Aufbruch in Nubien: Ahmed und ein Tag am Nil

Von Helge Sobik

Der Muezzin ruft, Wasserpfeifen gurgeln, Tamburine scheppern - in Nubien ist der Alltag seit Jahrhunderten unverändert. Fast. Denn nach langem Bürgerkrieg beginnt der Norden des Sudans, in die Moderne zu starten. Auch Ahmed, der Fährmann, muss umlernen.

Nubiens Schätze: Ein Tag am Nil Fotos
Helge Sobik

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Er ist hier am Ufer und auf dem Wasser alt geworden und weiß, das sich der Fluss in all den Jahren nie wirklich verändert hat - vom Hochwasser im späten Frühling und dem Niedrigwasser im Herbst abgesehen. Ahmed ben Hamid macht seit über 40 Jahren das Gleiche: Noch bei Dunkelheit geht er von seinem Zuhause in Karima zum Nil, steigt an Bord und macht seine Flussfähre klar für die erste Morgenabfahrt um 7 Uhr.

Er hat die Zeiten gekannt, als die meisten Fahrzeuge an Bord noch von Eseln oder Mulis gezogen worden. Ein paar Jahre ist das erst her. Heute sind es Geländewagen, Mini-Laster aus chinesischer Fertigung und uralte Busse, die sich auf dem schmalen Fahrweg zwischen den Palmen hindurch zum Anleger vorkämpfen und auf seine betagte Nilfähre rollen.

Wenn er sich das erste Mal am Tag hinter das große Holzrad im offenen Führerhaus stellt, steigt die Sonne gerade über die Häuser, Tempelruinen und spitzwinkeligen Pyramiden nicht weit von hier am Djebel Barkal. Der Muezzin begrüßt den Morgen und ruft zum Gebet in den Dörfern am Fluss: mitten in einer Region, über die einst die Pharaonen herrschten und die noch heute Nubien heißt - und zum Sudan mit all seinen Problemen gehört.

Der Nordsudan modernisiert sich rasant

Ein paar Dutzend Mal wird die Fähre wie jeden Tag in kaum fünfminütiger Fahrt über den stillen Nil pendeln. Wie seit einer halben Ewigkeit. Und ein bisschen sieht es hier noch heute aus, als wäre der Fortschritt vor langer Zeit angehalten worden. Die Menschen auf den Feldern des fruchtbaren Uferstreifens arbeiten mit keinen anderen Hilfsmitteln als in der Epoche der Pharaonen.

Dabei ist die Zeit nun im Begriff, wieder anzulaufen. Der Nordsudan holt rasant auf. Staudämme und Wasserkraftwerke entstehen, Straßen werden asphaltiert, verbreitert. Strommasten werden gesetzt und Leitungen gelegt, wo lange niemand Elektrizität kannte und die meisten gut ohne sie auskamen.

Der neue Ölreichtum, um den sich der Norden und der erst seit kurzem unabhängige Südsudan blutige Kämpfe geliefert haben, macht es möglich. Aus dem schwarzen Gold soll Geld werden. Und als erstes wird dafür in die Infrastruktur investiert. China schenkt dem Sudan manches Bauprojekt als Entwicklungshilfe, und oft werden sogar die Arbeiter aus Fernost entsandt. Im Gegenzug wollen sich die Asiaten für ihre rohstoffhungrige Industrie den Zugriff auf Bodenschatzvorkommen sichern - und ganz nebenbei auch Absatzchancen für ihre Waren.

Es kann sein, dass Ahmed ben Hamid bald umlernen und sich an eine neue Fähre gewöhnen muss. Weil das Geld plötzlich für eine große Brücke reicht wie jene weiter flussaufwärts zwischen der Hauptstadt Khartum und Omdurman am Zusammenfluss von Blauem und Weißem Nil. Die Vergangenheit wird herausrenoviert werden. Über Nacht kann das nicht geschehen, und doch geht es rasend schnell. Eine Region jahrhunderte-, manchmal jahrtausendelangen Stillstands verändert gerade ihr Gesicht.

