Tourismus am Roten Meer: Schnäppchenjagd in Krisenzeiten

Kaum war Husni Mubarak zurückgetreten, buchten die ersten Urlauber schon wieder Reisen ans Rote Meer. Die Veranstalter lassen die Preise purzeln, Schnäppchenjäger freuen sich. Fraglich ist jedoch, ob auch Ägyptern und Tunesiern mit solchen Angeboten geholfen ist.

Rotes Meer: Schnäppchen sollen Urlauber locken Fotos
TMN

Hannover/Berlin - Es war an einem Freitagabend: Husni Mubarak hatte gerade seinen Rücktritt als Präsident Ägyptens erklärt, da läuteten in den Reisebüros schon die Telefone. Noch am selben Tag hätten die ersten Urlauber wieder Reisen ans Rote Meer gebucht, erzählt Nils Jenssen, Vertriebsleiter des Ägypten-Spezialanbieters ETI in Frankfurt/Main. Und drei Tage später seien die Buchungen für das Land am Nil schon wieder "auf erstaunlichem Niveau" gewesen.

Das Auswärtige Amt hat seine Reisehinweise für die Urlaubsgebiete in Ägypten und Tunesien seit einigen Tagen wieder entschärft. Die Urlauber werden nun zurückkommen in die Badeorte am Mittelmeer und am Roten Meer. Die Frage ist nur: wie viele von ihnen und wie schnell? Und sollten sie es überhaupt?

Nach dem Abflauen der Unruhen locken die Veranstalter mit Kampfpreisen, damit sich die Hotels wieder füllen. Neckermann gab den Takt vor: Eine Woche Tunesien kostet im Drei-Sterne-Hotel mit Halbpension und Flug nach Djerba ab 198 Euro. Die Rewe-Touristik verhökert eine Woche Vier-Sterne-Urlaub All-inclusive in Tunesien ab 255 Euro, in Ägypten ab 299 Euro. ETI bietet eine Woche im Fünf-Sterne-Hotel mit All-inclusive für 419 Euro an. Möglich sei all das, weil Hoteliers in Ägypten die Preise deutlich gesenkt haben, sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband (DRV).

Mund-zu-Mund-Propaganda soll Urlauber locken

Nach Krisen sei das ein "üblicher Marktmechanismus", erklärt TUI-Sprecher Mario Köpers in Hannover. "Es gibt kein Hotel, das nicht gerade Sonderangebote auf den Markt wirft", sagt Sabrina Teuber, Geschäftsführerin von Ecco Reisen in Hemmingen (Niedersachsen). Es gehe allen darum, möglichst schnell wieder Gäste nach Ägypten und Tunesien zu bekommen, ergänzt Nina Kreke von Thomas Cook in Oberursel (Hessen), dem Konzern, zu dem Neckermann gehört. Die Urlauber sollten sich umsehen und zu Hause erzählen, dass es in den Ländern sicher ist. So soll Mund-zu-Mund-Propaganda die Nachfrage wieder ankurbeln.

Der Plan könnte funktionieren. Denn der Hunger der Deutschen auf Urlaub ist im Moment groß. "Viele andere Zielgebiete laufen für den Sommer schon voll", sagt Köpers. Der TUI-Sprecher beobachtet "schon jetzt eine leicht anziehende Nachfrage nach Ägypten, allerdings auf kleiner Flamme".

DRV-Sprecher Schäfer hält es für denkbar, dass sich die Buchungszahlen mittelfristig wieder auf dem Niveau vor der Krise einpendeln. Es sei sogar möglich, dass Ägypten am Ende dieses Jahres die Touristenzahlen vom Vorjahr noch übertrifft. Ähnliche Erfahrungen haben andere Länder in den vergangenen Jahren nach politischen Unruhen bereits gemacht, Kenia zum Beispiel oder auch Thailand.

Schnäppchenjäger nach Krisenzeiten

Vielen Last-Minute-Urlaubern gehe es einzig darum, günstig zu verreisen, sagt Sabrina Teuber von Ecco Reisen. Und es gebe auch eine Gruppe von Urlaubern, die gezielt im Anschluss an Krisen nach Schnäppchen auf dem Reisemarkt sucht.

