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Tourismus auf den Malediven: Das vergessene Atoll

Von Helge Sobik

Die Malediven, das sind Fünf-Sterne-Resorts auf Mini-Eilanden ohne jede echte Kultur? Nicht nur. Der neue Präsident hat als Tabu geltende Inseln geöffnet. Hauptattraktionen im Süden der Republik sind der neue Flughafen, die längste Asphaltstraße - und ganz viel Alltag aus nächster Nähe.

Südliche Malediven: Insel-Hüpfen ohne Boot Fotos
Helge Sobik

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Rechts das Türkis des Indischen Ozeans, links das Dunkelgrün der Kokospalmen, unter den Autoreifen das Asphaltband: An manchen Abenden fahren sie hier Autorennen - roter Gebraucht-Toyota gegen weißen Kia-Kleinwagen, silberner Nissan gegen blauen Uralt-Honda. Junge Malediver treten am Steuer ihrer "Sportwagen" im selbst organisierten Wettstreit gegeneinander an.

Die Polizei will nicht länger tatenlos zusehen, hat inzwischen nach ein paar schlimmen Unfällen Kontrollpunkte aufgebaut, eine Radarfalle angeschafft - und setzt nebenbei sogar die neue Helmpflicht für Motorradfahrer auf der mit 17 Kilometern längsten Asphaltstraße der Malediven ganz unten im Addu-Atoll konsequent durch.

Wer es als Kellner oder Reinigungskraft auf einer der Luxushotel-Inseln der nördlicheren Atolle in jungen Jahren zu einem gewissen Vermögen gebracht hat, kauft bislang gerne einen halbwegs schnittigen Gebrauchtwagen und lässt ihn nach Addu verschiffen. Nirgendwo sonst auf den Malediven kann man die Autos ausfahren, nirgendwo sonst gibt es eine derart nennenswerte Straße. Fünf Inseln verbindet sie über Brücken und Dämme - sie sind zusammengenommen die bevölkerungsreichste Ballungszone nach der Hauptstadt Malé.

Die touristische Karriere der gut zwei Dutzend Inseln, die hier um die Lagune getupft sind, beginnt gerade erst. Und geht der Plan der Strategen aus der 70 Flugminuten weiter nördlich gelegenen Hauptstadt Malé auf, wird es eine steile, eine große Karriere werden. Spätestens dann müssen sich die Jungs mit den schnellen Autos und der geringen Fahrpraxis eine andere Freizeitbeschäftigung überlegen.

Nicht nur tropische Bilderbuch-Destination

Denn gerade diese Straße soll nun indirekt zur Touristenattraktion werden: weil sie es den Fremden aus Übersee - anders als überall sonst in den Atollen - möglich macht, Inselspringen ohne Boot zu betreiben. Und weil Urlauber nun endlich auch dem Leben der Einheimischen nahe kommen sollen - den Schach spielenden Fischern am Straßenrand, den Kokosnussverkäufern mit ihren rollenden Kiosken, den Handwerkern vor ihren Häusern, den Menschen in ihren kleinen Läden hinter Bananenstauden, den einheimischen Köchen in ihren Mini-Restaurants.

Die Malediven sollen nicht mehr nur tropische Bilderbuch-Destination für Ferien-Robinsons auf einsamen Palmeninseln mit 150 Meter Durchmesser sein, sondern künftig auch mehr denn je als Ziel für kulturbeflissene Reisende mit Interesse an Alltag und Traditionen der Einheimischen wahrgenommen werden.

Der junge Präsident will es so. Bislang durften sich Tourismus und Alltagskultur nicht vermischen. Die Urlauber residierten auf reinen Hotelinseln, während die meisten der Einheimischen-Inseln für Ausländer tabu und nur wenige Vorzeige-Mini-Eilande und die Hauptstadt auf Tagesausflügen unter Auflagen zugänglich waren.

Mohamed Nasheed, erst 43 Jahre alt, unter dem autokratischen Regime seines Vorgängers sechs Jahre lang inhaftiert, immer wieder gefoltert und inzwischen zum "Malediven-Mandela" stilisiert, hat diese Trennung kurzerhand aufgehoben. Gleichzeitig zog er bei Amtsantritt vor zwei Jahren gar nicht erst in den luxuriösen Präsidentenpalast ein, sondern widmete ihn stattdessen zur Bibliothek um und ließ jeden sehen, welchen Prunk sich der diktatorische Vorgänger Maumoon Abdul Gayoom während 30 Amtsjahren genehmigt hatte.

"Das alles sind Überlebensentscheidungen"

Dem Malediven-Tourismus eröffnet die plötzliche Offenheit im Umgang mit den eigenen Bürgern wie mit den Fremden völlig neue Möglichkeiten. Der jungenhafte Nasheed lächelt, wenn er in perfektem Englisch erzählt, hat eine ruhige, freundliche Stimme - und Großes vor mit seinen Inseln, die sich auf ein Staatsgebiet von der Fläche Portugals verteilen, das zu über 99,5 Prozent aus Wasser besteht.

Er will sie mehr denn je auf die Weltkarte heben, will mit dem Tourismus das Geld verdienen, das nötig ist, um die Inseln in Zeiten steigenden Meeresspiegels etwa mit künstlichen Wellenbrechern und Förderung des Riff-Aufbaus so lange wie möglich vor dem Untergang zu bewahren: "Das alles sind Überlebensentscheidungen für uns, jede Klima-Angelegenheit ist deshalb eine Sicherheitsfrage." Gleichzeitig will er mehr Jobs für seine Bevölkerung schaffen. Tourismus ist die einzige Industrie, der 1200-Inseln-Staat davon abhängig.

