Von Peter Pannke
Wenn man Timbuktu in Richtung Nordwesten verlässt, passiert man am Stadtrand, kurz bevor die Wüste beginnt, eine riesige Betonsäule. Steil ragen ihre Arme in den Himmel, in den Sockel sind verrostete, ausgebrannte Gerippe von Maschinengewehren eingegossen. Flamme de la Paix heißt dieses Denkmal, das daran erinnern soll, dass die Tuareg im März 1996 an dieser Stelle vor den Augen von Präsident Alpha Oumar Konaré und der versammelten Stammesführer 3000 Gewehre verbrannten, um den fragilen Frieden zu besiegeln, den sie mit dem Staat Mali geschlossen hatten.
"Die malische Armee hat ihre Waffen damals nicht mit ins Feuer geworfen", murmelte der Tuareg, der mich zum Festival au désert in die Oase Essakane mitnahm, zwischen den Zähnen. Der Friedensschluss hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Etwa eine Million Tuareg verteilen sich über ein riesiges Gebiet, fünfmal so groß wie Deutschland, das sich über Marokko, Mauretanien, Algerien, Libyen, Mali, Burkina Faso und Niger erstreckt. Als verbindendes Element dient den heterogenen Gruppen einzig ihre gemeinsame Sprache Tamashek, und so nennen sie sich Kel Tamashek, "Sprecher des Tamashek", oder Imazighen, "freie Menschen".
Als in den Dürrekatastrophen der siebziger und achtziger Jahre der größte Teil ihrer Viehherden verdurstete, verschwand zusammen mit ihren Kamelen und Ziegen die Lebensgrundlage der nomadischen Bevölkerung, die in Touristenprospekten als "blaue Ritter der Wüste" verklärt werden. Sie selbst bezeichnen sich weder als "blaue Ritter" noch als Tuareg - das Wort ist ein arabisches Schimpfwort und bedeutet soviel wie "von Gott Verdammte". Die Araber, mit denen sie über Jahrhunderte hinweg immer wieder Kriege führten, haben sie zwar islamisiert, aber nie unterworfen.
Tuareg mit E-Gitarren
Die Sharia - das Wort bezeichnet ursprünglich einen Pfad durch die Wüste - brauchten sie nicht, denn die Sterne wiesen ihnen den Weg.
Als die Tuareg von der fortschreitenden Versteppung der Sahel-Zone immer weiter nach Süden gedrängt wurden, trafen sie auf die Herden der Peul oder anderer Gruppen, die ihre angestammten Wasserrechte verteidigten.
Im Laufe der Auseinandersetzungen wechselten Zehntausende von jungen Tuareg über die Grenze nach Algerien und Libyen. "Ishumaren" wurden sie genannt, nach dem französischen "chômeur", die Arbeitslosen. Fern von ihren Familien vertrieben sie sich die Zeit mit Gesängen, die von den legendären Kriegern der Vergangenheit erzählten. Taghreft Tinariwen - die erste Tuaregband, die zu elektrischen Gitarren griff - führte ein neues Thema in den alten poetischen Kodex ein. "Taghreft" bezeichnet eine Baumannschaft, "Tinariwen" bedeutet Wüste oder "leerer Ort". Die Wüste drohte sich nun auch im Inneren auszubreiten und die Menschen auszuhöhlen, ihre Songs waren von Hoffnung, Schmerz und Sehnsucht nach einem eigenen Land erfüllt.
Sie seien in einem libyschen Trainingslager entstanden, erzählte Tinariwen beim ersten Festival au désert, das 2001 in der Nähe von Kidal stattfand, westlichen Journalisten. Das Versprechen Ghaddafis, sie bei ihrem Kampf für ein autonomes Land der Tuareg zu unterstützen, erwies sich als trügerisch. Einige von ihnen gehörten zu der Gruppe, die im Juni 1990 einen Militärposten an der Grenze zu Niger überfiel und damit den zweiten Aufstand der Tuareg auslöste. Dass sie mit der Kalaschnikow in der einen und der E-Gitarre in der anderen Hand kämpften, wurde bald zur Legende, doch für Tinariwen stand nicht der Krieg, den sie mit traumatischen Erinnerungen verbanden, im Mittelpunkt, sondern die Reflexion über ihr Leben, das zwischen archaischem Erbe und desolater Moderne pendelte.
Traditionelle Nomadentreffen, auf denen getanzt und gesungen wurde, "Temakannit" genannt, hatten in der Sahara stattgefunden, solange die Bewohner zurück denken konnten, aber die Idee, diese Zusammenkünfte auch für Nicht-Tuaregs zu öffnen und Musikerinnen und Musiker aus dem merklich unterschiedlichen Süden des Landes dazu einzuladen, war neu. Die Inspiration, dass sich das zu einem regelrechten Weltmusikfestival auswachsen könnte, stammte von der französischen Musikerkommune Lo'Jo, die Tinariwen 1999 in der Hauptstadt Bamako trafen. Sie taten sich mit der Tuareg-Organisation Efes zusammen, die auf die bedrohte Lebenssituation ihres Volkes aufmerksam machen wollte.
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