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Tibet-Bahn: Ansturm aufs Dach der Welt

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Die letzten Gleise der höchsten Bahnstrecke der Welt sind verlegt, China feiert sein Mammutprojekt in Tibet als nie dagewesenen Triumph des Eisenbahnbaus. Doch die Tibeter fürchten durch den erleichterten Zugang in ihre Region eine weitergehende massive Bedrohung ihrer Kultur.

Wer vom mächtigen Potala-Palast auf das Tal schaut, kann in der Ferne eine weiße Brücke über den Lhasa-Fluss erkennen. Über sie werden schon bald Züge zum Bahnhof rollen, der in diesen Tagen am anderen Ufer entsteht. Um ihn herum wächst ein völlig neuer Bezirk der tibetischen Hauptstadt aus dem Boden.

Mit dem Zug auf das Dach der Welt - schon Mao Zedong hat davon geträumt. Lange war den chinesischen Ingenieuren das Projekt jedoch zu teuer und technisch zu kompliziert. Jetzt wird es Wirklichkeit. Bauarbeiter haben die letzten Gleise der höchsten Eisenbahn der Welt gelegt.

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Tibet: Auf dem Dach der Welt

Nun folgt die Testphase: In den kommenden zwölf Monaten müssen die Streckenabschnitte getestet werden. Zudem wollen Chinas Eisenbahner ausprobieren, wie die Dieselmotoren der Lokomotiven (Marke "Ostwind") in der dünnen Luft arbeiten. Der reguläre Betrieb soll ab 1. Juli 2007 zwischen Lhasa und dem 1142 Kilometer entfernten Stadt Golmud in der Provinz Qinghai und dem übrigen China beginnen.

Ein monumentales Unternehmen, so wie es Pekings KP liebt. 35.000 Arbeiter haben in den letzten vier Jahren unter harschen Bedingungen die Gleise verlegt, 33,09 Milliarden Yuan (rund 3,46 Milliarden Euro) kostet das Projekt - mehr als zehn Milliarden Yuan mehr als ursprünglich geplant und mehr als Peking in den letzten 50 Jahren für Krankenhäuser und Schulen in Tibet ausgegeben hat.

Riskant für Arbeiter und Passagiere

Noch nie wurde eine Eisenbahn in so großer Höhe auf so schwierigem Terrain gebaut. Fast die gesamte Route liegt über 4000 Meter hoch, an einem Punkt erreichen die Gleise sogar 5072 Meter über dem Meeresspiegel. Der höchste Bahnhof - einer von 29 - wird in der Ortschaft Nagqu auf 4500 Metern errichtet. Auf knapp der Hälfte der Strecke herrscht Permafrost: Der Untergrund ist ständig gefroren, im Sommer allerdings taut er an der Oberfläche auf - die Gleise könnten ins Schwimmen geraten.

Nicht nur für die Arbeiter war das Unterfangen wegen des geringen Sauerstoffs gefährlich, auch für die Passagiere könnte es riskant werden. Die Waggons der kanadischen Firma Bombardier werden deshalb wie ein Flugzeug abgedichtet, um die Fahrgäste vor der gefährlichen Höhenkrankheit zu schützen. Zudem sollen in jedem der täglich acht Züge Mediziner mitreisen.

"Ein noch nie dagewesener Triumph des Eisenbahnbaus", jubelte Staats- und Parteichef Hu Jintao, als vor wenigen Tagen die letzte Schwelle gelegt wurde. Für Peking ist das Unternehmen ein neuer Beweis, dass es nur das Beste für Tibet im Sinn hat, das Maos Truppen 1951 besetzten.

Viele Tibeter dagegen hegen schwere Bedenken: Wenn erst einmal die Züge fahren, werde Peking die Region in einen noch festeren Griff nehmen. Die Furcht: Die Eisenbahn werde immer mehr Chinesen auf das Dach der Welt schaffen und damit die Tibeter weiter an den Rand drängen. Buddhistische Religion und tibetische Kultur gerieten noch stärker in Gefahr, das Risiko ethnischer Spannungen wachse.

Bahn verbessert Logistik der Armee

Schon jetzt versuchen viele Chinesen aus anderen Landesteilen auf dem Himalaja ihr Glück. In Lhasa und anderen Städten eröffnen sie kleine Geschäfte, andere arbeiten auf dem Bau. Mit den Zuwanderern kamen Prostituierte, die sich in Hunderten von "Friseursalons" anbieten. Tibets Behörden weigern sich, konkrete Zahlen über die Migration zu veröffentlichen.

Peking kann mit der Eisenbahn im Notfall schnell Truppen nach Lhasa transportieren. Sie verbessere die Logistik der Armee, ermögliche den Bau von mehr Kasernen sowie die Lagerung von Nuklearwaffen, Flugzeugen und Raketen, warnt die in London ansässige Menschenrechtsorganisation "Free Tibet Campaign". Dies stelle auch eine Bedrohung Indiens dar und könne die Region destabilisieren.

Bislang ist Tibet nur über drei schwierige Straßen mit der Außenwelt verbunden, Lastwagen versorgen die 2,5 Millionen Einwohner der Autonomen Region. Nun können Tibets Bodenschätze, vor allem Mineralien, kostengünstiger abgebaut und ins Landesinnere geschafft werden. "Das wird das Einkommen der Tibeter steigern", verspricht ein chinesischer Funktionär: "Mit der Bahn kommt der Fortschritt nach Tibet. Sie wird Kapital, Projekte und Menschen bringen."

Schon planen die Chinesen, die Strecke von Lhasa aus zu verlängern: Bis 2017 sollen zwei Strecken hinzukommen; nach Linzhi im Osten und die zweitgrößte Stadt Tibets, Xigatse.

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