Treibgut-Kunst in Lettland: Das Meer als Postbote

Von Oliver Lück

Für andere ist es nicht mehr als der Abfall des Meeres. Doch für eine lettische Dorfbewohnerin ist Treibgut ein Geschenk, das ihr die rauen Elemente machen. Heute gleicht ihr Garten einer surrealen Kunstinstallation - die größten Schätze sind 35 Flaschenpostbriefe aus halb Europa.

Der schmale Pfad führt durch einen Kiefernhain bis auf die Düne, wo eine kleine Holzbank steht. Von hier hat sie einen guten Blick. Manchmal sitzt sie einfach nur da und schaut zu, wie die Wolken erhaben wie Segelschiffe aus Watte vorüberziehen, wie die Ostsee ihre Farbe wechselt und mit tausend Zungen über den Strand leckt. Doch dann stapft sie los und liest auf, was das Meer sich irgendwann geholt hat und nun zurückgibt.

Biruta Kerve sammelt, was die letzte Flut in den braunschwarzen Spülsaum geschleppt hat, was die Stürme in den Schilfgürtel geschmissen haben. Heutige Ausbeute: zwei Dutzend Flaschenverschlüsse, eine Zahnbürste, ein Feuerzeug, unzählige Wodkaflaschen, eine Packung Erdnüsse aus Deutschland, eine Dose Schnupftabak aus Schweden, acht Dosen Mais aus Russland, rostig und angefressen vom Salzwasser, aber noch haltbar bis zum 26. September 2010.

Für andere ist es nicht mehr als der Müll des Meeres. Für Kerve sind es Geschenke, die ihr die rauen Elemente machen. Sie trägt die Fundstücke in ihren Garten hinter der Düne und integriert sie in ihr Gesamtkunstwerk. Schutzhelme, Rettungsringe, Frisbeescheiben. Schleppnetze, die verloren gingen oder im Sturm gekappt werden mussten, Puppen und Uhren.

Fahnen flattern an meterlangen Ästen im Wind. Bojen, mit denen Fischer ihre Leinen markieren, hängen wie riesige orangene Früchte an den Bäumen. Seltsame Wesen aus knorrigem Treibholz glotzen die Besucher mit Flaschendeckelaugen an. Zahnbürsten sind zu Blumenmustern arrangiert. Einen Ölanzug, wie ihn Arbeiter auf Bohrinseln tragen, hat Kerve ausgestopft und einen Fußball mit Sonnenbrille als Kopf daraufgesetzt. Badelatschen sind in Reihe an den Hühnerstall genagelt. Die vereinzelten Hühner übersieht man fast in dieser bunten, surrealen Welt aus Treibgut.

Früher bewachten Soldaten den Strand

Nida ist das südlichste Dorf an Lettlands Küste, vermutlich auch das einsamste. Während im Norden in Liepãja und im Süden im litauischen Palanga Menschen ihre Badetücher ausbreiten, Luftmatratzen aufpusten und dicht gedrängt am Strand liegen, hat es hier noch nie nach Sonnencreme gerochen, hat noch nie ein Verkäufer Eis am Strand verkauft. Der eiserne Vorhang hing direkt hinter der Holzkate der 64-Jährigen – zwischen ihr und dem Meer. Der Strand war zu Sowjetzeiten gesperrt. Hier patrouillierten Soldaten, alle hundert Meter stand ein Wachturm.

Fünfzig Jahre lang sollte den Menschen die Flucht so schwer wie möglich gemacht werden. Als die Freiheit Gewissheit war, nahmen viele Reißaus. Die meisten Höfe sind seit Jahren verlassen. Die Besitzer haben sie aufgegeben, lassen sie verfallen. Nur noch fünf der Häuser sind bewohnt. Die Menschen sind alt, viele über 60, die meisten über 70. "Zu verkaufen" steht auf Schildern, die im sandigen Boden stecken. Doch keiner kauft die Grundstücke. "Ist wohl zu ruhig hier", vermutet Kerve. Es soll ihr recht sein, sie kommt gut alleine klar.

Vor der Unabhängigkeit Lettlands arbeitete Kerve als Traktorfahrerin in der örtlichen Kolchose. Doch mit der Wende verschwanden die Staatsbetriebe, sie und ihr Mann verloren die Arbeit. Sie begannen, Strandgut zu sammeln und aus allem, was sie fanden, etwas zu machen. "Trash Art" würde man wohl in der Kunstsprache zu den Skulpturen sagen. "Kunst?", wiederholt sie erstaunt und winkt ab, "naja, ich weiß nicht." Vor drei Jahren starb Jurji, ihr Mann. Ihren Ehering trägt sie weiter am Finger. "Der bleibt", sagt sie. Und auch sie wird in Nida bleiben. Sie ist hier geboren und wird weiter das sammeln, was die Ostsee ihr bringt. "Das führe ich fort", sagt sie, "für mich und Jurji."

Botschaften aus einer fremden Welt

In ihrem Garten hat Biruta Kerve ein Schild aufgestellt und mit Verschlusskappen von Plastikflaschen "Taka uz Joru" und einen Pfeil darauf genagelt: Da geht’s zum Strand. "Für die Touristen", sagt sie. Manchmal stehen tatsächlich welche mit ungläubigem Blick am Gartenzaun. Sie haben versehentlich die Abzweigung nach Nida genommen und reiben sich nun verwundert die Augen. Dann laufen sie aber doch staunend durch den Garten, kichern, fotografieren jedes Detail, jedes Stück Holz und sich gegenseitig.

Biruta Kerve steht dabei und grinst, zeigt ihre Skulpturen, die drei Tütchen mit Bernstein und den ganzen Stolz ihrer Sammlung: 35 Flaschenpostbriefe, die direkt vor ihre Haustür gespült wurden. Abgeschickt in Schweden, Polen, Litauen, den Niederlanden und Deutschland oder von einer der Fähren in die See geschmissen. Gestrandet in Nida, Lettland. Das Meer als Postbote. Biruta Kerve hat alle Briefe sorgfältig in Klarsichthüllen gesteckt, zu jedem Papier das Funddatum notiert. Post aus einer fremden Welt. Sie selbst war im Urlaub noch nie außerhalb von Lettland.

Manche Flaschen trieben Jahre in der Ostsee, andere nur ein paar Tage. Doch alle Briefe erzählen Geschichten von Menschen. Von Nico, die als Köchin auf einem polnischen Schiff arbeitet. Von Muriel aus Holland, die mit ihrer Schulklasse ein Flaschenpostprojekt startete und in Rotterdam einen russischen Kapitän bat, einige der Nachrichten in die Ostsee zu werfen. Von Thomas aus Sassnitz auf Rügen, der mehr als 90 Botschaften abschickte und 15 Antworten bekam. Oder von Agnes und Aurelija aus Litauen, die sich beide in einen Schweden verliebten, der sie per Anhalter mitgenommen hatte – prompt warfen sie einen Liebesbrief ins Meer.

Nach einer halben Stunde ist es wieder ruhig im Garten hinter der Düne. Keine Besucher mehr, die kichern. Keine Fotoapparate, die klicken. Was bleibt, sind die Einträge im Gästebuch. Kerve ist wieder allein in ihrem Haus am Strand und genießt die Ruhe nach dem Sturm. Die aus halben Bojen zusammengebauten Windräder quietschen. Bunte Plastikflaschen klappern an den Sträuchern. Nur der Wind, eine Frau und das Meer. Ein Stillleben in Farbe.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Lück und Locke
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Treibgutsammlerin Kerve: Schätze aus dem Meer