Tyler Brûlé in Kalifornien: Die Einsamkeit des Zeitungslesers

Im kalifornischen Venice Beach fühlt sich Tyler Brûlé plötzlich wie vom anderen Stern: Umzingelt von Smartphone- und Laptop-Fans raschelt er im Café mit seiner Zeitung - und erntet erschreckte Blicke. Unser Kolumnist hat Mitleid mit den Einheimischen.

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Corbis

Laptop-Nutzer im Café: Abgeschottet vor dem Bildschirm

Kürzlich schilderte mir eine Journalistin des SPIEGEL, wie geschockt sie war, als sie in einem Café in Los Angeles feststellte, dass niemand sonst Zeitung las. "Alle starrten nur auf ihre iPhones und Bildschirme. Mit einer Zeitung in der Hand kam ich mir vor wie von einem anderen Stern", sagte sie. Ich gestehe, dass ich das zu diesem Zeitpunkt noch für ein wenig übertrieben hielt.

Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis ich an unser Gespräch erinnert wurde. Vergangene Woche spazierte ich den Abbot Kinney Boulevard im kalifornischen Venice Beach entlang und ging schließlich in ein Straßencafé. Männer wie Frauen hockten auf Stühlen wie in einem Hörsaal. Offenbar wartete man jedoch nicht auf den Beginn einer Vorlesung, denn alle tippten wild auf ihren MacBooks Air herum.

Die Männer trugen verblasste T-Shirts - die Ärmel leicht hochgekrempelt, um ihre gut durchtrainierten Bizepse und eigenwilligen Tattoos zur Schau zu stellen - sowie eng anliegende schwarze Jeans, die gerade weit genug umgeschlagen worden waren, um die abgewetzten Stiefel von Alden freizulegen. Die Frauen präsentierten sich in ähnlicher Aufmachung, statt auf Stiefel stand man hier aber mehr auf Ballettschühchen oder irgendwelche Sneaker im Keds-Style.

Was tun diese Menschen?

Ich ging zum Tresen und bestellte einen Kaffee. Während ich darauf wartete, dass der Barista mit dem kunstvoll frisierten Bärtchen meinen Milchkaffee ebenso kunstvoll in eine Tasse goss, schaute ich mich in dem Raum um. Eins, zwei, drei, vier..., sechs..., zwölf Leute hatten einen aufgeklappten Laptop vor sich stehen, sechs davon außerdem Kopfhörer aufgesetzt, die selbst den Lärm einer direkt neben uns landenden Boeing 747 geschluckt hätten.

Jeder blickte sehr ernst - vom typisch sonnigen Lächeln war an diesem Abschnitt der kalifornischen Küste nichts zu merken. Überhaupt lösten sich die Augen selten vom Bildschirm, dafür wurde hochkonzentriert auf die Tasten gehauen und zwischendurch einzelne Haarsträhnen gezwirbelt.

Was machten die da bloß alle? Entstanden hier Drehbücher am Fließband? Oder wurden Lebensläufe für bevorstehende Bewerbungsgespräche aufgehübscht und ausgeschmückt? Vielleicht fanden auch nur Aktualisierungen von Profilen in diversen sozialen Netzwerken statt? Hatten diese Menschen eigentlich einen Job?

Und warum um alles in der Welt hielten diese beiden da hinten in entgegengesetzten Ecken des Raums ihre Handys waagrecht vor den Mund und redeten drauflos, während sie gleichzeitig ihre massiven Kopfhörer umklammerten, als würde parallel ein Song aufgenommen? War das irgendein Trend, der in Taipeh oder Hongkong aufgekommen war und jetzt den Süden Kaliforniens erreicht hatte? Himmel! Ich hoffe nicht.

Papierterror in der Laptop-Welt

Während ich meinen Kaffee umrührte, fiel mir dann wieder die Unterhaltung mit der Journalistin ein - und ich drehte mich um, um zu sehen, ob sie recht hatte. Oben und unten, links und rechts ließ ich den Blick durch den Innenraum und die Tische draußen wandern. Das einzige Papier in Sicht waren die zusammengedrückten Dollar-Noten in einem Glas auf dem Tresen - weder "Los Angeles Times" noch "Financial Times", keine Zeitschriften, nicht mal ausgedruckte Powerpoint-Seiten, lediglich aufgeklappte Laptops und leuchtende Apple-Logos, die die ohnehin schon funktionelle Atmosphäre noch betonten.

Die einzigen Texturen im ganzen Café bestanden aus den Metallarbeiten außen, dem aufgearbeiteten Holz im Inneren und vielleicht diesem wuscheligen Einheitshaarschnitt. Alles andere hatte klare, scharfe und kantige Konturen - war also ebenso perfekt wie langweilig.

Ich ließ mich draußen nieder, um die Szene zu betrachten - und um ein wenig Unruhe zu stiften, indem ich die Freitagsausgabe der "Financial Times" herausnahm und sie quer über meinem Schoß auseinanderfaltete. Etwas oberhalb saß eine junge Frau ohne Kopfhörer, sie schreckte irritiert hoch. Wieder nahm ich das Papier zur Hand und verpasste ihm nun ein paar Handkantenschläge, bis ich es säuberlich zu einem übersichtlichen Viertel verkleinert hatte, um die Rubrik "Unternehmen & Märkte" zu studieren.

Dieses Procedere verstörte nun bereits mehrere Mitglieder aus dem Runterlad/Surf/Chat-Clan nachhaltig. Sie guckten sich forschend um und versuchten herauszufinden, was das für ein seltsames Geräusch war und ob es wieder aufhören würde.

