Tyler Brûlé in Champagner-Laune: Flugzeuge statt Facebook

Warum reden Vielflieger eigentlich die ganze Zeit nur über Airlines, Stewardessen und Jumbojets? Tyler Brûlé kennt die Antwort: Weil man sich so schön lustig über sie machen kann - und man dabei nicht auf die guten Sitten achten muss.

Abflug in Hongkong:  Tyler Brûlé  mag am Flughafen die Sicherheitskontrollen nicht Zur Großansicht
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Abflug in Hongkong: Tyler Brûlé mag am Flughafen die Sicherheitskontrollen nicht

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Vor einer Woche fasste ich für diese Kolumne gerade die Ereignisse des ersten Teils meiner insgesamt 14-tägigen Weltreise in der nicht sonderlich attraktiven Lounge von Asiana im ebenfalls nicht sonderlich attraktiven Gimpo-Flughafen von Seoul zusammen. Stockholm, Helsinki und Tokio waren bereits abgehakt, aber dann kehrte ich für diverse geschäftliche und private Termine noch einmal nach Tokio zurück.

Sieben Tage später befand ich mich nun elf Kilometer über dem Südchinesischen Meer. Kurz bevor wir die Spitze der koreanischen Halbinsel erreichten, kam die Insel Jeju in Sicht - zumindest laut der Flugstreckenanimation auf dem Bildschirm vor mir.

Ich hatte so schnell eigentlich keinen erneuten Korea-Aufenthalt eingeplant. Am Flughafen Incheon legte der Flug 777 von Singapore Airlines nach San Francisco jedoch einen Zwischenstopp ein - was praktisch war, da ich von dort aus diese Kolumne per W-Lan nach London schicken und außerdem gleich noch etwas Sulwhasoo-Gesichtscreme im Duty-free-Shop besorgen konnte. Wer in dem Airport jedoch eine lesenswerte Zeitschrift oder gar ein Buch erwerben möchte, begibt sich auf eine nahezu hoffnungslose Mission.

Es war die Woche, in der viel zu viel Sendezeit und viel zu viele Zeitungsseiten für den Börsengang einer Firma verschwendet wurden, die die Menschen dazu bringt, ihre öde Alltagsroutine im Netz zu verbreiten und höfliche Unterhaltungen sowie jegliche Spontaneität nach Möglichkeit zu vermeiden. Deshalb war ich sehr froh, dass das Thema in all meinen Meetings und Gesprächen zwischen Tokio, Hongkong und Singapur niemals aufkam. Erstens, weil es einfach uninteressant war (Wie sagt man "Luftblase" auf Japanisch, Kantonesisch und Singlisch?), und zweitens, weil die meisten Leute sich lieber auf einen gemeinsamen Nenner einigen und über die Luftfahrt sprechen.

Bei meiner Rückkehr nach Tokio am Donnerstagabend ging ich zur Eröffnung der neuen Filiale der Osloer Konzeptbar Fuglen (Stellen Sie sich eine gedämpft beleuchtete Café-Bar im norwegischen Design der fünziger und sechziger Jahre vor. Tagsüber gibt es exzellenten Kaffee und abends hervorragende Cocktails). Das kleine umgebaute Haus, das gut versteckt an einer ruhigen Nebenstraße liegt, wurde von lauter cool aussehenden Männern und Frauen aus dem Stadtteil Shibuya, norwegischen Auswanderern und vielen Diplomaten aus der Botschaft bevölkert.

Mischung aus Mädchen- und Mafiafilm

Die meisten meiner Gespräche begannen mit positiven Kommentaren über die Qualität der Getränke und die Innenausstattung, endeten aber fast alle beim Thema Flughäfen, warum Norwegian einen Direktflug nach Tokio anbieten sollte und was wohl mit Scandinavian Airlines geschehen wird.

Auch einige Tage später in Hongkong drehte sich das Gespräch vom Frühstück übers Mittag- und Abendessen bis zum gemeinsamen Drink immer wieder um das Thema Luftfahrt. Lag es daran, dass die meisten wussten, dass ich viel flog? Oder wählten sie den Themenkomplex, ohne dass ich ihnen in irgendeiner Form Anlass dazu geboten hätte? Auf jeden Fall priesen oder kritisierten meine Gastgeber auch während einiger Drinks im Hotel Shangri-La mehr als eine Stunde lang die unterschiedlichsten Fluggesellschaften.

