Tyler Brûlé kriegt Allergie: Unverträgliche Unverträglichkeiten

Keine Gluten, keine Milch und auch bitte nix mit Weizen: Für Tyler Brûlé sind die meisten Lebensmittelallergien nur ein Hilfeschrei nach mehr Individualität. Da lobt sich der Kolumnist die Japaner, die nicht aus jeder Essensbestellung ein zeitfressendes Spektakel machen.

Die Milch macht's: Für Laktoseintoleranz zeigt  Tyler Brûlé  wenig Verständnis Zur Großansicht
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Die Milch macht's: Für Laktoseintoleranz zeigt Tyler Brûlé wenig Verständnis

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Seit fast zehn Jahren schreibe ich diese Kolumne nun schon. Wer sie ein bisschen verfolgt hat, kennt die Städte, die ich regelmäßig aufsuche, und auch den Rhythmus, in dem dies geschieht: New York einmal im Vierteljahr, Mailand etwa fünfmal im Jahr, Hongkong alle zwei Monate und Tokio ungefähr alle fünf Wochen. Seitdem wir dort im Januar einen Laden und ein Büro eröffnet haben, gehört auch Toronto dazu. Und dank vieler neuer Kunden und Aufträge liegt Bangkok inzwischen fast Kopf an Kopf mit Hongkong, was meine Besuchsfrequenz in asiatischen Knotenpunkten betrifft.

Sollten Sie diese Kolumne auch in den vergangenen Wochen gelesen haben, wissen Sie, dass es auch einige Überraschungen gab - zum Beispiel die 48-stündige Spritztour nach Dallas. Das hatte zu Beginn des Jahres noch außerhalb meines Vorstellungsvermögens gelegen.

Ebenso wie der Ort, an dem ich diese Kolumne gerade verfasse, und der sogar noch wahlloser, exotischer und reicher an Energie ist als Dallas: Denken Sie an Rodeos, einen königlichen Besuch vor kurzer Zeit, die Winterolympiade und Chinook-Winde. Ja, ich befinde mich im eiskalten Calgary. Die Temperatur von minus 19 Grad Celsius fühlt sich aufgrund des Windes allerdings eher wie minus 30 Grad an. Ich könnte noch drastischer in meiner Wortwahl werden, aber damit wäre der Kolumne nicht gedient. Deshalb belasse ich es einfach bei einem "Brrrrrr".

Zum Glück bin ich gerade von einem fröhlichen Abendessen mit meiner lieben Freundin Lisa, ihrer Schwester Susie und meinem Kollegen Tristan zurückgekehrt. Die köstliche Mahlzeit, die ausgezeichneten Weine und die witzige Unterhaltung ließen den eisigen Wind vergessen.

Lächerliche Welle der Lebensmittelallergien

Die vergangene Woche bestand aus einem wahren Marathon an Weihnachtsfeiern. Sie begannen am letzten Wochenende mit unserem Weihnachtsmarkt in London und gingen am Dienstag und Mittwoch in Tokio mit den Partys für Kunden und Abonnenten weiter. Ein Muster, das sich am Donnerstag und Samstag in Toronto in ähnlicher Weise wiederholte. Nun ist meine Tour mit einer Zusammenkunft im kleinen Kreis in Calgary beinahe beendet.

Die Weihnachtsfeiern erforderten eine gute Planung, was das Catering anging. Und in diesem Zusammenhang wurden einige Fragen aufgeworfen: Wer ist verantwortlich für diese lächerliche Lebensmittelallergie-Welle, die den Planeten erfasst hat? Wer profitiert davon? Und wann wird das aufhören?

Vielleicht wäre ich gar nicht noch mal extra auf das Thema aufmerksam geworden, wäre mir in Tokio nicht gerade das völlige Fehlen all dieser speziellen Ernährungspläne aufgefallen. Das war eine solche Erleichterung der Vorbereitungen, dass mir bewusst wurde, wie sehr die Kunst der Gastfreundschaft in anderen Teilen der Welt gelitten hat. Es ist ja beinahe unmöglich geworden, zu einem entspannten Abendessen einzuladen, ohne beim Belegen der Kanapees oder den Hauptgerichten mindestens zehn spezielle Diätrichtlinien zu berücksichtigen.

Es mag eventuell eine Verallgemeinerung sein, aber in Japan meldet niemand bei der Essenbestellung Extrawünsche an. Weder bitten mittags in einem Tonkatsu-Restaurant Freunde darum, dass ihr Schweineschnitzel in glutenfreien Semmelbröseln gewälzt wird, noch droht in der Patisserie in Nishi-Azabu irgendwer den Kellnern, sollte sich ein Milchprodukt auch nur in die Nähe der versammelten Gruppe verirren, und auch im Café in Daikanyama wird der ahnungslose Barista nicht mit Einzelheiten zu diversen Allergien malträtiert.

Nach der Nuss die Notfallspritze

Vielleicht besitzen die Japaner ja ein Gen, welches ihnen Immunität gegenüber allen denkbaren Nahrungsmittelallergien verleiht. Vielleicht reicht ihr medizinisches Fachwissen auch einfach noch nicht aus, um die bedrohlichen Folgen von Lebensmitteln analysiert zu haben. Ich denke eher, dass die japanischen Ärzte schlicht darauf verzichten, sich auf Kosten ihrer Patienten zu amüsieren.