Die Nachfrage allein ist aber nicht das Problem. Die Pauschalreise ist ein System mit vielen, kleinen Zahnrädchen, das nicht in ein paar Tagen wieder perfekt funktionieren kann - vor allem nicht bei den eher schwerfälligen Riesen unter den Veranstaltern. "Es wird mit Sicherheit einige Monate dauern, bis wir wieder den Normalzustand erreicht haben", sagt Mario Köpers. Bei TUI hätten mehr als 90 Prozent der Urlauber ihre Ägypten-Reise bis Mitte April umgebucht.

Entsprechend wurden Flugzeuge zu Alternativzielen wie der Türkei und den Kanarischen Inseln umgeleitet - und stehen nun nicht mehr für Ägypten- und Tunesien-Gäste zur Verfügung. Die Flugkapazitäten seien "sicher minimiert", sagt Teuber, "sie betrage nicht mal die Hälfte dessen, was geplant war". Doch bis zu den Osterferien würden die Airlines die Verbindungen schrittweise wieder auf 100 Prozent hochfahren: "Das Ostergeschäft will sich niemand durch die Lappen gehen lassen."

Oft verdienen Einheimische weniger

Ganz ohne Opfer wird das touristische Comeback Ägyptens und Tunesiens aber wohl nicht verlaufen. "Eine Woche All-inclusive für 250 Euro, das kann nicht funktionieren", meint Teuber, "so viel kostet schon der Flug." Die Anbieter nähmen jetzt Verluste in Kauf, um die verunsicherten Kunden wieder in die Länder zu locken. Ob den Reisezielen mit solchen Angeboten geholfen ist, sei fraglich. Denn oft werde den Mitarbeitern in den Hotels zugleich der Lohn gekürzt - und damit könnte der Service schlechter werden.

Auch Heinz Fuchs von der Organisation Tourism Watch ist skeptisch: "Ich würde gerne sagen 'Ihr werdet erwartet, reist schnell wieder hin'", sagt der Experte des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED). Aber der Slogan "Buchen hilft den Ägyptern" sei zu schlicht. Es stimme zwar, dass in den Hotels und Unternehmen der Tourismusbranche viele Beschäftigte ihre Arbeit zu verlieren drohen, wenn die Urlauber ausbleiben. Der Tourismus helfe aber nicht, alle Probleme zu lösen, nur weil er vermeintlich Geld ins Land bringt.

"Man kann nur hoffen, dass es neben der politischen Demokratisierung auch eine wirtschaftliche gibt", sagt Fuchs. Anderenfalls sei zu befürchten, dass die bisherigen Eliten etwa aus dem Militär, die zum Teil auch Akteure der Tourismusbranche seien, das Geschäft mit den Urlaubern dominieren.

Schon bei der Buchung kritisch sein

Allerdings sei das für die Touristen bei der Buchung nicht leicht zu erkennen. Glaubwürdige Label wie "Fair Trade Travel" für Reiseangebote stünden erst am Anfang, sagt Fuchs. Im Reisekatalog sieht außerdem jedes Hotel ähnlich aus - ob die Einnahmen später ans Militär fließen oder nicht, ist nicht transparent.

Man könne das Thema im Reisebüro aber durchaus ansprechen, sagte Fuchs. "Und man kann zum Beispiel sagen, dass man am liebsten in einem familiengeführten Hotel übernachten will." Ein weiteres Kriterium für die Buchung könne auch sein, ob das Hotel selbst Nachwuchs- und Führungskräfte ausbildet - auch davon profitiere die einheimische Bevölkerung und eine demokratische Gesellschaft ganz direkt. Genau das sei in Nordafrika nicht selbstverständlich.

Auch die touristischen Konzepte spielten eine große Rolle - also zum Beispiel, ob ein Land vor allem auf Badeurlaub in "Bettenburgen" setzt. Tunesien sei ein Beispiel dafür, dass ein Land mit Tourismus vergleichsweise wenige Einnahmen erzielen kann - die dann oft noch nicht einmal bei den Tunesiern selbst landeten. Marokko dagegen verdiene mit deutlich weniger Touristen erheblich mehr.

