Planet Erde

Turkana-See in Kenia Fotografieren in Spiralkurven

Michael Martin

Wer Afrikas Schönheit professionell von oben fotografieren will, benötigt eine Cessna mit ausgebauter Tür. Und einen Magen, der endlose Flugkurven erträgt. Michael Martin hat da so seine Schwierigkeiten.

Zur Person
  • Elfriede Martin
    Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch "Die Wüsten der Erde" und "Planet Wüste". Martins neues Projekt: ein Porträt des Planeten Erde.
  • Themenseite bei SPIEGEL ONLINE
  • Webseite

Auf dem weitläufigen Gelände des Wilson Airport in Nairobi verfährt sich unser Taxifahrer heillos. Ich frage einen Europäer, der gerade ein Flugplatzgebäude verlässt, nach dem Weg zum East Africa Aero Club. In Schweizerdeutsch fragt er zurück, was wir dort suchen würden. "Einen Piloten, der mich mit ausgebauter Türe zum Turkana-See fliegt", antworte ich. Für meine geplanten Luftaufnahmen brauche ich freien Blick nach unten.

"Dann seid Ihr bei mir richtig", ist die Antwort. Zwei Minuten später beugen wir uns im Büro von Christian über Flugkarten von Nordkenia und besprechen eine mögliche Flugroute. Dann telefoniert er mit dem seit 22 Jahren im Land lebenden, schwäbischen Piloten Peter, und alles scheint für den nächsten Tag organisiert - drei Stunden nach unserer Landung in Nairobi.

Fotostrecke

15  Bilder
Michael Martin in Kenia: Per Cessna zum Turkana-See

Meine Frau Elly und ich kamen aus der Südsee und waren 48 Stunden von Tahiti nach Nairobi ohne Bett und Dusche unterwegs - freuen uns aber auf diesen Flug. Plötzlich aber scheint dieser wieder in Frage gestellt: Am Rumpf der Cessna wird ein Schaden durch Vogelschlag entdeckt. Christian greift erneut zum Hörer und überredet die Mechaniker zu Überstunden und einer provisorischen Reparatur.

Rosa Teppich aus Flamingos

Am nächsten Morgen um 9 Uhr sind wir startklar. Pilot Peter, ein sympathischer, gelassener Mann, trifft routiniert die Startvorbereitungen im Cockpit. Mühelos hebt die 40 Jahre alte Cessna 206 ab und nimmt Kurs Nord. Nach einer halben Stunde landet Peter die Maschine auf einer nassen Graspiste, um aufzutanken und die hintere Türe auszubauen. Nach weiteren 20 Minuten Flugzeit erreichen wir den lang gestreckten See Bogoria.

Große Schwärme von Flamingos stehen im ufernahen, flachen Wasser. Um sie nicht zu stören, fliegen wir in großer Höhe. Peter legt die Cessna auf mein Zeichen hin immer wieder in enge Kurven, so dass ich senkrecht nach unten aus der Maschine durch die breite Luke fotografieren kann. Die Fliehkräfte sind enorm, der Gurt hält mich aber fest im Sitz - nur Magen und Kopf spielen in den engen Spiralkurven verrückt.

Mit einem Teleobjektiv fotografiere ich in kurzer Bildfolge die Tausenden von Flamingos, die sich wie ein rosa Teppich unter uns zu drehen scheinen. Nach wenigen Sekunden stellt Peter die Maschine wieder gerade, und ich kontrolliere meine Bilder auf Schärfe und Ausschnitte. Am Nordende des Sees gibt es abstrakte Strukturen, die auf Überschwemmungen zurückgehen. Wieder dreht Peter auf meine Bitte hin enge Kurven, wieder belichtet die Kamera bis zu acht Bilder in der Sekunde.

Wir fliegen weiter Kurs Nord, das Suguta-Tal entlang. Vorsichtshalber ziehe ich einmal fest an meinen Gurt und erschrecke fast zu Tode, als ich er plötzlich aus seiner Verankerung reißt. Wäre dies vorhin in den engen Kurven passiert, wäre ich unweigerlich aus der Maschine geflogen. Elly schnallt sich ab und klettert trotz des heftiges Zugs zu mir ins Heck, währenddessen ich mich an meinen Sitz klammere und versuche, ruhig zu bleiben. Sie bekommt ein anderes Gurtende zu fassen, das gerade mal bis zu meinem Gurtschloss reicht. Als es "Klick" macht, atmen wir beide auf.

Größter See Kenias

Wir folgen schon seit kurz nach dem Start dem Ostafrikanischen Grabenbruch, einer vor 20 Millionen Jahren infolge gewaltiger vulkanischer Eruptionen entstandenen tiefen Verwerfung in der Erdkruste. Er ist Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruches und zieht sich vom Afar-Dreieck in Äthiopien nach Süden. Sein östlicher Ast ist durch eine Reihe von flachen, abflusslosen Seen markiert, dessen größter der Turkana-See ist.

Entlang dieses Grabensystems entstanden zahlreiche Vulkane, viele von ihnen sind erloschen und stark erodiert. Manchmal sind ihre Krater mit Wasser gefüllt - und damit ein interessantes Motiv aus der Vogelperspektive. Nach zwei engen Kurven über einem Vulkankrater muss Elly zum ersten - und nicht zum letzten - Mal zu einer in der Sitztasche steckenden Spucktüten greifen.

In der Frontscheibe der Cessna taucht der Turkana-See auf. Mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von gut 250 Kilometern ist er der größte See Kenias, der Nordteil gehört zu Äthiopien. Dort baut man gerade den Staudamm Gilgel Gibe, der den Omo aufstauen soll, den mit Abstand größten Zufluss des Turkana. Es ist abzusehen, dass der Wasserspiegel um mehr als 10 Meter fallen wird, was massive Konsequenzen nicht nur für die an seinen Ufern lebenden Menschen, sondern auch für die 100 Fischarten haben wird.

Am markantesten Vulkan am See, dem Nabuyatom, legt Peter die Cessna so lange in enge Spiralkurven, bis ich ihn durch ein Zeichen stoppe. Ich kann Elly nicht länger leiden sehen. Sie hat längst wieder die Videokamera gegen die Spuktüte vertauscht. Bei einer letzten, besonders steilen Kurve gibt es auch bei mir kein Halten mehr. Ich reiße ich mir die Wollmütze vom Kopf und erbreche mich in ihr. Mir ihr war ich am Nordpol und am Südpol und jetzt dies!.

Endlich hat auch Peter mitbekommen, in was für einen Zustand wir sind, und ruft in breitem Schwäbisch uns zu, dass es in der Nähe eine Landebahn gebe. Wir nicken erleichtert, zehn Minuten später setzen wir im Nirgendwo der Wüste rumpelnd auf. Nach fünf Stunden Kurvenflug klettern wir mit wackeligen Beinen aus der Maschine. Peter grinst nur kurz und klettert dann auf den rechten Flügel, um drei Kanister nachzutanken. Zurück nach Nairobi sind es noch einmal zwei Flugstunden.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Diskutieren Sie mit!
4 Leserkommentare
Pelao 22.09.2017
nerdchen 22.09.2017
realReader 22.09.2017
a.maassen 22.09.2017

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.