"Willkommen im Sudan"

Auch deshalb tauchen erste Fremde auf organisierten Rundreisen hier auf, kehren in neuen Dorfhotels ein oder zelten am Rande der Siedlungen. Sie kommen, obwohl es für etliche Teile des riesigen Landes Reisewarnungen gibt, von denen eigentlich nur diese Region ausgenommen ist. Sie kommen trotz des Ölstreits mit dem Süden und des immer wieder aufflackernden Bürgerkriegs in Darfur ganz im Westen des Landes. Sie kommen, weil es ein wenig komfortabler geworden ist, hier zu reisen.

Sie bummeln über Märkte wie in der Provinzstadt Shendi und sind dort selber die Attraktion. Jeder Händler will die Reisenden aus Europa per Handschlag begrüßen. Mancher legt die eigene Hand aufs Herz, lächelt und verbeugt sich leicht. "Ihr seid hier willkommen", soll das heißen. Und einer, der Englisch kann, sagt: "Welcome to Sudan." Jeder Fremde, sagt er, stoße das Fenster ein Stück weit auf.

Tourismus ist möglich geworden, seitdem sich das einstmals größte Land Afrikas nach langem Bürgerkrieg in Nord und Süd getrennt hat. Und die beiden Staaten ein Abkommen über eine Teilung der Öleinkünfte geschlossen haben. Der Reichtum an archäologischen Schätzen gerade des Nordens ist enorm: Es sind die 2500 Jahre alten Pyramiden von Meroe und die Tempel von Mussawarat, weswegen die Touristen eigentlich kommen. Es sind die von deutschen Archäologen ausgegrabene Widder-Sphinghen-Allee von Naga, der Amun-Tempel am Djebel Barkal und die Pyramiden von Nuri.

Hibiskustee und Wasserpfeifentabak

Das alte Nubien bekommen sie als Zugabe, die Eindrücke vom Treiben auf den Märkten, vom Oasenfeldbau mit einfachsten Mitteln, die Musik auf Tamburinen und aus flötenartigen Instrumenten beim Dorffest. All die Szenen am Wasser, all das Winken der Leute, die vielen lächelnden Gesichter. Darfur ist über tausend Kilometer weit weg, und mancher Ausländer hat mehr darüber gelesen als die Menschen hier am Fluss.

Am Morgen ist es milde und noch frisch am Nil. Manche Einheimische tragen einen dünnen Schal zu ihren weiten weißen Gewändern. Mittags, wenn die Sonne am Himmel brät, scheint Wasserdampf aufzusteigen, es riecht nach stark gezuckertem Hibiskustee und Wasserpfeifentabak. Abends, an einem von Hundertausenden Tagen nach dem Ende der Pharaonenzeit, kühlt Nubien wieder ab.

Ein Angler hockt noch am Ufer, die anderen sind längst gegangen, Ahmed ben Hamid hat vor Stunden Feierabend gemacht. Er muss früh aufstehen am nächsten Morgen. Wie immer schon.