Wäre es nicht höchste Zeit, die Begriffe Allergien und Unverträglichkeiten klar zu trennen? Ich habe Freunde und Verwandte, die auf verschiedene Nüsse allergisch reagieren. Gelegentlich habe ich beobachten können, wie sie verzweifelt nach ihrer Notfallspritze gesucht haben, während sich ihr Gesicht bereits lila färbte und die Augen weit hinaustraten. Bekannte bekamen am ganzen Körper einen Ausschlag, weil sie Erdbeeren gegessen hatten. Und ich erinnere mich an jemanden, der allergisch auf Tomaten reagierte. Aber es war so kompliziert, für diese Leute zu kochen, dass wir uns aus den Augen verloren haben.

Wenn es jedoch um Spuren von Soja, einen Schluck Bier, ein bisschen Schlagsahne auf dem Kuchen oder ein wenig Lachs auf einem Cracker geht, zählt das wirklich als allergische Reaktion? Echt?

Wie kommt es, dass offenbar 37 Prozent der englischsprachigen Weltbevölkerung sich seit 2009 nicht mehr in der Nähe von Produkten auf Gluten-Basis oder aus Milch aufhalten können, während diese Probleme vorher unbekannt waren? Und wer profitiert davon? Sind es skrupellose Allergie-Experten die sich mit diagnostischen Unternehmen verschwören, die wiederum den Produzenten von gluten- und milcheiweißfreier Nahrung gehören? Oder ist diese Entwicklung der Tatsache geschuldet, dass die Menschen nach Wegen suchen, sich auszudrücken und von der Masse abzuheben? Und die diesem Bedürfnis nachkommen, indem sie bei sich selbst eine Laktose-Intoleranz feststellen, nachdem sie zu viel Eis gegessen und dann die ganze Nacht im Badezimmer verbracht haben?

Egal, wer daran schuld ist: Es ist an der Zeit, dem eigenen Bauch etwas weniger Aufmerksamkeit zu schenken und stattdessen ein bisschen mehr zu leben - gerade in dieser vergnüglichen Zeit der edlen Getränke und der puren Völlerei.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Ahja...
EvenD 18.12.2012
...dem Artikel entnehme ich mal, das so ein weltgewandter Jet-Setter wie sie unter keiner Unverträglichkeit leidet, hm? Andernfalls, und wenn sie die Schmerzen von Magen- und Darmkrämpfen kennen würden, oder die Freude von spontan auftretenden Durchfällen, etc. pp...wäre so ein Geschmiere sicher nicht Zustande gekommen. Man solle sich weniger um seinen Magen kümmern und einfach leben? Was, wenn das Ding einen nicht leben lässt? Ist man damit jetzt der große Spielverderber solcher Personen wie Ihnen? Na dankeschön...ich weiß schon, warum ich mich von solchen *** fern halte und meine Fructoseintoleranz in der Regel für mich behalte.
2. Zwei Gründe!
doc 123 18.12.2012
Es gibt zwei wohlbekannte Gründe für diesen geradezu absurden Allergie-Hype, den der Artikel sehr gut beschreibt. Zum einen sind dies die Patienten selbst, einen Umstand den Studien bestätigen, in denen aufgezeigt wird, dass die Selbstdiagnose "Allergie" allenfalls tatsächlich bei entsprechender Verifizierung in 2 bis 3 % der Fälle zutreffen. Zum anderen die ärztlichen Kollegen, die in der überwiegen Zahl aber rein gar keine Ahnung von der "Allergologie" besitzen, einem Fachgebiet, das wohl das umfassendenste Detailwissen über mehrere tausend bekannte Allergene erfordert und damit zur teils massiven Verunsicherung der Patienten beitragen. Welcher "normale" Arzt macht sich schon die Mühe sich über sämtliche Allergene, bez. Vorkommen, Auswirkungen, Häufigkeiten etc. ernsthaft zu informieren?`Da werden teils absurde Allergietestungen gemacht, die in den meisten Fällen keinerlei klinische Relevanz besitzen und danach die Therapie oder Konsequenz gestellt, wie die absurd häufige Verschreibung der "Allergiespritze" oder unsinnigste Indikationen für Hyposensibilisierungsbehandlungen beweisen.
3. optional
uwe_sauber 18.12.2012
Nur ja nicht über den eigenen Tellerrand schauen! Was ich nicht habe, hat auch kein anderer (zu haben) ... und wenn, dann ist's nur Einbildung
4. Ich vermute, dass Menschen nicht auf die Lebensmittel selbst allergisch reagieren,
IsaDellaBaviera 18.12.2012
Zitat von sysopKeine Gluten, keine Milch und auch bitte nix mit Weizen: Für Tyler Brûlé sind die meisten Lebensmittelallergien nur ein Hilfeschrei nach mehr Individualität. Da lobt sich der Kolumnist die Japaner, die nicht aus jeder Essensbestellung ein zeitfressendes Spektakel machen. Tyler Brûlé zweifelt an den Lebensmittelallergien seiner Mitmenschen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/tyler-brule-zweifelt-an-den-lebensmittelallergien-seiner-mitmenschen-a-873648.html)
sondern auf die darin enthaltenen Gifte wie: synthetische Düngemittel, Weichmacher aus den Verpackungen, Herbizide, Fungizide, Pestizide, Konservierungsmittel, Farbstoffe, Geschmacksvertärker........
5. ich verstehs nicht
adazaurak 18.12.2012
ich verstehe nicht warum diesem neoliberalen, stillosen Langweiler Tyler B. hier auf SPON seit Jahren ein Forum geboten wird. Wenn schon ein neoliberaler Provokateur dann bitte jemand mit Talent, wie beispielsweise Don Alfonso von der FAZ, der ist gut, klug und lustig, aber dieser Tyler B. ist soooo öde und dumpf.
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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".