Tyler Brûlés Tokio Zeitreise mit Zwiebelsuppe

Es braucht keinen Flux-Kompensator, um in die Vergangenheit zu reisen: Tyler Brûlé genügt ein simples Geschäftsessen im Tokioter Vergnügungsviertel Ginza - und schon befindet sich der Kolumnist wieder in den siebziger Jahren.

Tokios Vergnügungsviertel Ginza: Tyler Brûlé fühlt sich hier an die siebziger Jahre erinnert
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Tokios Vergnügungsviertel Ginza: Tyler Brûlé fühlt sich hier an die siebziger Jahre erinnert


Wissen Sie noch, wann Sie zuletzt eine Zeitreise unternommen haben? Und zwar ohne dabei unter Medikamenteneinfluss oder therapeutischer Beobachtung gestanden zu haben, fern von jeder Überschallgeschwindigkeit und auch nicht durch das Tragen einer Verkleidung? Erinnern Sie sich, wohin es ging und auf welchem Weg Sie dorthin kamen?

Starrten Sie gerade gedankenversunken auf die Bäume vor Ihrem Bürofenster und wurden plötzlich in den Biounterricht der neunten Klasse zurückkatapultiert? Wurde Ihnen dabei wieder bewusst, wie einfach das Leben damals war? Oder war es ein eher verstörender Moment mit seltsamen Flashbacks, bei denen Sie sich nicht sicher waren, ob sie auf Erinnerungen an wiederkehrende Traumsequenzen oder Bruchstücke eines verdrängten Kindheitstraumas zurückgehen?

Eine sehr vergnügliche Reise in die Vergangenheit konnte ich gerade in Tokio erleben, bei der ich dankenswerterweise von peinlichen Erlebnissen aus der Uni-Zeit und Augenblicken blanken Entsetzens bei meinem ersten Job verschont wurde.

Morgens war ich eine Runde gelaufen (Roppongi/Nishi-Azabu/Hiroo) und hatte mir dabei einen Weg durch die Menschenmenge gebahnt: radfahrende Mütter mit Kindern sowie junge Damen und Herren, die nach einer langen Nacht in winzigen Bars und Nachtclubs nach Hause zurückschlurften. Zurück im Grand Hyatt duschte ich, beantwortete ein paar Mails, während ein alter amerikanischer "Twin Huey"-Hubschrauber an meinem Fenster in Richtung der US-Militärbasis vorbeidonnerte, die gleich hinter der Roppongi-Kreuzung liegt.

Unten traf ich meinen Fahrer, und wir gingen das Tagesprogramm durch. Oto-san war vielleicht Mitte sechzig - oder Mitte achtzig. In Japan ist es immer schwer, das Alter zu schätzen. Normalerweise sind die Einheimischen hier ein Jahrzehnt älter, als sie aussehen. Umgekehrt finden viele Japaner, dass Leute aus dem Westen ein Jahrzehnt älter aussehen, als sie sind. Er begrüßte mich in einem sehr formellen Englisch, das perfekt zu seiner schwarzen Kappe und den weißen Handschuhen passte.

Schreibmaschinen von Microsoft

Während wir uns durch den Verkehr wühlten, erzählte Oto-san, dass er sein Englisch in Seattle gelernt habe. "Ich habe früher für Microsoft gearbeitet", sagte er - und brach in schallendes Gelächter aus. Als Oto-san sich im Staat Washington aufhielt, machte die Firma Brother noch immer ein Bombengeschäft mit Schreibmaschinen.

Nach einem kurzen Stopp in Akasaka und einem Treffen mit einem Mann, der voller Enthusiasmus das Konzept des Landlebens in Japan revolutionieren wollte, sprang ich zurück ins Auto und ging meine Agenda durch.

"Sollen wir nun nach Ginza fahren, Sir?", fragte Oto-san.

"Das wäre wunderbar", sagte ich. "Ich werde im Shiseido Parlour Mittag essen."