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1. ...
sponnerd 02.04.2013
Zitat von sysopDer Muezzin ruft, Wasserpfeifen gurgeln, Tamburine scheppern - in Nubien ist der Alltag seit Jahrhunderten unverändert. Fast. Denn nach langem Bürgerkrieg beginnt der Norden des Sudans, in die Moderne zu starten. Auch Ahmed, der Fährmann, muss umlernen. Tourismus im Sudan: Wie Nubien in die Moderne startet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/tourismus-im-sudan-wie-nubien-in-die-moderne-startet-a-890846.html)
Es handelt sich zwar primär um einen Reiseartikel, aber es ist trotzdem erschrechend, wie naiv und unkritisch hier die angebliche Entwicklungshilfe durch China simplifiziert wird. Es sollte mittlerweile wohlbekannt sein, dass China nichts zu verschenken hat und die "Geschenke" mit harten, unfairen Bedingungen verknüpft. Langfristig wird sich zeigen wieviele diese Geschenke den Nordsudan und viele andere Länder in Afrika tatsächlich kosten werden!
2. ?
marifu 02.04.2013
Zitat von sysopWenn er sich das erste Mal am Tag hinter das große Holzrad im offenen Führerhaus stellt, steigt die Sonne gerade über die Häuser, Tempelruinen und spitzwinkeligen Pyramiden nicht weit von hier am Djebel Barkal. Der Muezzin begrüßt den Morgen und ruft zum Gebet in den Dörfern am Fluss: ..........
Eins ist mal ganz sicher: Der Schreiber hat den Artikel entweder schulmässig "schöngepäppelt" oder war überhaupt nicht vor Ort. Ein Muezzin ruft noch bei Dunkelheit zum Gebet und die Sonne geht erst über eine Stunde später auf. Nach Sonnenaufgang hört man bis zum Mittagsgebet wenn die Sonne hochsteht keinen Muezzin mehr. Und das ist nicht nur im Sudan so sondern überall auf der Welt. Wäre ja auch unlogisch, denn: Zuerst wird gebetet ---> dann geht's an die Arbeit.
3. unfair
fd53 02.04.2013
Zitat von sponnerdEs handelt sich zwar primär um einen Reiseartikel, aber es ist trotzdem erschrechend, wie naiv und unkritisch hier die angebliche Entwicklungshilfe durch China simplifiziert wird. Es sollte mittlerweile wohlbekannt sein, dass China nichts zu verschenken hat und die "Geschenke" mit harten, unfairen Bedingungen verknüpft. Langfristig wird sich zeigen wieviele diese Geschenke den Nordsudan und viele andere Länder in Afrika tatsächlich kosten werden!
China ist wenigstens schon vor Ort - wann bitte kommen endlich die anderen? Und bitte tun Sie nicht so, als wenn die Hilfe der anderen Länder völlig änders ist, als die Hilfe Chinas. Als zum Beispiel die UN Kenia Geld für viele Wassertransport-LKW spendierte, kaufte Kenia damit Mercedes Luxus-PKW für seine Politikerkaste. Obwohl man in Deutschland und bei der Daimler AG die Zweckbindung der Gelder kannte.
4.
fd53 02.04.2013
Zitat von marifuEins ist mal ganz sicher: Der Schreiber hat den Artikel entweder schulmässig "schöngepäppelt" oder war überhaupt nicht vor Ort.
Das ist halt heutiger Qualitätsjournalismus. Und warum soll SPON das anders nachen als die Verfasser des bibelartig angebeteten Lonely Planet? Dessen Verfasser haben bekanntlich oftmals das Land auch nur via internet besucht und noch mehr bei anderen abgeschrieben. Ich denke dabei zum Beispiel an die irren Aussagen zum vielbesuchten Koh Chang, wo jahrelang die Existenz des Salakphet Resort komplett vergessen wurde.
5. China im Sudan
misr35 02.04.2013
@ sponnerd , @ Marifu, @ sysop Ich finde den Artikel gut , denn ich war als Resident Engineer in den Jahren 1987 und 1988 im Sudan. Verantwortlich fuer das "60 Wateryards project' der KfW habe wir von Wad Medani ca 1000 km entlang des Nils , im Merzedes Benz 300 G, bis einige Doerfer nordlich von Dengola Pumpstationen , Wassertuerme und Generatorengebaeude gebaut. Es war eine harte aber schoene Arbeit mit unserem lokalen Consultant, dem ehem . Parlamentsminister von Gafar Numeri zusammenzuarbeiten. Aber nun zur Verbindung Sudan-China, das schon 1987/88 dem Sudan in der Naehe der Saudi Arabischen Botschaft und Mohammed Najeeb Street ein riesiges Gebaeude , Verwaltung oder Hospital ? es war gerade im Aufbau, als Geschenk gebaut hat. Also die engeren Beziehungen sind offentsichtlich noch viel aelter als hier vermutet, in einer Zeit wo wir auch im Fluechtlingslager in Kosti eingesetzt waren. Ich erinnere mich gern an meine Arbeit im Sudan und bin positiv erstaunt ueber den derzeitigen Boom dieses Landes.
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Länderlexikon
Wichtigste Eckdaten

