Tokelau Der Untergang eines Südseeparadieses

Zwischen dem Äquator und Samoa liegt einsam im Pazifik Tokelau. Die letzte Kolonie Neuseelands ist schwerer erreichbar als die Antarktis. Die 1500 Bewohner des Südseereichs, in dem Tradition und Frömmigkeit das Leben bestimmen, leben mit der Gewissheit, dass ihre Inseln irgendwann im Meer versinken werden.

Von Anke Richter und Alex Webb (Fotos)


Lagune von Fakaofo: Im Sonnenuntergang spielt ein Mädchen mit Seegurken
Alex Webb

Lagune von Fakaofo: Im Sonnenuntergang spielt ein Mädchen mit Seegurken

Das Atoll hat keine Autos, kein Gefängnis, keine Fernseher und seit zwei Wochen kein Bier. Es hat auch keinen Hafen, nur einen schmalen Kanal im Riff, und davor kreuzt ein wuchtiges Marineschiff. Der Kapitän weiß nicht, wo er ankern soll. An Bord ist der französische Botschafter aus Neuseeland. Er wird seit Stunden an Land erwartet, "8.10 Uhr - Begrüßung" sieht das Festprogramm vor. Am Strand stehen Kinder in blauen Schuluniformen und mit Blumenkränzen im Haar geduldig in der heißer werdenden Sonne und beobachten die Manövrierversuche des grauen Seeungeheuers. Die Männer aus der Tanztruppe haben ihre kriegerischen Kostüme angelegt, die letzten Hühner werden verscheucht, und der Pfad, der den Gast vom Ufer durchs Dorftor zum ventilatorgekühlten Versammlungshaus führen soll, wurde frisch renoviert mit einem weißen Belag. Korallenrollrasen.

Es ist der erste offizielle Besuch der Franzosen in der Geschichte von Tokelau. In das winzige, aus drei Atollen bestehende Land zwischen Samoa und dem Äquator verirren sich im Jahr höchstens eine Hand voll Segler oder seefeste Pazifikreisende und die wenigen Ärzte, Lehrer oder Entwicklungsexperten, die dort ihren Dienst verrichten. Denn was die Atolle ebenfalls nicht haben, ist ein Flughafen. Der Zugang zur Außenwelt ist nur alle zwei Wochen per dreitägiger Schiffsfahrt möglich, zwischen Ladung, wummerndem Schornstein, schlafenden Kindern und kräftigen Polynesiern, die Rugbyvideos auf dem Bordmonitor anschauen. Wer hierher kommt, macht keinen Urlaub, und wer von hier weggeht, tut es für Monate oder Jahre. Oft für immer. Mittlerweile leben in Australien und Neuseeland viermal so viele Tokelauer wie in der Südsee.

Telefone als letztes Land der Welt

Im 19. Jahrhundert bekamen die bis dahin völlig autarken Inseln einflussreichen Besuch. Walfänger brachten Krankheiten mit, Missionare versuchten 500 Menschen umzusiedeln, peruanische Menschenräuber verschleppten 140 Männer auf Plantagen. Schließlich überlebte auf den drei Atollen Atafu, Nukunonu und Fakaofo eine um die Hälfte reduzierte Bevölkerung. 1889 wurde Tokelau dem britischen Imperium einverleibt. Die Engländer übergaben die zwölf Quadratkilometer aus kargem Korallenboden und Palmenhain 1925 an Neuseeland.

Zu Besuch kamen jetzt die Koprahändler, die das getrocknete Fruchtfleisch der Kokosnuss, das vor allem für Speiseöl verwendet wird, mit gutem Gewinn weiterverkauften. Ganz selten einmal kam auch ein Abgesandter der Queen. Zu weit waren die Inseln, zu mühsam die Anreise per Schiff und zu mager die Ressourcen am Ziel. Das Postschiff fuhr nur drei bis vier Mal im Jahr vorbei, eine Schule wurde erst 1950 gebaut. Die letzte Kolonie Neuseelands war auch das letzte Land der Welt, das in den neunziger Jahren Telefone bekam.

