Tourismus in Abu Dhabi Der Traum des Scheichs

Abu Dhabi protzt gern mit megalomanen Bauten wie Ferrari World und dem größten Kulturviertel der Welt. Doch ein Vorhaben haben die Emirater still und heimlich begraben: die Umwandlung eines Archipels in eine arabische Variante der Malediven. Es siegte - der Naturschutz!

TDIC Abu Dhabi

Von Helge Sobik


Die Schildkröten haben gewonnen. Ihr Zuhause ist gerettet. Und auch die Seevögel haben gesiegt. Sie alle können hier weiter ungestört brüten - die Reptilien, die wie angeschwemmte Grüße aus der Urzeit langsam den schneeweißen Strand hinaufschleichen, um ihre Eier abzulegen und zu vergraben. Und auch die gut 20.000 seltenen Sokotrakormorane auf ihren Nestern.

Keiner hat dafür kämpfen müssen - jedenfalls nicht vor den Kulissen. Was dahinter geschah, weiß man nicht genau. Jedenfalls sieht es ganz so aus, als hätte schlicht die Einsicht triumphiert: Die Discovery Islands werden unberührt bleiben. Zwei Luxushotels und zwei Edellodges sollten dort gut 250 Kilometer westlich von Abu-Dhabi-Stadt im Persischen Golf entstehen, jedes für sich auf einer eigenen Insel. Und nur die zwei verbleibenden der insgesamt sechs Eilande umfassenden und im Ausland weitestgehend unbekannten Mini-Inselgruppe sollten als Naturschutzgebiet erhalten bleiben.

Nun aber wird nirgends gebaut werden. Und eines ist sicher: An Geldnot kann die Änderung der einst so hoch gesteckten Pläne nicht gelegen haben. Es ist in Abu Dhabi im Überfluss vorhanden - wie die vor über einem Jahr eröffnete Ferrari World und das im Bau befindliche größte Kulturviertel der Welt zeigen. Nahe der Hauptstadt entstehen unter anderem Filialen des Louvre- und des Guggenheim-Museums - Investitionsvolumen alles in allem 20 Milliarden Dollar, Eröffnung voraussichtlich ab 2015.

Die sechs Discovery Islands Alaquat, Gasha, Jaber, Umm al-Hamas, Umm al-Kurkum und Umm Qasr liegen weit weg von den geschäftigen Riesenbaustellen, zwischen sechs und acht Kilometer vor der kleinen Siedlung Marsa Jebel Dhanna im Westen Abu Dhabis. Jede für sich ist nicht viel mehr als eine größere Sandbank, ein kleines Paradies - mit genau dem Kontrast aus dem Schneeweiß des Strandes und dem Türkis der Lagune, aus dem Urlaubsträume gemacht sind.

Auf Augenhöhe mit den Malediven

Kein Wunder, dass die Tourismusstrategen des Emirats Großes damit vorhatten und ambitionierte Entwürfe die Runde machten. Es wurden sogar bereits Prospekte mit Zeichnungen der Hotelanlagen verteilt. Was sich die Leute in der Hauptstadt vorstellten, hatte genau den Look, mit dem die winzigen Malediven es zu touristischem Weltruhm gebracht haben: Stelzenhäuser mit zu beiden Seiten weit ins Meer ragenden Stegen, hölzerne Villen unter Palmen direkt an jenen Stränden, im Vordergrund ein paar Motorboote, Segler draußen vor der Küste. Die kleinen Inseln sollten von Marsa Djebel Dhanna aus mit Fähren, Luftkissenfahrzeugen und Wasser-Taxis angebunden werden.

Die Planer um Mubarak Hamad al-Muhairi, in Personalunion Generaldirektor der Tourismusbehörde von Abu Dhabi und des milliardenschweren Projektentwicklers Tourism Development and Investment Company TDIC, schwärmten bereits öffentlich davon, dort eine eigenständige Destination auf Augenhöhe mit der Karibik und den Malediven zu schaffen: "In einem 3000-Kilometer-Radius um Abu Dhabi gibt es nichts Vergleichbares", verlautete enthusiastisch - und vernachlässigte doch, dass die nördlichen Atolle der Malediven nur etwa 2500 Kilometer entfernt sind.

Diese Pläne wurden schlicht fallengelassen, und das gänzlich unkommentiert. Sie tauchen öffentlich seit inzwischen gut zwei Jahren einfach nicht mehr auf, ohne dass das bis jetzt groß aufgefallen wäre. Stattdessen ist nun von einem Schutzgebiet die Rede, das ausnahmslos alle sechs Discovery Islands umfasst - einem, wo kein Mensch den Tieren zu nah kommen soll und kein Bauingenieur vorgesehen ist. Auch wurde inzwischen eine Fischfangverbotszone im Acht-Kilometer-Radius um die sechs Discovery Islands verhängt.