Eigenname: Republik Sudan

Offizieller Eigenname: Jumhuriyat as-Sudan

Staats- und Regierungschef: Umar al-Baschir
(seit Juni 1989)

Außenminister: Ali Karti (seit Juni 2010)

Staatsform: Islamische Republik

Mitgliedschaften: Uno, AU

Hauptstadt: Khartum

Amtssprachen: Arabisch

Religionen: mehrheitlich Sunniten

Fläche: 1.861.484 km²

Bevölkerung: 36,164 Mio. Einwohner (2013)

Bevölkerungsdichte: 19,4 Einwohner/km²

Bevölkerungswachstum: 2%

Fruchtbarkeitsrate: 4,6 Geburten/Frau

Nationalfeiertag: 1. Januar

Zeitzone: MEZ +2 Stunden

Kfz-Kennzeichen: SUD

Telefonvorwahl: +249

Internet-TLD: .sd

*Die Daten beziehen sich auf den Gesamtsudan

Mehr Informationen bei Wikipedia

Wirtschaft

Währung: 1 Sudanesisches Pfund (s£) = 100 Piaster zum Währungsrechner hier...

Bruttosozialprodukt: 53,795 Mrd. US$ (ohne Südsudan)

Wachstumsrate des BIP: -10,1%

Anteile am BIP: Landwirtschaft 28%, Industrie 31%, Dienstleistungen 41%

Inflationsrate: 5,5% (2014; geschätzt)

Handelsbilanzsaldo: -5,599 Mrd. US$

Export: 4,534 Mrd. US$

Hauptexportgüter: Gold (64,1%) (2012)

Hauptausfuhrländer: Vereinigte Arabische Emirate (63,2%) (2012)

Import: 10,133 Mrd. US$

Hauptimportgüter: Nahrungsmittel (21,6%), industrielle Vorprodukte (20,7%), Maschinen und Elektrogeräte (18,7%), Rohmaterialien (13,8%), Transportmittel (13,1%) (2012)

Hauptlieferländer: Volksrepublik China (18,1%), Indien (8,8%), Saudi-Arabien (7,9%) (2012)

Landwirtschaftliche Produkte: Sesam, Sorghum, Hirse, Weizen

Rohstoffe: Erdöl, Chromit, Gips, Gold, Eisenerz, Wollastonit

Gesundheit, Soziales, Bildung

Öffentliche Gesundheitsausgaben (am BIP): 8,4%

Medizinische Versorgung: Ärzte: 0,3/1000 Einwohner

Säuglingssterblichkeit: 49/1000 Geburten

Müttersterblichkeit: 730/100.000 Geburten

Lebenserwartung: Männer 60 Jahre, Frauen 63 Jahre

Energie, Umwelt, Tourismus

Energieproduktion: 34,8 Mio. Tonnen Öleinheiten (ÖE)

Energieverbrauch: 16,6 Mio. t ÖE

Geschützte Gebiete: 6,8% der Landesfläche

CO2-Emission: 14,173 Mio. t

Energieverbrauch/Kopf: 355 kg ÖE

Verwendung des Süßwassers: Landwirtschaft 97%, Industrie 1%, Haushalte 2%

Zugang zu sauberem Trinkwasser: 66% der städtischen, 50% der ländlichen Bevölkerung

Tourismus: 536.000 Besucher

Einnahmen aus Tourismus: 91 Mio. US$

Militär

Allgemeine Wehrpflicht: 2 Jahre

Streitkräfte: 244.300 Mann (Heer 240.000, Marine 1300, Luftwaffe 3000)

Nützliche Adressen und Links

Sudanesische Botschaft in Deutschland
Kurfürstendamm 151, D-10709 Berlin
Telefon: +49-30-8906980 Fax: +49-30-89409693
E-Mail: mail@sudan-konsulat.de

Deutsche Botschaft im Sudan
Khartum 53 Baladia Street, Block No 8 D, Plot No. 2, Khartum
Telefon: +249-183-745055 Fax: +249-183-777622
E-Mail: info@khartum.diplo.de

Länder- und Reiseinformationen des Auswärtigen Amts

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