Tyler Brûlé in den USA Der Muff der Siebziger

Her mit dem Aufbauprogramm für US-Städte! In Texas cruist Tyler Brûlé vorbei an verbarrikadierten Lagerhallen, verlassenen Einkaufszentren und leeren Bürohäusern. Der Kolumnist hat einen Tipp für die Präsidentschaftskandidaten - und flieht sogleich wieder aus seinem Hotel.

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Sie werden nie erraten, wo ich diese Woche gelandet bin! Ein paar Hinweise: In der Stadt befindet sich der Hauptsitz eines der größten Telekommunikationskonzerne der USA. Sie nimmt eine riesige Fläche ein, ist flach und hat eine eigene TV-Serie, die so erfolgreich war, dass gerade ein Remake produziert wird. Haben Sie es schon raus?

Okay, hier weitere Tipps: Die Männer dort tragen massige, prunkvoll verzierte Gürtelschnallen, und ein kleiner Absatz ergänzt ihr Outfit bestens. Die Frauen rauchen dicke Zigarren. Auch wenn man angesichts dieser Aufmachungen nicht gleich darauf kommt: Die Zentrale der Nobelkaufhauskette Neiman Marcus ist hier ebenfalls angesiedelt.

Immer noch keine Idee?

Denken Sie an Cowboys, an J.R., an Fort Worth, an die Mavericks! Ja, liebe Leser, ich bin in Dallas.

Und nach München, einem kurzen Zwischenstopp in Hongkong und einem Wochenende in Chicago war die Ankunft in dieser Stadt ein kleiner Schock. Ich landete Dienstagnachmittag mit einer neueren, aber keineswegs besseren Boeing 737 von American Airlines.

Es gab zwar WLan und die Sitze lösten sich während des Fluges auch nicht reihenweise in ihre Bestandteile auf, aber die Erfahrung entbehrte dennoch jedweden Charmes: fürchterliche Business-Class-Plätze, deren Rückenlehnen sich nicht richtig nach hinten verstellen ließen (stattdessen rutschte das Hinterteil lediglich etwas tiefer ins Polster hinein), eine Mahlzeit mit Krabben und heißem Käseauflauf sowie schäbige Decken und Kissen.

Kofferträger in Safari-Uniform

In Dallas erwartete mich in der Ankunftshalle ein freundlicher Fahrer, und einige Minuten später waren wir auf dem Freeway und cruisten gemächlich durch den Verkehr zu meinem Hotel. Da die Rushhour gerade begonnen hatte, erkundigte ich mich, ob es Stau geben würde. Der Fahrer versicherte mir jedoch, dass es eigentlich nie voller auf den Straßen werden würde als jetzt.

Als wir von der Schnellstraße abbogen und durch eine Art Gewerbegebiet für gehobene Ansprüche kamen, fielen mir die vielen "Zu verkaufen"-Schilder und verbarrikadierten Lagerhallen auf. Sollte ich mich jemals im amerikanischen Südwesten niederlassen wollen, an Platzproblemen würde es zumindest nicht scheitern.

Während ich mich noch umschaute und mir vorzustellen versuchte, wie es sein mochte, hier zu leben, erreichten wir das Hotel. Ich wurde von einem kleinen Kofferträger-Aufgebot in tropischer Kolonialkleidung begrüßt. Die Jungs nahmen mein Gepäck an sich und waren verschwunden, bevor ich meinen Pass und meine Brieftasche hatte herausnehmen können.

An der Rezeption wurden wie üblich ein Zimmer-Upgrade sowie andere Annehmlichkeiten angeboten. Mit der Schlüsselkarte in der Hand machte ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer, als mich plötzlich ein Schwall dieser merkwürdig abgestandenen Luft traf, der man in amerikanischen Hotels leider so häufig begegnet. In der Hoffnung, dass nur die Flure betroffen seien, öffnete ich mein Zimmer - und der Gestank haute mich förmlich um.

Flucht an die frische Luft

Liegt es daran, dass in den meisten in den Siebzigern und Achtzigern entstandenen Hotels in den USA das gleiche Kühlsystem eingebaut und die gleichen Baumaterialien benutzt wurden? Sind es die giftigen Ausdünstungen des billigen Mobiliars? Oder vielleicht die Matratzen? Dieses Hotel gehörte einer international operierenden Kette an und pries sich selbst als eines der besseren in Dallas an, deswegen war ich wirklich verwundert.

In der Hoffnung, die eklige Mischung aus veralteten Luftfiltern/Zigarettenrauch/diversen Raumsprays/verschmutzter Bettwäsche und Nachtschweiß würde dann verschwinden, riss ich die Balkontüren auf. Zehn Minuten später war ich mit meinen Taschen wieder in der Lobby und machte alle Schritte wieder rückgängig. Die junge Dame am Empfangstresen wirkte etwas irritiert, als ich meinen Schlüssel und alles andere zurückgab.

"War etwas nicht zu Ihrer Zufriedenheit?" Eine Sekunde lang wollte ich ihr alles über den seltsamen Geruch erzählen, der in den meisten amerikanischen Hotels herrschte, aber ich wusste, dass sie nichts dagegen hätte unternehmen können und ihre Meldung darüber in der Zentrale untergehen würde. "Alles okay", sagte ich, "meine Pläne haben sich nur etwas verändert."

