Wandern in China: Der Sprung des Tigers

Von Stefan Schultz

Tigersprungschlucht: Abenteuer-Trekking in China Fotos
Jannika Schulz

In den Bergen der südchinesischen Provinz Yunnan liegt die tiefste Schlucht der Welt. Ein halsbrecherischer Pfad führt hinab zu einem Fluss, an dem einst ein sagenhafter Tiger gelebt haben soll. Man sagt, wer es bis zu diesem Ort schafft, dessen Leben wird sich schlagartig ändern.

Tief in den Bergen Yunnans, wo ein Gletscherfluss dröhnend durch die Felsen bricht, soll einst ein Tiger gestanden haben. Ein stolzes, freies Tier mit großem Kopf und feinem Charakter. Der Legende nach nahm er Anlauf, stieß sich ab und sprang. Weiter, als je ein Tier gesprungen ist. Hinüber zum anderen Ufer.

Seitdem verehren die Chinesen den Ort als Tigersprungschlucht. Und Backpacker aus aller Welt wandern die halsbrecherische Route hinab zum Fluss, zum Grund einer der tiefsten Schluchten der Welt. Man sagt, wer es bis dorthin schafft, dessen Leben wird sich schlagartig ändern.

Am frühen Morgen brechen wir auf, kühle Luft, der Himmel ein schmales Band, tiefblau zuerst, dann langsam heller, bis gegen zehn Uhr die ersten Sonnenstrahlen über den Bergkamm brechen und die Schlucht mit Licht und Wärme fluten.

Unsere Reisebekanntschaften erinnern an Figuren aus einem Roman von Hunter S. Thompson. Da ist der Hedgefonds-Manager aus London. Hat sechs Monate bis zur Erschöpfung gearbeitet, 70 bis 80 Stunden pro Woche. Ist dann ausgestiegen. Ausgezogen, die großen Berge zu besteigen. Blickt sehnsüchtig zu den Wipfeln des Jadedrachen-Schneegebirges, zur Kante der Schlucht.

Da ist der slowenische Theaterregisseur. Saß gestern Nacht zu lange auf der Dachterrasse unseres Hostels, seine Freundin im Arm, über ihnen die Milchstraße. Mit Hasch im Hirn sinnierte er über verschlungene Theaterplots.

Auch ein Chinese ist dabei. Ein drahtiger Student mit einem Riesenrucksack und einem klobigen Kamerastativ. Ist letzte Nacht über die Berge gekommen. Hat sein Kamerastativ quer durch die Wildnis geschleppt, um sich die umgerechnet acht Euro für den Wanderweg zu sparen. Er reist quer durch China, fast ohne Geld.

100 Sprossen in den Abgrund

Der Weg führt zunächst 28 quälende Windungen hinauf, empor zur Kante der Schlucht, vorbei an Dörfern, in denen Wachhunde bellen, ein Stück über den Bergkamm, durch Wasserfälle hindurch.

Jeder, der die Schlucht durchquert, ist auf der Suche. Der Chinese sucht die Freiheit. Der Hedgefonds-Manager die Natur. Der Theaterregisseur einen Pfad, an dem man die Gedanken zurücklassen kann. Und alle suchen sich selbst.

Am zweiten Tag beginnt der Abstieg. Ein Pfad aus Schotter und Geröll führt hinab, mehr als 2000 Höhenmeter, auf den Grund der Schlucht. Die Natur überwältigt uns. Der Duft der Felder. Das Grollen des Flusses. Die Schatten der Wolken, die sich auf grünen Bergkämmen heben und senken wie der Atem eines großen Tieres.

Kurz bevor wir den Grund erreichen, endet der Weg an einer etwa 15 Meter langen Leiter. 100 Sprossen, die senkrecht in den Abgrund führen. Ich beginne zu klettern. Mein Rucksack wiegt 1000 Tonnen. Auf halber Strecke lese ich die aufmunternde Botschaft eines Fremden, mit roten Lettern auf den Fels geschrieben: "I can do it. Oh yeah!"

Am Fuße der Leiter der Gletscherfluss. Eine Hängebrücke. Unter uns ein Brausen, ein Rauschen, ein ohrenbetäubendes Grollen. Die Strömung bringt die umliegenden Felsen zum Beben. Gischt, die an geschmirgelten Steinen emporschlägt und Gestalten formt. Ich bin erschöpft, ich bin glücklich. Sehe Gesichter im Fluss, die Umrisse eines Drachen, die Schemen wilder Pferde.

Und plötzlich, als ich aufblicke, sehe ich den Tiger. Oranges Fell, eiserne Muskeln. Unbeirrbar der Blick. Er nimmt Anlauf, ein paar Schritte nur, überfliegt die Schlucht ohne Mühe. Nachdem er gelandet ist, dreht er sich kurz um, fletscht die Zähne. Dann verschwindet er zwischen den Felsen.

Linienbus nach Shangri-La

Auf dem Rückweg denke ich lange an meinen Tiger. Wir erreichen eine Bushaltestelle. Hier hält ein Shuttle-Service, der Touristen auf bequemem Weg in die Nähe der Tigerfelsen bringt. Ein Linienbus fährt nach Lijiang, wo die chinesischen Hippies wohnen. Ein anderer, zweimal täglich, ins sagenumwobene Shangri-La. Unsere Begleiter fahren weiter, zum nächsten Sehnsuchtsort ihrer Reise.