Bei der Frage nach ihrem Lieblingsverkehrsflugzeug herrschte schnell Einigkeit (klarer Gewinner war die Boeing 777), ebenso bei den Maschinen, die sie nicht mochten. Kann man den versuchten Wiederaufbau einer zivilen Flugzeugproduktion in Russland nach dem Absturz letzte Woche außerhalb von Jakarta endgültig als gescheitert betrachten? Warum ist das Essen bei Cathay nicht besser? Wird China Fluggesellschaften entwickeln, die auch internationale Kunden anziehen? Wir hätten den ganzen Abend weiterdiskutieren können, aber mein Freund Ian löste die Runde auf, damit wir rechtzeitig zum Abendessen aufbrechen konnten.

Zehn Minuten später wurden wir im 22. Stock eines schmalen Hochhauses in Hongkongs Nobelviertel Mid-Levels am hohen Geräuschpegel des Sichuanese Restaurants vorbei zu einem Separée geführt - kritisch beäugt von den Sicherheitsleuten. Während unsere Ankunft noch etwas von "Goodfellas" hatte, ließ die Szenerie im Raum selbst dann eher an den brutalen Zusammenstoß zwischen einem Hongkong-Action-Thriller, einem kantonesischen Mädchenfilm, der von diversen Damen moderierten ABC-Talkshow "The View" und mindestens fünf verschiedenen Kochshows denken - mit Jamie Oliver und Gordon Ramsay kleingehackt in einem Kessel voller gefüllten Paprika und Chili vor sich hinköchelnd.

Frosty Ho an Bord

Wir hatten uns gerade hingesetzt und versuchten, die fünf Damen, die hier Hof hielten, besser kennenzulernen, da bat unsere Gastgeberin mich - während sie Chilis aus einem Topf in der Mitte des Tisches fischte - um eine allgemeine Einschätzung, wie es um die Welt bestellt sei. Würde ich bei einer falschen Antwort auch im Topf landen? Oder zur allgemeinen Belustigung mit den brennend scharfen Inhalten beworfen werden?

Offenbar trafen meine Kommentare auf Zustimmung und eine weitere Flasche Champagner aus dem Hause Ruinart wurde geöffnet. Das Gespräch wendete sich plötzlich Themen wie Hubschrauber über den Alpen, die fürchterliche Hygiene in Flugzeugtoiletten (unsere Gastgeberin hatte einen Film gemacht, in dem man sah, wie sie die Toilette während eines Fluges säuberte, und diesen dann an den Vorstandsvorsitzenden der Airline geschickt) und die schockierend langen Schlangen vor der Sicherheitskontrolle am Hongkonger Flughafen für Ausländer zu.

Aber warum kommen wir überhaupt so häufig auf das Thema Fluggesellschaften und die Luftfahrt zu sprechen? Auf dem Weg zurück zum Hotel dachte ich über diese Frage nach und beantwortete sie mir folgendermaßen: Gespräche über Airlines und Flughäfen stehen stellvertretend für heiklere Themen, die schnell als politisch unkorrekt gelten würden. Schließlich ist es viel einfacher (und sicherer), sich über eine Airline und ihre Mitarbeiter lustig zu machen, als über das ganze dazugehörige Land herzuziehen.

Du meine Güte! Manchmal sollte man sich auch einfach mal auf Kosten anderer amüsieren dürfen: Das Wort "Heathrow" wäre dann ein Synonym für Briten-Bashing und Alitalia-Witze eigentlich ein Kommentar zu Italiens Wirtschaftswesen. Und wer könnte widerstehen, wenn es darum geht, sich an die Lieblings-Crew-Namen auf Flügen mit chinesischen Airlines zu erinnern? "Frosty Ho wird auf dem heutigen Flug Ihr Chefsteward sein."

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  • Dienstag, 22.05.2012 – 08:52 Uhr
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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".