Heute schaut hin und wieder eine Delegation der Vereinten Nationen vorbei. Seit Jahren sind Verhandlungen im Gang. Die UN sähen das Land gerne aus dem Kolonialstatus entlassen. Aber ohne die acht Millionen Neuseeland-Dollar, die jedes Jahr nach Tokelau fließen, lässt sich schwer überleben. Es fehlt die Infrastruktur, um Fische verarbeiten, kühlen und ins Ausland transportieren zu können. Und die neuseeländische Staatsbürgerschaft möchte kaum ein Tokelauer aufgeben, nur um eine eigene Flagge zwischen Palmen und Satellitenschüssel hissen zu können. Nicht Unabhängigkeit, sondern Selbstbestimmung ist das Ziel der meisten.

Echte Furcht in unsere Herzen

Der französische Botschafter interessiert sich besonders für eine Neubestimmung der Seegrenzen in den tunfischreichen Gewässern zwischen Tokelau und den etliche tausend Kilometer entfernten Wallis-und-Futuna-Inseln, die noch heute unter französischer Herrschaft stehen. Er wird dem kleinen Land Solarzellen für die Schule und für das Lomaloma-Krankenhaus versprechen, wo die Farbe von den Wänden blättert und die Skalpelle rostig sind, weil es durch die Decke regnet.

Tokelau: Wer hierher kommt, macht keinen Urlaub, und wer von hier weggeht, tut es oft für immer
Alex Webb

Tokelau: Wer hierher kommt, macht keinen Urlaub, und wer von hier weggeht, tut es oft für immer

Aber zuerst muss er irgendwie an Land kommen. Ein Kanu steuert an das Kriegsschiff heran, wippt mit den Wellen an der Außenwand hoch und nieder, der Diplomat wird von Bord gelassen und, auf einem Stuhl sitzend, sicher übers Riff nach Atafu gebracht, dem nördlichsten der Atolle und der ersten Station seines Besuchs.

Händeschütteln, Winken zum Volk, ein kühler Schluck aus einer Kokosnuss im Schatten vor dem Gemeindehaus. Dann sitzt der in blütenreines Marineweiß gekleidete, distinguierte Herr im Saal und lauscht dem warmen Singsang der tokelauischen Begrüßungsworte des Pastors und des Ältestenrats. Er schaut sich die Tanzvorführung der Schulklassen an, dann blickt er interessiert auf Kuresa Nasau, der seine Rede beginnt. Der faipule - das gewählte Oberhaupt der Insel -, ein Mann mit scharfen Gesichtszügen und spiegelnder Glatze, hat vorher mehrfach die korrekte Aussprache des französischen Namens geprobt. Er trägt heute eine Krawatte, und er sieht ernst aus.

"Ein Thema, das echte Furcht in unsere Herzen gebracht hat, ist der Treibhauseffekt. Wir bitten Sie, Ihrer Regierung einen Bericht über unsere Angst zu übermitteln, denn wir möchten nicht vom Angesicht der Erde verschwinden", sagt Nasau. Er spricht davon, dass der Besucher viele Meilen auf dem Meer überwinden musste, um zu ihnen zu gelangen. Das Meer, von dessen Gnade sie so abhängig seien. Nicht nur, um ihre tägliche Nahrung zu bekommen, sondern um Kultur, Musik und Tänze zu pflegen. "Wir wollen nicht wegen der globalen Erwärmung von den gleichen Gewässern zerstört werden, die uns bisher das Leben geschenkt haben."

Im Saal ist es still, nur draußen gackert ein Huhn. Dann heben Schulkinder, Greise, Redner und Tänzer zu einer Hymne an, die schön und klar und süß ist wie frisches Kokoswasser. Seine Exzellenz lächelt unverbindlich und hält nun die Rede. "Wir Franzosen wollen den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2050 um 60 Prozent reduzieren", sagt er. Hinter ihm sitzt Falani Aukuso, der Berater des faipule, der die englischen Worte des Gastes dolmetscht. Er beugt sich vor, als habe er nicht gut gehört. "Six zero?", vergewissert er sich höflich, "or sixteen?" Seine Nachfrage ist hintergründig. Denn die geleistete Reduktion lag im Jahr 2000 bei gerade einmal 0,5 Prozent.



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