Tourismus in China Wettrennen um Hotelbetten

Verbotene Stadt, Chinesische Mauer und Terrakottaarmee bringen immer mehr Deutsche ins Reich der Mitte – trotz gelegentlicher Sprachbarrieren. Jetzt bahnen sich Probleme von einer gänzlich unerwarteten Seite an – den einheimischen Touristen.


Kiel/Wiggensbach - Die Chinesen sind da. Man trifft sie in der Fußgängerzone, freundlich lächelnd, fast alle mit einer Kamera in der Hand. Immer mehr Touristen aus dem "Reich der Mitte" erkunden Europa - und umgekehrt ist es genauso. Die Zahl der deutschen Gäste in der Volksrepublik China lag im Jahr 2005 bei gut 456.000. Das war mehr als eine Verdoppelung im Vergleich zum Krisenjahr 2003, als der Irak-Krieg dem Tourismus allgemein und die Lungenseuche Sars speziell China schwer zusetzten. Doch obwohl die Sprachbarriere dafür sorgt, dass die meisten Urlauber das Land als Gruppenreisende erleben, sind deutsche Veranstalter nicht nur zufrieden. Vor allem Chinas boomender Inlandstourismus bereitet ihnen - und auch ihren Kunden - Probleme.

Nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes (DRV) in Berlin bieten inzwischen rund 170 Veranstalter China-Reisen an. Manche tragen das Ziel im Namen wie China Tours in Hamburg. Andere verwirren eher damit, dass sie sich Bavarian Tours nennen. Für diesen Veranstalter aus Wiggensbach im Allgäu gehört China zu den wichtigsten Zielen, pro Jahr schickt er etwa 200 Gruppen dorthin. "Wir müssen bei der Unterbringung immer stärker auf Luxushotels gehen, weil Chinas Mittelstand immer mehr die Drei- und Vier-Sterne-Hotels besetzt", sagt Bavarian-Tours-Gründer Rudolf Hochenauer.

Die Folgen zeigen sich im Geldbeutel der Reisenden: "Die Preise in China steigen jedes Jahr massiv an", sagt Hochenauer. Wer mit einer China-Reise liebäugelt, sollte daher lieber 2007 starten als 2008, wenn mit Olympia in Peking ein weiterer Preistreiber hinzukommt.

Disneyland nach asiatischem Geschmack

"Wir erleben einen Boom im innerchinesischen Tourismus", sagt auch Ury Steinweg, Vorsitzender der Geschäftsführung des TUI-Veranstalters und China-Spezialisten Gebeco in Kiel. Wegen der regen Bautätigkeit könne die Hotelkapazität im Lande zwar mithalten, "aber was gebaut wird, entspricht dann doch sehr dem asiatischen Geschmack". Auch neue Attraktionen wie ein Disneyland und die Tibet-Bahn "sind entstanden für den Reisemarkt in China und nicht etwa für deutsche Touristen."

Den Wettlauf mit den Einheimischen können die Veranstalter und Urlauber aus Mitteleuropa nicht gewinnen. In dem Milliardenvolk der Chinesen gehen die paar Hunderttausend Gäste aus Deutschland ohnehin schnell unter. Außerdem sind die Folgen von Sars noch immer nicht ganz überwunden. "Das hat schon weh getan", erinnert sich Hochenauer. Die Zahl der Urlauber und das Preisniveau der Veranstalter seien noch nicht wieder auf dem Niveau vor Sars angelangt, beobachtet Steinweg. Dass die Einreisezahlen aus Deutschland zuletzt stark anstiegen, sei eher durch die vielen Geschäftsreisenden zu erklären, die dann gerne einige Tage dranhängen, um Land und Leute zu erleben.

China hat die Ausmaße eines ganzen Kontinents. Umso wichtiger ist es für Reisende, die richtigen Schwerpunkte zu setzen. In den Medien werde heute vor allem das Bild des modernen China mit den Wolkenkratzern von Shanghai gezeigt, klagt Steinweg. Tatsächlich aber stehe das Land in der Mitte zwischen der Moderne und vielen Traditionen. Vor allem in ländlichen Gegenden seien Kultur und Alltag des "Alten China" noch allgegenwärtig. Dieser Teil der Realität werde von vielen Touristen auch sehr gezielt gesucht. "Jeder will den Wandel sehen von der alten zur neuen Zeit", beobachtet auch Rudolf Hochenauer. Für 90 Prozent seiner Gäste ist China absolutes Neuland.

Shanghai übertrifft Hongkong

Zwar gibt es heute auch einwöchige Städtereisen nach Schanghai oder Peking für 700 Euro mit Flug, Übernachtung und Frühstück. Die Masse der Urlauber bleibt jedoch zwei bis drei Wochen im Lande. Die Orte, die aufgesucht werden, sind dabei für viele Gruppen die gleichen: Peking mit der "Verbotenen Stadt", die Große Mauer, die Terrakottaarmee von Xi'an, eine Jangtsekiang-Kreuzfahrt, die schon oft gemalte Landschaft am Li-Fluss bei Guilin in Süd-China und am Ende dann Shanghai - das sind nicht selten die Stationen. Hongkong, mit seinem Nachtleben und den guten Einkaufsmöglichkeiten früher oft der Abschluss einer China-Reise, werde in dieser Rolle zunehmend von Shanghai abgelöst, so Steinweg.

Ein Problem für deutsche Touristen bleiben die fremde Schrift und die Sprache. Verständigung auf Englisch sei in Peking und Shanghai manchmal möglich, oft aber auch nicht, sagt Steinweg. China werde für Individualreisende daher "auf längere Sicht kein Trendziel werden".

Bis zum Jahr 2010 will China die Einnahmen aus dem internationalen Tourismus von heute 29,3 Milliarden US-Dollar (etwa 23 Milliarden Euro) im Jahr auf 53 Milliarden Dollar (rund 41,7 Milliarden Euro) steigern. Dieses Ziel nennt das staatliche Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik in Frankfurt/Main. Umgekehrt dürfte im Ausland die immer größer werdende Zahl der reisenden Chinesen für Furore sorgen.

Manche Reiseveranstalter beobachten diese Entwicklung auch mit Sorge und fragen sich schon, was ihnen an Hotelkapazitäten in Asien bleibt, wenn die Milliarden Chinesen und Inder verstärkt auf Reisen gehen. Am Arabischen Golf dagegen freuen sich die Scheichs, sagt Günter Rücker, Fernreisenchef beim Marktführer Dertour in Frankfurt: "In Dubai bauen sie die Hochhäuser nicht für uns Europäer."

Christian Röwekamp, gms



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