Zehn Minuten später erreichten wir Shiseidos kleine Ansammlung an Kosmetik-, Konfekt-, Mode- und Parfümgeschäften.

"Ich erwarte Sie hier wieder um 13.15 Uhr, Sir", verkündete Oto-san. "Genießen Sie Ihr Essen."

Kroketten für Tyler-san

Auch wenn Shiseido weltweit eher für internationale Parfümmarken und Kosmetikprodukte bekannt ist, hat sich das Unternehmen in Tokio auch durch diverse ausgezeichnete Restaurants sowie einen himmlischen Konfekt-Laden einen guten Ruf erworben.

Ich nahm den Lift in den fünften Stock (das Zwischengeschoss eines zweistöckigen Speisesaals), wurde von einer eleganten Dame und einem Herren im Smoking begrüßt und in einen kleinen Nebenraum geführt, wo bereits meine Kunden warteten.

Nach der allgemeinen Begrüßung und dem Austausch von Visitenkarten warfen wir einen Blick auf die Speisekarte. "Wir freuen uns darüber, dass Sie dieses Lokal gewählt haben, Tyler-san", sagte der Chef der Gruppe. "Das beste Reis-Curry und klassische westliche japanische Gerichte." Seine Kollegen nickten und brummten zustimmend, während sie die Karte mit großer Aufmerksamkeit studierten.

Genau in diesem Moment begann meine Zeitreise. Ein kurzer Blick auf die Karte versetzte mich zurück in die späten sechziger und frühen siebziger Jahre mit Standards wie Zwiebelsuppe, Kroketten (Fleisch oder Krabben), Bœuf Stroganoff und japanischen Versionen westlicher Gerichte in Form von Curry und Reis.

Kein Molekular-Quatsch

Während ich zwischen Curry und Steak schwankte, nahm sich meine Kollegin Noriko einen Stuhl und die perfekt gekleideten Kellner (Smokingjacken, lange Schürzen, sehr gepflegt) begannen, die Bestellungen aufzunehmen.

"Lust, einen Caesar Salat zu teilen?", fragte ich Noriko. "Klar, und dann nehme ich das Stroganoff", sagte sie.

Während wir uns dem Business zuwandten, verteilten die Keller das Silberbesteck und verwandelten den Tisch in etwas, das mich sofort an Geschäftsessen mit meinen Eltern im Montreal um 1974 erinnerte: wahre Türme von Gewürzen, Kristallgläser mit Ginger Ale und ein Wägelchen mit einer massiven Teak-Schüssel, Salatbesteck aus Holz und allen Zutaten für einen Caesar Salat.

Der Kellner bereitete den Salat vor unseren Augen zu. Er zerquetschte Knoblauch, schlug Eier auf, mahlte Pfeffer und präparierte den Salat. In Sekundenbruchteilen fühlte ich mich in das Speisezimmer meiner Kindheit zurückversetzt, in dem meine Mutter genau dasselbe getan hatte. Der Keller fügte dann mit großer Geste Öl hinzu, vermischte alles, schwenkte es und servierte uns schließlich den Salat.

Als die Schüsseln vor uns gestellt wurden, versuchte ich mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt so einen guten Service genossen hatte - und das in einer Atmosphäre, die die siebziger Jahre in Perfektion und ohne einen Hauch von Ironie wiederaufleben ließ. Niemand versuchte, angesagten Trends hinterherzulaufen, es gab keinen Molekular-Quatsch und keine Zugeständnisse an Diätlaunen. Was für ein Genuss!

Einen Augenblick lang war das Tokio von 1974 ein magischer Ort. Aber nicht nur das: Es war ein magischer Ort, der auch im Herbst 2012 noch ein Bombengeschäft ist.

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Augustusrex 06.11.2012
1. Der Knabe ist Jahrgang 68
und fühlt sich in Tokio wie in die 70er zurückversetzt? So ein Stuß
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