Florian Sanktjohanser/Andreas Heimann, dpa

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Wagner's wahre Worte
T. Wagner 23.02.2011
Die genannten Preise scheinen aber echte "Ausreisser" zu sein. Am Roten Meer sehe ich keine sonderlichen Super-Schnäppchen. 9 Tage im Badeort "El Gouna" kosten immer noch gut 800 €. Auf Türkei-Niveau ist das (noch) nicht.
2. Die Aasgeier-pardon Scnäppchenjäger kommen immer zuerst
alpenjonny 23.02.2011
Gruezi! Egal ob ein Bürgerkrieg mit vielen Toten eben zu Ende ging, oder gar noch nicht vorbei ist, die Schnäppchenjäger aus dem Westen fallen wie die Schmeissfliegen über einen Hundskot, die Aasgeier über diese bedauernswerten Länder her. Meine Wenigkeit bringt soviel Niedertarcht und Achselzucken nicht mal im grössten Suff fertig. Ob dabei eine besondere Notlage, wie eben Krieg oder eine Naturkatastrophe die Preise in den Keller purzeln liess, interessieren viele Zeitgenossen nicht. Frei nach dem Motto: mein Hemd ist mir immer noch viel näher, als dasjenige des Nachbarn. Spass muss sein, soso. Kann übrigens ein nettes Beispiel vom Tsunami in Thailand nanchliefern, als die Toten noch am Strand lagen und in der Tropensonne am verwesen waren: es kamen noch bleich vom Überflug die Katastrophenturis angewetzt, und klickten mit den Digikameras ihre Finger wund. Ja es gab sogar einen CH-Bürger, der in Badehosen mit der Bierdose in der Hand,seine beieindruckende Wampe zur Schau stellte und die Schreckensbilder sichtlich genoss. Der abartige Typ wurde von einem AP-Journalisten fotografiert, das Bild ging um die Welt.
3. ...
dhanz 23.02.2011
Zitat von T. WagnerDie genannten Preise scheinen aber echte "Ausreisser" zu sein. Am Roten Meer sehe ich keine sonderlichen Super-Schnäppchen. 9 Tage im Badeort "El Gouna" kosten immer noch gut 800 €. Auf Türkei-Niveau ist das (noch) nicht.
Nun kann man aber das gepflegte 'Städtchen' El Gouna mit seinen First-Class-Hotels z.B. nicht mit dem dreckigen Hurghada und seinen Bauruinen vergleichen.
4. Moralisch Existenzen vernichten?
saddamatus 23.02.2011
Zitat von alpenjonnyGruezi! Egal ob ein Bürgerkrieg mit vielen Toten eben zu Ende ging, oder gar noch nicht vorbei ist, die Schnäppchenjäger aus dem Westen fallen wie die Schmeissfliegen über einen Hundskot, die Aasgeier über diese bedauernswerten Länder her. Meine Wenigkeit bringt soviel Niedertarcht und Achselzucken nicht mal im grössten Suff fertig.
Und dann noch die Bessermenschen, die so gerne als Moralapostel menschliche Opfer als Aufhänger ihrer Selbstinszenierung nehmen und dafür lustvoll auf Leichenbergen tanzend ihre Superioriät vorführen. Das vorgebliche, aber nicht wirliche Mitgefühl dieser Spezies ist sowohl besoffen wie nüchtern in Niedertracht nicht zu übertreffen. Auf dem Sinai hat kein Bürgerkrieg stattgefunden. Abseits der Bettenburgen gibt eine Menge kleiner Einheiten, betrieben von privaten Existenzgründern. Und Angestellte aus Sharm-el-Shaik werden ihnen im Niltal ganz bestimmt ein Denkmal errichte, falls es ihnen gelingt durchzusetzen, dass jetzt erst mal für ein paar Jahre alle Touristen wegbleiben. Dafür gehen die gerne alle arbeitslos und stoppen die Ausbildung ihrer Kinder. Hauptsache der jonny kann sich wohlig in seiner Moral suhlen. Ich würde das Denkmal als überdimensionale Schhmeissfliege ausführen, im Landeanflug auf den Leichenberg. Mit erhobenem Zeigefinger..
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