Dem Erbe von Scheich Zayed verpflichtet

Hinter vorgehaltener Hand hat die glückliche Kehrtwende gleichwohl mehrere triftige Gründe - ein paar schlicht praktische und einen entscheidenden, bei dem sogar der am Golf sonst so wichtige Kommerzgedanke hintenansteht. Zum einen sind die Inseln zu klein, um ein Hotel von betriebswirtschaftlich sinnvoller Größe mitsamt der erforderlichen Infrastruktur draufzustellen. Sie hätten aufgeschüttet und erweitert werden müssen. Das allein wäre noch kein Problem gewesen. Andere haben vorgemacht, wie das geht. Aber es hätte Ursprünglichkeit gekostet.

Karte
Zudem hätten die Inseln verkabelt und über kilometerlange Rohre für Frisch- wie für Abwasser mit dem Festland verbunden werden müssen. Das Ökosystem der Region hätte über wie unter Wasser Jahre gebraucht, um sich von diesem in der Summe massiven baulichen Eingriff zu erholen. Niemand wusste sicher, ob Schildkröten, seltene Seevögel und selbst Delfine damit nicht für immer vertrieben worden wären. Spätestens der Dauerbootsbetrieb mit Gästen nach der Hoteleröffnung hätte ihnen in dem überschaubaren Seegebiet den Rest gegeben.

In Abu Dhabi fühlt man sich - und das ist der entscheidende Grund - ganz besonders der legacy, dem ideellen Nachlass des hochverehrten langjährigen Herrschers Scheich Zayed verpflichtet. Gerade er stand zwar durchaus für Mut zum Fortschritt, aber mehr noch für Bewahrung des Erbes der Vorfahren und den Schutz der Natur. Zayed wollte am liebsten die Wüste begrünen, ließ Abermillionen Bäume und Palmen pflanzen und bewässern, erließ Gesetze gegen Baumfrevel und verhängte harte Strafen. Der Mann wollte Naturparadiese innerhalb seines Reiches bewahren oder erschaffen, aber nicht vernichten.

Nicht weit von den sechs Discovery Islands, die ihrerseits Bestandteil der Desert Islands sind, pflegte er jahrzehntelang sein persönliches Rückzugsgebiet. Die Insel Sir Bani Yas, etwa so groß wie Sylt, war sein Privat-Eiland, seine Vorstellung von einer arabischen Arche Noah. Er siedelte dort vom Aussterben bedrohte Oryx-Antilopen aus der Festland-Wüste an, freute sich an jedem neuen Jungtier.

Nach seinem Tod 2004 beschloss die Familie, Sir Bani Yas offiziell zum Naturschutzgebiet und zugleich öffentlich zu machen. Auf dieser Insel sollte sich Tourismus entfalten dürfen - mit Einschränkungen zwar, aber doch so, dass neben einem bereits eröffneten Hotel auch mehrere hochklassige Safari-Zeltcamps vorgesehen waren, die 2012 nach und nach in Betrieb gehen werden.

