Tourismusflaute in Ägypten: Allein mit Haien

Von Linus Geschke

Einsame Abenteuer an den berühmtesten Riffen des Landes: Wer jetzt in Ägypten auf Tauchsafari geht, hat mit etwas Glück die Unterwasserwelt fast für sich allein. Besucher erleben Tauchgänge wie vor 20 Jahren - als sich hier vor allem große Fische tummelten und kaum Neoprenmenschen.

Tauchen in Ägypten: Mehr Fisch als Neopren Fotos
Michael Böhm

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Endlich darf Salem Abdel Halim wieder ins Wasser springen, mit allen Extremitäten strampeln, um sich ruckartig durch die leicht bewegte See zum Riff zu kämpfen. Er ist kein eleganter Schwimmer, seine Bewegungen sehen eher aus wie die eines tollpatschigen Frosches, der dabei jedoch ausgesprochen glücklich wirkt: Allein die Tatsache, dass er die "Independence 2" am Riff von Big Brother festmachen kann, bedeutet, dass Touristen an Bord sind und somit für ihn Arbeit und Einkommen gesichert ist.

Als das Tauchsafarischiff drei Tage zuvor die Marina von Hurghada verlassen hat, war es eines unter wenigen: Die Mehrzahl blieb einsam und verlassen an Leinen liegend zurück und musste sich mit der Hoffnung auf bessere Tage begnügen. Die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz, der Sturz Mubaraks, die Ungewissheit, was Ägyptens Zukunft betrifft: Dies alles hat die Küstenorte am Roten Meer im Frühling 2011 fast zu Geisterstädten werden lassen. Den Urlaubern ist die Lage zu unübersichtlich, dabei gelten die Sicherheitsempfehlungen des Auswärtigen Amts - auch nach den jüngsten Ereignissen am Wochenende - ausdrücklich nicht für die Urlaubsgebiete am Roten Meer.

Einer, der sich von den politischen Ereignissen nicht hat beirren lassen, ist Martin Hügel: Seine Reise zu stornieren hat der Berliner nie in Betracht gezogen. Jetzt steht er auf dem Oberdeck des Schiffes, hält einen Kaffee in der Hand und blickt hinüber zu dem Leuchtturm, der das Wahrzeichen von Big Brother geworden ist. Er fühlt sich in seinem Entschluss bestätigt: "Hier als einziges Boot zu ankern, wo sich normalerweise bis zu 15 Tauchschiffe um die besten Plätze zanken, das ist wirklich unglaublich." Der 40-Jährige trinkt einen Schluck und lacht. "Aber geil: Die Tour hat jetzt irgendwie so einen Pioniercharakter!"

Dieses Pioniergefühl haben Taucher in Ägypten lange vermisst. Das Rote Meer gilt ihnen zwar als eines der besten Gebiete weltweit, dem allerdings auch der Makel des "Rudeltauchens" anhängt: Zu oft tummeln sich hier zu viele Menschen an zu wenig Riff, es gibt Neopren statt Großfisch zu sehen. Auf dieser Tour ist dies anders: Martin Hügel bekommt Graue Riffhaie vor die Maske, Seiden- und Fuchshaie, dazu einen imposanten Hammerhai. Andere Gäste an Bord haben noch mehr Glück und können in ihren Logbüchern sogar die Sichtung eines Walhais vermerken: Begegnungen mit dem größten Fisch der Welt sind im Roten Meer sonst so selten wie U-Boote.

Allein mit den Tunfischen

"Besonders beeindruckend fand ich auch die großen Schwärme von Tunfischen", erzählt Hügel nach dem Tauchgang. "Dies ist meine dritte Safari zu den Brother Islands, aber solche Massen habe ich hier noch nicht gesehen." Er schält sich aus seinem Neoprenanzug und klatscht sich mit seinem Buddy ab. "Schön, dass so viele zu Hause bleiben - dann haben wir die Riffe wenigstens für uns alleine."

Ein bisschen mehr Andrang, dagegen hätte Monika Hofbauer nichts einzuwenden. Die erfahrene Tauchlehrerin, die von allen nur Moni genannt wird, arbeitete fast 20 Jahre lang als Guide im Roten Meer, bevor sie sich vor gut einem Jahr als Tauchreiseveranstalterin selbständig machte. Jetzt hätte die Krise ihrem jungen Unternehmen fast das Genick gebrochen: "Als ich das Schiff als Vollcharter gemietet hatte, war von Revolution noch nicht die Rede. Vier Stornierungen gab es dann, Plätze, die ich auch nicht mehr auffüllen konnte. Unter dem Strich ist das Ganze finanziell gesehen eher eine Nullnummer." Vier Stornierungen: Damit kann Moni Hofbauer noch gut leben in einer Zeit, in der viele andere Veranstalter den Großteil aller Touren absagen müssen.

