Travel Log Antigua: Musik aus dem Fass

Aus Antigua berichtet Henryk M. Broder

Nur 70.000 Menschen leben auf der Karibik-Insel Antigua. Sie bilden einen eigenen Staat mit einer Hymne, einer Regierung und einem Parlament nach britischem Vorbild. Alles sieht nach Legoland mit Palmen aus. Aber wenn es um Musik geht, ist Antigua eine echte Großmacht.

"Schlaft nicht ein Kinder, bewegt euch", schreit Patrick Johnson. "Ihr kommt ja kaum von der Stelle, so werden wir nie in Dominica ankommen!" In jeder Hand hält er drohend einen Holzklöppel. "Noch einmal, aber diesmal alle zusammen!"

Patrick Johnson kommandiert keine Galeere voller Sklaven, nicht einmal einen Achter mit Steuermann, er ist nur der "Instructor" des "National Youth Pan Orchestra" von Antigua. Dass er seine Musiker, 21 Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren, so hetzt, hat einen guten Grund. Das "National Youth Pan Orchestra" von Antigua übt für einen Auftritt beim großen karibischen Wettbewerb der Steelbands auf der Insel Dominica, eine Flugstunde von Antigua entfernt. Vor drei Jahren haben die Trommler aus Antigua schon den zweiten Preis gewonnen, in diesem Jahr möchten sie den Siegerpokal nach Hause mitnehmen.

Und deswegen üben sie, jeden Tag von 14 bis 18 Uhr, auf einer Probebühne im Hof des Kulturamtes der Regierung von Antigua und Barbuda, die recht viel Geld ausgibt, um Steelbands zu fördern. Es sind immer wieder dieselben beiden Stücke von jeweils acht Minuten: "Earthquake" vom Calypso-Komponisten "Lord" Kitchener aus Trinidad und "Don’t Stop the Party" von einem Mann namens "The Mighty Swallow", der auf Antigua so bekannt ist wie DJ Bobo in der Schweiz. Es gibt in der Kulturbehörde sogar einen "Steel Band Coordinator", Barbara Mason, die etwa ein Dutzend Bands betreut, darunter das "Hells Gate Steel Orchestra", das "Supa Stars Steel Orchestra" und das "West Side Symphony Steel Orchestra".

Calypso-Musiker sind Autodidakten

Frau Mason ist auch jeden Tag bei den Proben des "National Youth Pan Orchestra" dabei, um dem zuständigen Minister laufend Bericht zu erstatten. "Unsere Jugendlichen sind sehr begabt, aber manchmal mangelt es ihnen an Disziplin." Was aber wäre ein Calypso, der so ordentlich und so diszipliniert gespielt würde wie der Radetzkymarsch? In jedem Fall kein Calypso mehr, nur noch Musik nach Noten.

Skurriles, Erstaunliches, Berührendes, Alltägliches - auf ihren Reisen quer durch die Welt haben SPIEGEL- und SPIEGEL-ONLINE-Autoren viel erlebt. In loser Folge berichten sie in der Reihe Travel Log.
Patrick Johnson, der "Instructor", konnte schon Calypso-Stücke auf leeren Ölfässern spielen, bevor er Noten lesen konnte. Das hat er sich inzwischen selbst beigebracht, um Arrangements schreiben zu können. Aber er spielt immer noch ohne Noten alle "Steel Pan Instrumente", das Tenor- und das Gitarren-Fass, das Cello- und das Bass-Fass. Denn obwohl die rot angemalten oder silbrig glänzenden Fässer gleich aussehen, unterscheiden sie sich doch beträchtlich, und die richtige Stelle auf dem Fass zu finden, ist ebenso schwierig wie bei einer Bassgeige.

Fast alle Calypso-Musiker sind Autodidakten - so wie Patrick Johnson, der "Instructor". 1961 geboren, hat er schon als Kind angefangen, "Steel Pan" zu spielen. Sein Vater, von Beruf Schneider, war "eigentlich" ein Musiker, seine Mutter, eine Lehrerin, ebenso. Alle Onkel, Tanten, Nichten, Neffen und Cousins "hatten irgendwas mit Musik zu tun". Johnson lernte Foto-Laborant bei Kodak in Puerto Rico, kam nach Antigua zurück und stieg bei der "Gemonites Steel Orchestra" ein, den "Rolling Stones von Antigua". "Alles ist ein Geschenk von Gott", sagt Johnson, der stolz darauf ist, dass er nie Musikunterricht bekommen hat. Dafür unterrichtet er jetzt selbst, an drei Schulen der Insel. Denn nun soll nichts mehr dem Zufall überlassen bleiben, die Begabten sollen früh entdeckt werden.