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Seite 1
mccash 30.01.2012
1.
Zitat von sysopAbu Dhabi*protzt*gern mit megalomanen Bauten wie Ferrari World und dem größten Kulturviertel der Welt. Doch ein Vorhaben haben die Emiratis still und heimlich begraben: die Umwandlung eines Archipels in eine arabische Variante der Malediven. Es siegte - der Naturschutz! http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,811732,00.html
Teile des Artikels sind schlichtweg falsch oder überholt. Die Museumsprojekte wie die Louvre-Aussenstelle oder die Filiale des Guggenheim-Museums sind "on hold" - und das schon eine ganze Weile. In Abu Dhabi herrschen große Zweifel, dass diese Objekte innerhalb der nächsten 10 Jahre überhaupt noch einmal angefasst werde. Und dass hier Geld im Überfluss vorhanden ist, stimmt schlichtweg auch nicht. Abu Dhabi finanziert große Teile von Dubai, das ansonsten schlichtweg pleite wäre. Dieser Mittelabfluss zehrt auch an der ansosnten hervorragenden Finanzkraft von Abu Dhabi.
funnyone2007 30.01.2012
2.
Zitat von sysopAbu Dhabi*protzt*gern mit megalomanen Bauten wie Ferrari World und dem größten Kulturviertel der Welt. Doch ein Vorhaben haben die Emiratis still und heimlich begraben: die Umwandlung eines Archipels in eine arabische Variante der Malediven. Es siegte - der Naturschutz! http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,811732,00.html
Solange ich an solch Orten (siehe auch Dubai) nicht mal Händchen haltend mit meiner Freundin bummeln darf, sie öffentlich nicht küssen darf und selbst im Hotelzimmer nicht machen darf was wir möchten und mit Gefängnisstrafe rechnen muss wenn ich dagegen verstosse, werde ich dort niiemals Urlaub machen.
humburger 30.01.2012
3. Zerplatzte Träume
Zitat von mccashTeile des Artikels sind schlichtweg falsch oder überholt. Die Museumsprojekte wie die Louvre-Aussenstelle oder die Filiale des Guggenheim-Museums sind "on hold" - und das schon eine ganze Weile. In Abu Dhabi herrschen große Zweifel, dass diese Objekte innerhalb der nächsten 10 Jahre überhaupt noch einmal angefasst werde. Und dass hier Geld im Überfluss vorhanden ist, stimmt schlichtweg auch nicht. Abu Dhabi finanziert große Teile von Dubai, das ansonsten schlichtweg pleite wäre. Dieser Mittelabfluss zehrt auch an der ansosnten hervorragenden Finanzkraft von Abu Dhabi.
Die Berichterstattung in den deutschen Medien (selbst 3sat!) trifft schon lange nicht mehr auf die Realität zu. In Dubai dreht sich kein Kran mehr. Manche Viertel sehen aus wie Köln, Mai 45, World Island versandet, und wäre man nicht unter großherzigen Brüdern, wäre hier bald Schluß. Da kann man Abu Dhabi nur loben. Alle Projekte wären längst finalisiert, aber Sheik Mohammed machte den Gang nach Canossa um den Turm in Dubai zu vollenden. Ergebnis: 87% Leer- stand nur in diesem Objekt. Nun hängen sie am Tropf von Abu-Dhabi und auch der Cashmaker (Emirates Airlines) muss wohl das schlechteste Jahr seit Bestehen eingefahren haben. Vor drei Wochen selbst erlebt. Und die Europäer, besonders die Briten, treten langsam den geordneten Rückzug an. Tempora mutantur....
Bartender 31.01.2012
4. Vorurteile!
Zitat von funnyone2007Solange ich an solch Orten (siehe auch Dubai) nicht mal Händchen haltend mit meiner Freundin bummeln darf, sie öffentlich nicht küssen darf und selbst im Hotelzimmer nicht machen darf was wir möchten und mit Gefängnisstrafe rechnen muss wenn ich dagegen verstosse, werde ich dort niiemals Urlaub machen.
In den VAE können Sie in Ihrem Hotelzimmer machen was Sie wollen [wenigstens das was Sie auch in Deutschland tun können] - und Händchen-halten ist auch kein Problem. Man sollte hier [wir wohnen seit 7 Jahren in Dubai und sind immer noch nicht im Gefängnis!] nur ein wenig kulturell einfühlsam sein - nein Mallorca ist Dubai oder Abu Dhabi noch nicht... Es ist traurig, dass es diese Vorurteile immer noch gibt...
Bartender 31.01.2012
5. Wo leben Sie???
Zitat von humburgerDie Berichterstattung in den deutschen Medien (selbst 3sat!) trifft schon lange nicht mehr auf die Realität zu. In Dubai dreht sich kein Kran mehr. Manche Viertel sehen aus wie Köln, Mai 45, World Island versandet, und wäre man nicht unter großherzigen Brüdern, wäre hier bald Schluß. Da kann man Abu Dhabi nur loben. Alle Projekte wären längst finalisiert, aber Sheik Mohammed machte den Gang nach Canossa um den Turm in Dubai zu vollenden. Ergebnis: 87% Leer- stand nur in diesem Objekt. Nun hängen sie am Tropf von Abu-Dhabi und auch der Cashmaker (Emirates Airlines) muss wohl das schlechteste Jahr seit Bestehen eingefahren haben. Vor drei Wochen selbst erlebt. Und die Europäer, besonders die Briten, treten langsam den geordneten Rückzug an. Tempora mutantur....
Nun - Dubai wächst nicht mehr wie früher... und es stimmt dass man Projekte ausserhalb hat, welche "on hold" sind! Aber es stimmt nicht, dass sich kein Kran mehr dreht. Gerade werden wieder einige grosse Projekte weitergeführt: Dubai Pearl zum Beispiel - einige Hotels [Taj, Palm Jumeirah oder Rixios Palm Jumeirah]. Ich weiss die Belegung von Burj Khalifa nicht - die Preise sind jedoch so hoch, dass es relativ klar ist - natürlich ist besonders Dubai auf eine gesunde Weltwirtschaft abhängig - und die gerade sehr verletzliche Stimmung hält einige Investoren zurück.
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