Was sie auch selber einzuschätzen weiß: "Naja, ich hake die Tour nun halt unter Privatvergnügen ab und freue mich, dabei wenigstens keinen Verlust gemacht zu haben. Die Tauchgänge reißen es ja auch wieder raus: Ich genieße hier jeden Moment unter Wasser - das ist momentan wirklich wie Ägypten vor zwei Jahrzehnten." Und jeder, der sie dabei begleitet, darf sich jetzt ein bisschen wie ein Abenteurer fühlen.

Am Nachmittag serviert Imad Fachri den Gästen der "Independence" wie immer Kaffee und Kuchen - der 30-Jährige ist an Bord für den Salon und das leibliche Wohl der Passagiere zuständig. Er sagt: "Ich bin so stolz auf mein Land und so dankbar für die Touristen, die uns jetzt nicht im Stich lassen. Besonders auf die Deutschen, die den Tourismus hier jetzt fast alleine am Laufen halten." Dann erzählt er Martin Hügel von seiner Familie, von den Demonstrationen in Kairo und dem Regime Mubarak.

"Anfangs war Mubarak gar nicht so schlecht", sagt Mechaniker Hani Heschab. "Nur später hat er den Kontakt zu den Menschen verloren. Und sein Sohn Gamal ist der größte Verbrecher überhaupt: Ich hoffe, der wird vor Gericht gestellt und muss das ganze Geld herausrücken, das er seinem Volk gestohlen hat!"

Allein im Blau

Am letzten Tag der Tour legt das Schiff am Elphinstone-Riff an. Hier, nur sieben Kilometer von der Küste entfernt, tobt normalerweise der Wahnsinn: Safarischiffe liegen Bordwand an Bordwand mit Tagesbooten, dazwischen kreischen Speedboote, die weitere Tauchermassen aus dem nahe gelegenen Marsa Alam an den Spot karren. Meist sieht es hier durch die Atemblasen der Taucher aus wie in einem Whirlpool.

"Jeder gute Guide versucht an Elphinstone, für seine Gäste eines der schmalen Zeitfenster zu erwischen, in denen sie sich das Riff nicht mit Hunderten anderen Tauchern teilen müssen." Diesmal hat Hofbauer einen leichten Job: Wohin man auch schaut, rund um die Independence liegt nur weites Blau. Ihr Tauchplatzbriefing fällt dementsprechend kurz aus und besteht im Wesentlichen aus Reinspringen, Spaß haben, jede Minute genießen und sich dabei bewusst machen, dass man vielleicht nie mehr die Gelegenheit bekommt, eines der schönsten Riffe Ägyptens exklusiv für sich genießen zu können.

Auch Martin Hügel gleitet kurze Zeit später mit seinem Buddy über das wie verwaist daliegende Südplateau. Selbst die Fische scheinen jetzt zutraulicher zu sein und sich über die wenigen Besucher zu freuen, so wie ein großer Napoleon-Lippfisch, der sich fast an die Taucher heran kuschelt. Ein tolles Fotomotiv für den ambitionierten Fotografen, bei dem der Hintergrund mal nicht aus einem Blasenteppich besteht. Ganz zum Schluss kommt ihnen dann noch ein Weißspitzen-Riffhai entgegen, fast noch ein Baby, nur gut einen halben Meter lang: eine letzte kleine Belohnung der Natur für die Pionier-Taucher.

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insgesamt 31 Beiträge
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1. hoffentlich noch lange
Skade 11.04.2011
und damit es nicht so bleibt und die Korallenriffe sich nicht erholen können, wird dieser Bericht geschrieben!
2. Sinnlos-Tourismus
zappuser 11.04.2011
Es ist doch nur gut, daß dieser Sinnlos-Tourismus unterbleibt. Am besten gleich ganz abschaffen. Im übrigen kann man es den Urlaubern nicht verdenken, daß sie Ägypten erstmal meiden, es besteht das Gefühl der Unsicherheit.
3. Auf nach Ägypten!
joe444 11.04.2011
Was ist denn bitte Sinnlos-Tourismus? Die Menschen in Ägypten brauchen doch die Touristen, um ihr Land wieder aufzubauen! Und ich wette, die Fische vermissen ihre Besucher auch ...
4. @ zappuser
syracusa 11.04.2011
Zitat von zappuserEs ist doch nur gut, daß dieser Sinnlos-Tourismus unterbleibt.
Welcher Urlaub wäre Ihrer Meinung nach denn sinnvoller? Ballermann und Jürgend Drews im mallorquinischen "Oberbayern"?
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Layer_8 11.04.2011
Zitat von sysopEinsame Abenteuer an den berühmtesten Riffen des Landes: Wer jetzt in Ägypten auf Tauchsafari geht, hat mit etwas Glück die Unterwasserwelt fast für sich allein. Besucher erleben Tauchgänge wie vor 20 Jahren -*als sich hier vor allem große Fische tummelten*und kaum*Neoprenmenschen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,755732,00.html
Einerseits finde ich das geil. So wie früher, als ich 1987 mal da war, Ra's Muhammad, Nuweiba, Dhahab, herrlich! Andererseits müssen die Leute, die sich seitdem da was aufgebaut haben auch von was leben. Hmm vielleicht fahr ich wirklich im Herbst da mal wieder hin...
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