Eine Freundin und ich aber folgen weiter der Schlucht, folgen dem Tiger. Am Nachmittag erreichen wir das Dorf Walnussgarten. Hölzerne Bauernhäuser am Berg, über den Türen rote Banner. Hammer und Sichel. Wir checken ein in Seans Gasthaus.

Sean hat einen Arm voller Muskeln und einen Armstumpf, auf dem er ein Smartphone balanciert. Ständig liest er die Nachrichten. Er sagt, dass China noch immer seine Heimat ist. Auch wenn er China immer weniger versteht.

"Den Tiger?", fragt Sean und lacht. "Den hat es hier nie gegeben." Das sei nur die Phantasterei eines Spinners gewesen, die findige Tourismus-Manager vermarktet hätten. Er habe den Urheber der Geschichte sogar gekannt.

Mr. Zhang habe er geheißen. Ein Trunkenbold. Ein Schönschwätzer mit einer Passion für Mijiu und Baijiu, für Reiswein und hochprozentigem Schnaps, die in Kombination mit der überwältigenden Landschaft Yunnans wohl schon so manch chinesische Geistergeschichte hervorgebracht hätten.

Ob wir Mr. Zhang mal treffen könnten, fragen wir. "Das geht nicht", sagt Sean. Der ehrenwerte Mr. Zhang habe vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet. Die Leber.

Mr. Zhangs Vermächtnis

Seine Geschichte aber wird auf ewig in der Schlucht fortleben. Wohl jeder, der es bis zum Grund der Schlucht schafft, stellt sich den Tiger vor. Für jeden symbolisiert er etwas anderes. Im Kern aber geht es stets um die Macht des Willens. Die Kraft, das eigene Leben zu ändern, neue Wege zu gehen.

Der Hedgefondsmanager aus London will künftig jedes Jahr sechs Monate arbeiten und sechs Monate reisen. Der Regisseur aus Ljubljana führt bald sein erstes Theaterstück auf. Und der Chinese entdeckte seine eigene Stärke. Bald schreibt er seine Abschlussprüfung. Er wird bestehen, da ist er ganz sicher.

Oben an den Kämmen der Berge haben Sean und seine Freunde 20.000 Walnussbäume gepflanzt. Einen Märchenwald, der den Menschen Arbeit gab und der die Schlucht vor Erosion schützt. Am frühen Morgen brechen wir auf und gehen zwischen den Bäumen spazieren. Kühle Luft, der Himmel weit. Ich höre ein Rascheln. Ich bin ganz sicher: Es ist der Tiger.


Dieser Text entstand im Rahmen des deutsch-chinesischen Medienbotschafterprogramms.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Tiefste Schlucht der Welt?
fragestunde123 21.05.2013
Ich frage mich, wie viele "tiefste Schluchten der Welt" ich schon gesehen habe. Geht es hier um Reklame oder um Journalismus? Das Kali Gandaki Tal in Nepal muß man nicht unbedingt als Schlucht bezeichnen, aber mit 2 8000ern rechts und links bei einer Talhöhe von 1200-2700 m ist es zumindest spektakulär. Ansonsten beanspruchen noch mehr Schluchten weltweit diesen Titel. Und welche ist es wirklich?
2. Yige Zhongguoren zai Zhongguo
richsorge 21.05.2013
Zitat von sysopIn den Bergen der südchinesischen Provinz Yunnan liegt die tiefste Schlucht der Welt. Ein halsbrecherischer Pfad führt hinab zu einem Fluss, an dem einst ein sagenhafter Tiger gelebt haben soll. Man sagt, wer es bis zu diesem Ort schafft, dessen Leben wird sich schlagartig ändern. Tigersprungschlucht in Chinas Provinz Yunnan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/tigersprungschlucht-in-chinas-provinz-yunnan-a-896129.html)
Danke für die Info, aber an der Stelle bin ich ausgestiegen: "Auch ein Chinese ist dabei..." In China, ich fass es nicht! Entweder schlecht geschrieben oder blind durch die Welt tourend. Mach Dein Ding!
3.
skade 21.05.2013
hm..ich war auch schon da, allerdings mit dem Auto und nicht über den Wanderweg. So spektakulär fand ich die Schlucht jetzt nicht.
4. halsbrecherische Route hinab zum Jangtsekiang-Fluss
kuhnarthur 21.05.2013
Der fliesst da nicht durch!
5. Nur zwei Anmerkungen:
Antares42 21.05.2013
Schön verträumt geschriebener Reisebericht, gefällt mir sehr. War selbst Anfang 2010 in Yunnan, und dann natürlich auch an der Schlucht. (Wie man nun dazu kommt, dass dies die tiefste der Welt sei... naja, hängt wohl von der Definition ab.) Zwei Anmerkungen also: Die Hiker nehmen den langen Pfad zur Schlucht, wie im Artikel erwähnt gibt es aber auch einen breiten, bequemen, frisch gepflasterten Wanderweg vom Busparkplatz bis zur Brücke an der Schlucht - man kann also statt in zwei Tagen auch in gut 20 Minuten zum Tiger kommen. Dabei findet man allerdings nicht so gut zu sich selbst. ;-) Zu sehen ist der Pfad z.B. hier: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Tiger_Leaping_Gorge_Canyon_Close_Up_View.JPG Dann noch fix zu Shangri-la: Die Ortschaft hiess bis 2001 Zhongdian und wurde hauptsächlich mit Auge auf den Tourismus umbenannt. Der Ort den J. Hilton in seinem Roman beschreibt existiert wohl nicht, obwohl man immerhin einen im Roman erwähnten Tempel am oberen Yangtze / am Jinsha-Fluss finden kann. Alles Gute Antares42
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