Tourismus und Sicherheit Idylle all-inclusive

Unser Urlaub soll ein Traum sein. Das haben wir uns verdient. Doch was ist, wenn die Realität einbricht?

Phuket
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Wir hätten so gerne einen Ort, der uns wegträgt aus unserem täglichen Kampf im Arbeitsleben, weg von den Autobahnen, weg von den Storchs, Trumps, Assads und Erdogans.

Einen Ort, an dem sich die Palmen im lauen Wind bewegen, an dem wie von Zauberhand ein Cocktail am Liegestuhl steht, an dem die Wellen sanft am weißen Strand ausrollen. Wo wir geschätzt, gar geliebt, mindestens hofiert werden. Ein Traum. Endlich Urlaub. Darauf haben wir doch einen Anspruch, oder etwa nicht? Hart erarbeitet sind diese Tage, und die soll uns erst mal jemand vermiesen!

Und dann kommt Tunesien. Ägypten. Türkei.

Und uns wird klar, dass es so einen Traumort fern von allem nicht gibt. Das heißt: Eigentlich wissen wir es ja. Dennoch sind wir enttäuscht, dass auch dort Gefahren lauern, wo wir Idylle gebucht und bezahlt haben. Dann kommt die Angst. Was wäre, wenn auch ich genau an dem Ort zu der Zeit wäre, an dem die Bombe hochgeht? Genau in dem Flugzeug sitze, das nie sein Ziel erreichen wird? Eine irrationale Angst, ja, das haben wir verstanden. Statistisch gesehen vollkommen irrelevant. Die Verkehrsunfälle, die Haushaltsunfälle, das Risiko, ja, ja. Aber was heißt das schon, wenn man Angst hat.

Dann kommt Paris. Brüssel. Istanbul. München.

Wo ist denn die Welt noch sicher?

Wir buchen Orte, die uns sicher erscheinen - gerade mit Familie, da darf man nichts riskieren. Spanien oder Sylt statt Tunesien oder Türkei.

Und wir erstürmen die Iberische Halbinsel, Italien und Griechenland, sogar Bulgarien, die unsere plötzliche Liebe und einen Rekordandrang feiern. Was macht es schon, wenn auf Mallorca schwarze Fahnen gegen zu viele Inselfremde gehisst werden. Dass Barcelona keinen Wohnraum mehr hat, Venedig vor der Kreuzfahrt die Waffen streckt. Wir wollen dort hin, wo es sicher ist.

Wir blenden die Realität aus

Und jetzt wieder Thailand.

Unsere Illusionen von dem alten Siam, dem "Land des ewigen Lächelns" sind besonders groß. Trotz Globalisierung erscheint es immer noch schillernd, so weit weg von unserem Alltag. Unser Traumland für den Traumurlaub.

Wir wissen zwar um der Konflikte dort, an den Süd- und Nordkanten, zwischen Gelb und Rot. Wir sind dennoch überrascht, wenn Bomben explodieren, die sogar Deutsche treffen. In der Ferne, in einer uns unbekannten Kultur fühlen wir uns unsicherer. Wenn an einem Ort etwas passiert, fühlen wir uns im ganzen Land bedroht.

Seltsam nur, dass wir immer wieder kommen, was auch passiert. So schnell, wie wir uns verschrecken lassen, so schnell erwacht die Sehnsucht wieder.

Seltsam ist auch, dass wir es schaffen, die Realität dort auszublenden, wo wir unsere Idylle fern des Alltags erleben wollen.

Natürlich, von der thailändischen Militärjunta haben wir gehört. Von Menschenrechtsverletzungen, von eingesperrten Journalisten. Von Sextourismus. Vielleicht davon, dass Kindesmissbrauch, der auch an Orten wie Phuket passiert, durch Reisende weltweit zunimmt.

In unserer freien Zeit aber wollen wir uns nicht mit Klimawandel, Landschaftszerstörung oder Menschenrechten beschäftigen. Im Alltag gehen wir ja schon in den Bioladen und haben Ökostrom abonniert. Wir wissen vielleicht auch, was wir bewirken, wenn wir uns SUVs leisten, für eine Geschäftsbesprechung statt der Bahn den Flieger nehmen. Im Alltag leben wir bewusst, im Urlaub bewusstlos - und erschrecken, wenn uns das bewusst wird.

In der Idylle, die wir uns gönnen, wollen wir nicht sehen: dass die Zauberhand, die uns den Cocktail serviert, damit eine ganz Familie ernähren muss. Dass die Strandverkäufer und die Strandmasseurinnen keine Alternative haben. Dass kleine Familienunternehmen nur vom Heute leben.

Wenn Bomben explodieren und die Idylle keine Idylle mehr ist, dann gehen wir eben woanders hin. Was wir hinter uns lassen, sehen wir ja nicht.

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
poetnix 12.08.2016
1. Dickfälligkeit
Man wird Urlaubsträume wohl nur noch mit Dickfelligkeit und Verdrängung realisieren können. So ist das Leben vor dem Tot.
jujo 12.08.2016
2. ...
Die Alternative? Balkonien! Oder doch Städtereisen nach München?
micromiller 12.08.2016
3. Die Realität ist, dass nach wie vor
mehr Deutsche in ihrer Badewanne zu Tode kommen als in einem der Urlaubsparadiese, also tief durchatmen und sich nicht kirre machen lassen.
OskarVernon 12.08.2016
4.
Zitat von poetnixMan wird Urlaubsträume wohl nur noch mit Dickfelligkeit und Verdrängung realisieren können. So ist das Leben vor dem Tot.
Das kommt auf die Urlaubsträume an ;-) Unserer besteht aus einem kleinen Campingplatz am Ende der Welt: Mitten in der Natur am Ende eines kleinen Sträßchens, himmlisch ruhig, garantiert kein Ziel für irgendwelche durchgeknallten Bombenleger oder Amokläufer - und als Familienbetrieb ohne Angestellte auch garantiert frei von ausgebeuteten Billigarbeitern :-)
scheera 12.08.2016
5.
..in die Türkei bin ich die letzten Jahre nur noch,weil es extrem günstig war gegen Kanaren u.ä d ie teils grobe und respektlose Behandlung war wohl noch nicht schlimm genug-Mit der polit.Lage wird die Entscheidung nun endgültig wohl contra muslim.Länder gehen .Gerade die Spanier haben die Preise nahezu verdoppelt obschon die Leistungen über die Jahre immer schlechter wurden.Aber,was sollen wir machen..?Also eben teuer bezahlen.
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