sich Wachtveitl, der stets die freundliche Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs, gepaart mit der graumelierten Noblesse eines bayerischen Landadeligen ausstrahlt. "Der deutsche Botschafter tobte, und die thailändischen Sicherheitskräfte standen Kopf." Zum Glück war dann aber Weizsäcker damit zufrieden, dass er mit der Joseph-Conrad-Suite (benannt nach dem britischen Autor) im alten, eigentlich viel schöneren Flügel des Hotels residieren durfte.

Denn obwohl das Hotel mitten im Acht-Millionen-Moloch gelegen ist, fällt dort der Blick in einen duftenden tropischen Garten. Dahinter ziehen Lastenkähne vorbei, knattern Bangkoks legendäre Speedboote, und schnatternde Schulkinder lassen sich zum Unterricht schippern. Mit einem schöneren Ausblick als auf dieses faszinierende Kaleidoskop asiatischen Stadtlebens verwöhnt wohl kein Hotelzimmer in Asien.

So gepflegt sah das im Oriental freilich nicht aus, als Kurt Wachtveitl im November 1967 seinen Dienst als Generalmanager (GM) antrat. Weil dort stets berühmte Autoren wie Joseph Conrad oder Somerset Maugham logiert hatten, war der damals gut 90 Jahre alte Kolonialbau zweifellos das berühmteste von nur drei Luxushotels in der "Stadt der Engel", wie die Thais ihre Hauptstadt nennen. Aber die Ausstattung ließ arg zu wünschen übrig. In den Suiten verschaffte nur ein Deckventilator Kühlung, der so stark rotierte, erinnerte sich Wachtveitl heute, "dass er den Gästen fast das Toupet vom Kopf blies". Und da gerade das Continental-Hotel in der Stadt neu eröffnete hatte, war die Belegrate im Oriental auf ruinöse zehn Prozent gefallen.

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Bei der Rückkehr zum alten Ruhm kam dem jungen deutschen GM, der gerade seine thailändische Jugendliebe aus der Hotelfachschule geheiratet hatte, zunächst der Zufall zu Hilfe. Bald nach Dienstantritt stand ein französischer Koch in seinem Büro, der mit dem Uralt-Trick ("ich geh' mal schnell Zigaretten holen") seine Frau in Paris hatte sitzen lassen, um in Fernost ein neues Leben zu beginnen. Mit ihm wurde das "Normandie" im Oriental bald wieder zum besten französischen Restaurant östlich von Suez.

Vor allem die amerikanischen Generäle schätzten das besonders, die jetzt mit dem beginnenden Vietnam-Krieg ihre Familien in Bangkok wohnen ließen und hier Urlaub von den Schlachten in Hue und Danang machten. Oberbefehlshaber William Westmoreland war bald genauso Gast bei Wachtveitl wie der Romancier und Journalist Graham Green, der Teile seines Vietnam-Romans "Der stille Amerikaner" in dem Hotel geschrieben hatte.

"Misslingt eine Kleinigkeit, lassen sie die Sau raus"

Mit dem Beginn des Tourismus in Südostasien checkten bald auch wieder die Reichen und Schönen bei Wachtveitl ein. Hollywood-Star Liz Taylor genauso wie Jack Welch, der Chef von General Electric, Khieu Samphan, der Ex-Staatschef der Roten Khmer, wie auch Königin Margrethe von Dänemark. Wachtveitl versuchte allen den Aufenthalt in einer perfekten Mischung von thailändischer Gastfreundschaft und deutscher Präzision zum Erlebnis besonderer Art zu machen.

"Wenn man Celebrities alle Wünsche von den Lippen abliest", resümiert der Bayer sein halbes Jahrhundert Berufserfahrung, "sind sie so zahm wie Lämmer. Aber wenn nur eine Kleinigkeit misslingt, lassen sie sofort Sau raus." Doch zu welchen Indiskretionen und Verfehlungen es bei derartigen Auftritten kam, wird der Mann, den selbst Thailands Ex-Premier Thaksin Shinawatra und die Royals nur leutselig mit "Kurt" ansprechen, nie verraten.

Strenge Verschwiegenheit ist eines der größten Erfolgsgeheimnisse des deutschen GMs: "Meine Lippen blieben stets verschlossen." Und wenn doch einmal etwas ganz schief ging und ein Gast etwa im Hotel verstarb, was einige Mal während Wachtveitls Amtszeit passierte? "Dann", sagt er mit einem sehr thailändischen Lächeln, "ließen wir den Leichnam so in einen Krankenwagen legen, dass er eben erst auf dem Weg ins Krankenhaus richtig tot war."



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