Ich begriff, warum die SPIEGEL-Korrespondentin sich wie ein Marsmensch vorgekommen war: Sie hatte sich in ihre Tageszeitungen und Magazine vertieft und damit allen auch ihre Vorlieben auf dem Medienmarkt offenbart. Die anderen Café-Besucher versteckten sich und ihre Lektüre jedoch hinter den Bildschirmen und blendeten ihre Umgebung inklusive des Geklappers von Fingernägeln auf Tastaturen völlig aus. Vom ungewohnten Rascheln einer Zeitung fühlten sie sich jedoch sofort gestört.

Kaum Bücher zu sehen

Ich bestellte mir noch einen Coffee to go. Beim Hinausgehen bemerkte ich, dass nicht nur Zeitungen fehlten, es war auch kein iPad oder Ähnliches zu sehen. Während ich noch überlegte, ob dies nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sei, begab ich mich auf die Suche nach einem Buchladen. Der beste, den ich finden konnte, hatte sich der Spiritualität verschrieben, was meinen Bedürfnissen nicht gerade entgegenkam. Es waren überhaupt weder Zeitschriften-Kioske noch Secondhand-Buchläden zu sehen, weder große Ketten noch unabhängige Buchhandlungen. Ich hatte Mitleid mit den Einheimischen.

Etwa eine Stunde später erreichte ich den Terminal für internationale Flüge in Los Angeles. Hier hatte man sich offensichtlich Mühe gegeben, die Atmosphäre zu verbessern, stellte ich erfreut fest. Die muntere Dame von Lufthansa warnte allerdings davor, die Erwartungshaltung allzu hoch zu stecken. "Die können all ihr Geld für ein besseres Design ausgeben, das ändert aber nichts am Verhalten der Kontrolleure oder der Behandlung bei der Ankunft", sagte sie, als wir zum Gate gingen. Ich brummte etwas Zustimmendes.

An Bord der Boeing 747 wurde ich von einer freundlichen Stewardess mit einem Arm voller Zeitungen begrüßt. "Tut mir leid, aber es gibt auf dem heutigen Flug keine Internetverbindung. Wenn ich Ihnen aber vielleicht eine 'FAZ', ein 'Handelsblatt', die 'Financial Times' oder die 'International Herald Tribune' mitgeben dürfte?", fragte sie.

In der Kabine waren alle Mitreisenden mit ihren Lieblingszeitungen beschäftigt, und die Welt schien plötzlich wieder in Ordnung zu sein.

Übersetzt von Andrea Fonk

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insgesamt 10 Beiträge
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1. .
Rubeanus 24.01.2012
Bei Youtube gibt es zig Videos, die Kleinkinder beim souveränen Umgang mit einem iPad zeigen. Wenn man denselben Kindern eine gedruckte Illustrierte vorlegt, können sie damit nichts anfangen: Sie versuchen es mit Wischbewegungen und mit Fingerdruck, aber das klappt natürlich nicht. Für diese jungen Menschen wird es einmal genauso abwegig sein, für ihre Informationen und ihre Unterhaltung bedrucktes Papier zu verwenden, wie es für uns abwegig ist, Texte auf gebrannten Lehmtafeln zu lesen.
2. Ganz normal ...
manatee 24.01.2012
Wer,wie ich, des öftern in den USA ist sieht dies (Laptops,Netbooks,Smartphones zum"Zeitunglesen") als völlig normal an. Der"deutsche Bauer"hingegen (wir bauen doch die besten Autos)hingegen schaut wie eine Kuh beim Gewitter wenn moderne (zeitgemäße) Geräte zur Information benutzt werden. Zur Info : Wir haben Januer 2012 (Das Rad ist erfunden und es gibt Feuer).
3. Armes kuscheliges Deutschland
tetaro 24.01.2012
Ja, das mag man in Deutschland nun gar nicht verstehen, wie die anderen Nationen technologisch an einem vorbeizischen. Kein Wunder, hier wird ja endlos diskutiert, ob sich Ebooks durchsetzen können, weil sie ja nicht den Geruch alten Papiers transportieren. Deutschland erlebt zur Zeit offensichtlich sein zweites Biedermeier, auch das allgemeine politische Desinteresse spricht dafür.
4. Ich mag Ihren Vergleich...
heineborel 24.01.2012
Zitat von RubeanusBei Youtube gibt es zig Videos, die Kleinkinder beim souveränen Umgang mit einem iPad zeigen. Wenn man denselben Kindern eine gedruckte Illustrierte vorlegt, können sie damit nichts anfangen: Sie versuchen es mit Wischbewegungen und mit Fingerdruck, aber das klappt natürlich nicht. Für diese jungen Menschen wird es einmal genauso abwegig sein, für ihre Informationen und ihre Unterhaltung bedrucktes Papier zu verwenden, wie es für uns abwegig ist, Texte auf gebrannten Lehmtafeln zu lesen.
... trotzdem macht mir das ein wenig Angst :) Man merkt es heute schon wenn man aufmerksam Bahn fährt (nicht ICE, sondern die täglich S-Bahn-Pendelei): gefühlt die Hälfte klickt auf Ihren Smartphones, Tablets und PC herum, während ich noch (völlig old school) ein Buch, den Spiegel oder sonst etwas lese.
5.
wennderbenzbremst... 24.01.2012
Mein Sitznachbar im Bus findet es wesentlich angenehmer, wenn ich mit meinem Smartphone hantiere, als wenn ich ihm dauernd eine Frankfurter oder die Süddeutsche um die Ohren schlage. Im Flieger und in der Bahn sicher das Gleiche.
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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".

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