Lebenschance, rezeptfreie Droge, Exportartikel

Was für Deutschland, England und Italien der Fußball, das ist für Antigua die Musik vom Fass: Chance ihres Lebens für die einen, rezeptfreie Droge für die anderen und Exportartikel für das ganze Land. "Wenn ich nicht schon so alt wäre, würde ich noch mitspielen", sagt Selvyn Walter, der Anfang der siebziger Jahre das "Halcyon Street Orchestra" gegründet hat, eine der legendären Steel Bands der Insel. 1936 auf Antigua geboren, hat er an der Universität in London römische Geschichte und an der Universität in Jamaica Volkswirtschaft studiert. Walter saß zehn Jahre im Parlament von Antigua, fünf Jahre im Abgeordnetenhaus und fünf Jahre im Senat, eine Wahlperiode lang war er auch Minister für Handel und Industrie.

Antigua: Insel in der Karibik
DER SPIEGEL

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In diesem Jahr feiert er sein 50-jähriges Berufsjubiläum als Journalist und will fortan nur noch Bücher schreiben, über die Geschichte der Steel Bands in Antigua und den Aufstieg und den Fall der Arbeiterpartei. Denn vor zwei Jahren hat auf der Insel, von der Welt weitgehend unbemerkt, eine Revolution stattgefunden. Die PLM (Progressive Labor Movement) wurde abgewählt, nachdem sie 28 Jahre lang, von 1976 bis 2004, regiert hatte. Das heißt, genau genommen war es nicht die PLM, sondern die Bird-Familie. Zuerst V.C. "Papa" Bird und nach ihm sein Sohn Lester "Baby" Bird.

"Es war nicht so schlimm wie auf Haiti", sagt Walter, "aber die Birds hatten einfach alles unter ihrer Kontrolle." Dass sie am Ende doch abgewählt wurden, lag daran, dass sie schließlich übermütig wurden. Lester Bird ließ das Wahlgesetz ändern, und was dazu gedacht war, seine Herrschaft zu sichern, kam der Opposition zugute. "Er hatte sich verrechnet." Jetzt regiert auf Antigua die UPP (United Progressive Party), ein Bündnis ehemaliger Oppositionsgruppen, unter der Führung von Baldwin Spencer.

An V.C. Bird ("Father of the Nation"), der die Insel in die Unabhängigkeit von England geführt hat, erinnern nur noch der Name des Flughafens und ein Denkmal am Rande von St. John's das auch Stalin gewidmet sein könnte. Sobald Selvyn Walter die Geschichte der Arbeiterbewegung auf Antigua aufgearbeitet hat, will er die Geschichte seiner eigenen Familie schreiben. Sein Ur-Großvater, John Jacob Walter, ein deutscher Jude, war im 19. Jahrhundert in die Karibik gekommen und hatte eine Einheimische geheiratet. Mehr weiß auch Selvyn nicht, und deswegen will er jetzt alles herausfinden, was mit seinen Vorfahren zu tun hat. "Damit werde ich mindestens zehn Jahre beschäftigt sein."

Göttlicher Segen für die Trommler

Über 40 verschiedene religiöse Konfessionen gibt es auf Antigua, bei einer Bevölkerung von rund 70.000 Menschen. Alle christlichen Glaubensgemeinschaften, von den Katholiken bis zu den Zeugen Jehovas, sind vertreten, dazu Hindus, Bahai'i, Muslime und ein paar Sekten wie die Rastafari. Und es sieht aus, als würden sie nicht nur friedlich koexistieren, sondern auch freundlich miteinander umgehen. "Die Religionsfreiheit ist so selbstverständlich, dass man nicht darüber zu reden braucht", sagt der Straßenkrämer Ewing I.O. Dorsett, der als Bischof der "Church of God of Prophecy" amtiert und 17 Karibik-Inseln und Surinam seelsorgerisch betreut.

Dorsett ist vermutlich der einzige Antiguaner, der kein Instrument spielen kann. Aber wie alle Antiguaner liebt er Musik. Und als das "National Youth Pan Orchestra" nach Dominica aufbrach, um an einem Wettbewerb für Steel Bands aus der Karibik teilzunehmen, da wünschte er den jungen Leuten nicht nur eine gute Reise, er bat auch den Allmächtigen um Unterstützung.

Bischof Dorsetts Gebete wurden erhört. Die Trommler von Patrick Johnson kehrten als Sieger heim.

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