Türkisches Latmosgebirge Raki, Rotkiefern und versunkene Ruinen

Wandern ohne Karte und Markierung: Wenn Mithat Sercin Touristen durch das türkische Latmosgebirge führt, benötigt er keine Orientierungshilfen. Mühelos leitet er die Touristen vorbei an versunkenen Bauten und durch Pinienwälder - nur die Esel machen manchmal Schwierigkeiten.


Fotostrecke

3  Bilder
Bergwandern in der Türkei: Ohne Stock und Schild
Das Schreien der Esel vermischt sich mit dem knatternden Lautsprecherruf des Muezzin: "Allahu akbar" - Gott ist groß. Die Frauen des Dorfes bauen vor den Pensionen in Kapikiri, dem alten Herakleia, ihr mobiles Geschäft auf: Auf den Metalltabletts liegen Häkeldecken und Perlenketten. Das Dorf am 15 Kilometer langen Bafa-See im Westen der Türkei erwacht und bereitet sich auf die Touristen vor. Sie kommen, um sich den Athena-Tempel oder die 6,5 Kilometer lange Stadtmauer anzusehen. Einige aber sind auch hier, um in die Berge zu gehen: in das in der Antike sogenannte Latmosgebirge, das 150 Kilometer südlich von Izmir liegt.

Mithat Sercin führt Touristen durch die Berge, die heute offiziell Besparmak heißen, übersetzt Fünffinger. Der junge Mann ist am Bafa-See aufgewachsen. Es gibt keine Wegmarkierungen, keine Wanderkarten und keine Schilder, aber Mithat scheint jeden Stein und jede Abzweigung zu kennen. "Ich orientiere mich an Felsen und Bäumen", sagt er. Eine Gruppe wandert mit Rucksack, eine zweite hat Esel dabei, die das Gepäck und den Proviant tragen und von den Touristen geführt werden.

Schon nach kurzer Zeit wird klar, dass die Touristen mit den Eseln nicht unbedingt das einfachere Los gezogen haben. "Es ist schon anstrengend, weil man sich auf das Tier einstellen muss", sagt Wiebke, die den Esel Kara Fatma über unwegsames Gelände führt. "Der eine Esel ist verträumter und vorsichtiger. Dann gibt es Esel, die einfach so draufloslaufen und die auch mal schubsen, wenn sie schneller gehen wollen."

Versunkene Bauten

Am ersten Tag der viertägigen Wanderung geht es ein Stück am Bafa-See entlang. Ursprünglich gehörte der See zum Mittelmeer, im Laufe der Zeit wurde der Latmische Golf aber durch angeschwemmte Erdmassen vom Meer abgeschnitten, bis er sich im Mittelalter in einen Binnensee verwandelte. Heute ist der Wasserspiegel des Sees höher als der des Meeres, so dass einige antike Bauten in den Fluten versunken sind. Dann führt der Weg weg vom Wasser - es geht langsam bergauf, durch Olivenhaine und über antike, gepflasterte Straßen.

Am Nachmittag erreichen die Wanderer die Alm von Hatice. Die Sennerin trägt Pluderhosen im Blümchenmuster und eine Sonnenbrille. Sie lebt seit ihrer Geburt auf der Alm, die aus zwei Zimmern besteht. "Ich lebe mit den Jahreszeiten", sagt sie. "Im Sommer stehe ich früh auf und gehe später ins Bett. Im Winter stehe ich eben erst später auf und gehe früh ins Bett", erzählt die Mittfünfzigerin. Elektrischen Strom hat Hatice nicht. Aber sie braucht ihn auch nicht. "Das Schönste hier ist die Ruhe", sagt sie. "In der Stadt wird mir richtig schwindelig."

In der Nähe von Hatices Haus befindet sich versteckt eine Höhle mit Felsbildern. Mehrere rötliche Figuren sind zu sehen. Dargestellt ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Wettergott, der auf der Spitze des Berges Tekke Dagi verehrt wurde. Und das sind nicht die einzigen Spuren früherer Bergbewohner: Auch verfallene Tempel und das Stylos-Kloster aus dem 10. Jahrhundert sind in der Nähe zu finden.

Am Abend sitzen die Wanderer vor Hatices Haus, essen Gemüse, das am offenen Feuer gekocht wurde und trinken Raki. Der Anisschnaps wird mit frischem Quellwasser verdünnt. Eselsführer Mehmet spielt auf seiner Cümbüs, einer türkischen Laute, und singt von unerhörter Liebe. Später wird es dann ruhig unter dem Sternenmeer. Geschlafen wird in Hatices Haus in Schlafsäcken auf dem Boden, bis die Esel mit ihren Rufen am folgenden Morgen den Weckdienst übernehmen.

Pinienkerne zum Tee

Nach einem türkischen Frühstück mit Brot, Käse, Tomaten, Oliven und Gurken geht es weiter. Das nächste Ziel ist das Dorf Bagircik. Die Landschaft verändert sich hier: Statt durch Olivenhaine laufen die Wanderer nun durch Pinienwälder, bis sie am Nachmittag in dem Dorf ankommen. Hier lebt Mevlüt mit seiner Mutter in einem kleinen Haus. Er ist an diesem Abend der Gastgeber. Zum Tee gibt es Pinienkerne, die von den Dorfbewohnern geerntet wurden. In Bagircik kommt der Weckruf am nächsten Morgen vom Muezzin des Dorfes.

Dann geht es wieder bergauf. Die Wanderer nehmen den höchsten Punkt im Latmosgebirge in Angriff. Doch der Wind bläst stark - zu stark für die letzten Meter zum 1375 Meter hohen Tekke-Dagi-Gipfel. Wanderführer Mithat rät vom Aufstieg ab, und so geht es zurück ins Tal, vorbei an Pinien, Rotkiefern, Steineichen und Platanen. Die Esel klappern im Takt mit ihren Hufen über die Gneis- und Granitfelsen. Die Sonne geht unter und lässt die Felsen rot schimmern. Der Wind weht noch immer heftig. Wolkenfetzen ziehen vorbei - bald wird es regnen. Vielleicht sitzt auf dem Gipfel ja wirklich der Wettergott?

Von Claudia Steiner, dpa

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
.......... 28.02.2010
1. Die Reise ist zum Empfehlen!
Ich bin jedes mal begeistert, wenn ich in die Türkei reise. Aber nicht in den Hotels an der Küste sondern in den dörflichen Gebieten!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.