Da passt es perfekt, dass die britischen Kolonialherren von einst auf der Insel Gan im südlichsten Atoll Addu einen Militärflugplatz hinterlassen haben, an dem jene 17-Kilometer-Straße vorbeiführt. Der Platz soll nun zügig der zweite internationale Airport der Inselgruppe werden. Das neue Terminal hat bereits Vorgänger Gayoom errichten lassen, die Passkontrolle ist ebenso wie die Gepäckausgabe weit großzügiger angelegt als auf dem stark nachgefragten und beengten Hauptstadtflughafen in Malé. Nun fehlen nur noch die Airlines - und Investoren, die neue Hotels in einer Region bauen sollen, die bislang vielen als dafür zu abgelegen galt.

Für kurze Zeit hatte Condor den Flughafen Gan schon in seinen Flugplan aufgenommen, strich ihn aber in der laufenden Saison wieder. Das Geschäft war nicht schnell genug ins Rollen gekommen. Das erste große Hotel so weit unten im Süden konnte nicht rechtzeitig eröffnet werden - und als es soweit war, wurde es schnell wieder geschlossen. Angeblich wegen Finanzproblemen.

Jetzt hat es wieder aufgemacht, und ein zweites, umso luxuriöseres ist zwischenzeitlich dazugekommen: Die in Hongkong beheimatete Shangri-La-Kette hat auf der drei Kilometer langen und bis zu 800 Meter breiten Insel Villingili sieben Speedboat-Minuten von Gan ein Luxusresort eröffnet - und gemeinsam mit dem maledivischen Finanzministerium in das Multi-Millionen-Projekt mit fünf Sternen investiert. Ein langfristiges Bekenntnis zu den sonnigen Aussichten der Region.

Fahrräder für entdeckungsfreudige Gäste

Die Chancen stehen tatsächlich günstig, dass der Plan aufgeht: dass die Schachspieler neben den Fischerbooten Besuch bekommen und dass künftig Urlauber per Fahrrad die Inselgruppe erkunden, die Asphaltstraße als Orientierung nehmen und auf den vielen Sandwegen abseits davon in die Dörfer hineinradeln und die Malediven völlig anders als bisher erleben können. Dass sie den Alltag entdecken werden. Dass sie dort Geld ausgeben, Souvenirs einkaufen, Hände schütteln werden.

Jens Mösker, aus Hannover stammender Direktor des neuen Shangri-La, hat sicherheitshalber schon mal ein paar Dutzend Fahrräder angeschafft und in der Nähe des Flughafens bereitgestellt - für entdeckungsfreudige Gäste.

Erste Airlines von der arabischen Halbinsel sondieren bereits das Terrain. Ihre Controller kalkulieren, ob der Anflug des Flughafens Gan sich rechnet und ob sich in Europa ausreichend Tickets über ihre Umsteige-Drehkreuze am Golf absetzen ließen. Wichtigstes technisches Problem: Es muss sichergestellt sein, dass die Landepiste auch eine höhere Zahl schwerer, voll beladener Großraummaschinen trägt. Momentan muss sie nur fünfmal am Tag die kleinen Linien-Propellermaschinen aus Malé aushalten, die hier heruntergehen.

Kürzlich landete bereits ein Riesen-Jet der saudischen Königsfamilie, die sich auf Villingili vergnügen wollte. Die Piste hielt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
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1. RADAR-Falle
Paul-1 19.10.2010
Woher weiß SPON, dass die Geschwindigkeitskontrolle mit RADAR durchgeführt wird? Einfach mal ohne Recherge als Synonym geschrieben, oder?
2. Südseetraum
Nosoj 19.10.2010
Ich hatte bereits das Vergnügen einen Urlaub auf den Malediven zu verbringen. Es war wunderschön, allerdings hätte mir damals eine Woche dann doch gereicht. Das Inselresort war eben sehr klein ... schätze mal daß die Insel 600 Meter Lang und 200-300 Meter breit war. hatten wohl auch nen Ausflug gemacht, aber auf Dauer war das doch schon sehr klein und nach einer Woche stellt sich tatsächlich ein leichter Inselkoller ein. War täglich schnorcheln und am Strand unterwegs, aber es wurde dann doch irgendwann etwas eintönig. Man war auf dem Resort auch vom Rest des Landes abgeschnitten, was ich recht schade fand. Mit der Neuen Inselgruppe, die mit einer Straße verbunden ist könnte das wohl etwas intressanter werden und man kann auch mal auch längere Erkundungstouren gehen, sicher sehr spannend auch mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Abschließend kann ich die Malediven nur empfehlen, wirklich ein Traum mit den weisen Stränden an denen in der Dämmerung die Einsiedlerkrebse unterwegs sind, dem Kristallklaren Indischen Ozean in dem sich alle möglichen Tiere tummeln und die tropische Vegetation sind einfach toll.
3. ohne Radar?
RogerT 19.10.2010
Zitat von Paul-1Woher weiß SPON, dass die Geschwindigkeitskontrolle mit RADAR durchgeführt wird? Einfach mal ohne Recherge als Synonym geschrieben, oder?
Und woher wollen sie wissen, das es ohne Radar passiert? Nichts wissen, aber Hauptsache meckern...
4. Malediven?
shokaku 19.10.2010
Liegen die nicht längst kilometertief unter dem Meeresspiegel?
5. Religionsfreiheit
stauchert 19.10.2010
Wie kann man nur einen Bericht über die Malediven schreiben, und dabei auslassen, daß dort - Religionsfreiheit unbekannt ist - Rede- und Meinungsfreiheit nach wie vor eingeschränkt sind - Prügelstrafen verhängt werden (zB. für außerehelichen Verkehr)
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