Auch der Fahrer des Wagens war erstaunt, mich und mein Gepäck so schnell wiederzusehen. Ich erklärte, dass es ein logistisches Problem gegeben habe. Denn ich wollte nicht lang und breit erklären, wo die Dienstleistungsbranche der USA meiner Meinung nach überall falsche Entscheidungen getroffen hat.

Plan zur Wiederbelebung der Städte

Auf dem Weg Richtung Stadtmitte kamen wir an weiteren verlassenen Einkaufszentren und mit Brettern verbarrikadierten Bürohausblöcken vorbei. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ein Stadtplaner all diese verstreuten Teile wieder zu einem Ganzen zusammenführen würde. Würde man alles abreißen und von vorne beginnen? Würde man ein massives Aufbauprogramm starten und die sehr einseitige Gewerbekonzentration zu Gunsten einer vielseitigeren Nutzung aufgeben?

Wäre man überhaupt in der Lage, den Amerikanern - und gerade den Texanern! - ein Konzept der Verdichtung zu verkaufen? Eine Viertelstunde später erreichten wir das Highland Park Village und damit das vielleicht einzige denkmalgeschützte Einkaufszentrum einer amerikanischen Vorstadt. Es brummte nur so vor Leben. Warum? Ganz einfach: Es hatte überschaubare Ausmaße, viel Grün und wies die gemütliche Intimität einer auf engerem Raum zusammengepferchten Gemeinschaft auf.

Einige Stunden später sah ich mir das Duell der Präsidentschaftsanwärter im Fernsehen an. Gewinnen würde auf jeden Fall der Kandidat mit einem Plan für die Wiederbelebung der amerikanischen Städte.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
ijf 23.10.2012
1. thanx Tyler
...Ich dachte schon, ich bin die einzige, die Reisen in Amiland hoteltechnisch grausig findet... Dallas war schon in den Neunzigern exakt so, wie oben beschrieben... Tyler hat nur die Kakerlaken im Zimmer vergessen zu erwaehnen... Die besten Hotels hab ich in Boston gefunden - liegt wahrscheinlich daran, dass die Stadt so herrlich unamerikanisch ist :)
hador2 23.10.2012
2. optional
Auch wenn ich die allgemeine Kritik an amerikanischen Großstädten der Marke Dallas teile: Dallas hat mit dem amerikanischen Südwesten ungefähr soviel zu tun wie Köln mit dem Ruhrgebiet....nämlich bis auf eine gewisse geografische Nähe praktisch gar nichts.
dagamba 23.10.2012
3. Dallas vergessen, bitte!
Ich hab jahrelang (in Europa) für ein großes Texanisches Unternehmen gearbeitet, das "Texas" sogar im Namen trägt. HQ in Dallas. Dorthin musst ich auch ein paar mal. Dazu kann ich nur sagen: Belebt die ganzen völlig heruntergekommenen Amerikanischen Städte wieder, gerne, nur Dallas nicht. Das wäre ohnehin nicht zu schaffen. Dallas gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Da sollte man sich lieber um andere verwaiste Städte kümmern, bei denen es sich lohnt. Das Problem der Städte in USA ist übrigens der "urban Sprawl". Jeder baut sich irgendein Holzhütte irgendwo 100 Meilen vom Stadtkern entfernt und das ganze breitet sich, unter Absterben des Kerns, immer weiter aus. Das Absterben hängt auch mit der Amerikanischen Wegwerfgesellschaft zusammen: Nach 20 Jahren ist so ein amerikanisches Haus wirklich kaum mehr bewohnbar. Satt zu renovieren oder auf demselben Grund etwas neues zu bauen, wandert das Haus in immer ärmere Hände, bevor es irgendwann ganz verlassen wird. Das zur Theorie. In der Praxis sollte man natürlich mit den ganzen leblosen Städten des Mittleren Westens und Westens, aber auch des Südens unbedingt etwas machen, nur Dallas sollte Brachland bleiben und irgendwann wieder Steppe werden. Ganz ehrlich.
flokeys 23.10.2012
4.
Zitat von ijf...Ich dachte schon, ich bin die einzige, die Reisen in Amiland hoteltechnisch grausig findet... Dallas war schon in den Neunzigern exakt so, wie oben beschrieben... Tyler hat nur die Kakerlaken im Zimmer vergessen zu erwaehnen... Die besten Hotels hab ich in Boston gefunden - liegt wahrscheinlich daran, dass die Stadt so herrlich unamerikanisch ist :)
Kann ich überhaupt nicht bestätigen. Wir haben in den USA immer in tollen Hotels gewohnt, und von der Freundlichkeit der Mitarbeiter und dem exzellenten Service kann man hier nur träumen.
potenz 23.10.2012
5. Halt vorher mal aussuchen ...
... das Hotel! Zwar fand ich auch Dallas "Downtown" ziemlich öde, als ich mal dort war, aber mein Hotel - das "Magnolia" - war eines der besten, in denen ich in den USA gewohnt habe.
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