Tyler Brûlés Pleitegeier: Fliegende Botschafter

Malev, Spanair, Air Australia: Mehrere Fluggesellschaften mussten jüngst Insolvenz anmelden. Das kann so nicht mehr weitergehen. Kolumnist Tyler Brûlé fordert mehr Nationalstolz, wenn es um die eigene Airline geht - und hält Ryanair für keine Alternative. 

Tyler Brûlé: Mehr Nationalstolz, bitte! Fotos
DPA

Am Montag kehrten einige Kollegen aus Budapest zurück und brachten jede Menge Geschichten von köstlichen Süßigkeiten sowie verführerisch günstigen Immobilien im Stadtzentrum mit. Mein Kollege Andrew berichtete allerdings auch von einem erschütternden Erlebnis am Flughafen der ungarischen Hauptstadt.

"Da standen die ganzen Flugzeuge von Malev mit ihren blauen Nasen säuberlich aufgereiht und ohne Bestimmung auf dem Boden" sagte er. "Noch deprimierender war die Aussicht, dass anscheinend Ryanair Ungarns neue nationale Fluggesellschaft wird."

Insolvenzen von Airlines sind inzwischen ja fast alltäglich - siehe Spanair und Air Australia, die genau wie Malev in den vergangenen Wochen Konkurs anmeldeten. Den nationalen Fluggesellschaften geht es vergleichsweise selten an den Kragen. Das mag zum einen an der emotionalen Bindung zu den Marken liegen, deren geliebte Schwanzflossen man nicht auf einem Dauerparkplatz vor sich hinrosten sehen möchte, zum anderen daran, dass eine staatseigene Airline häufig als Grundpfeiler wirtschaftlichen Selbstbewusstseins betrachtet wird.

Es gab sehr prominente Insolvenzen - Swissair in der Schweiz und Sabena in Belgien fallen einem sofort ein - aber in beiden Fällen bemühten sich sowohl der öffentliche Sektor als auch die Privatwirtschaft nach Kräften, ihre Flaggen so schnell wie möglich zurück auf den Rumpf von Boeing- und Airbus-Maschinen zu kleben - allerdings in leicht geänderter Form. Beide sind gute Beispiele dafür, warum eigene Fluggesellschaften gerade für kleine Länder so wichtig sind: Sie fördern den Handel, kurbeln den Tourismus an und stehen symbolisch für die Unabhängigkeit des Staates.

Nationale Fluglinien als Sicherheit

Dies widerspricht den Predigten sogenannter Wirtschaftsweiser, die den Verzicht auf nationale Airlines proklamieren. Es ist schon richtig: In den vergangenen Jahrzehnten haben die meisten großen Wirtschaftsmächte ihre Airlines an andere Unternehmensgruppen verkauft oder sie an die Börse gebracht - aus sentimentalen Gründen behielten sie allerdings meist eine Minderheitsbeteiligung. Die wirtschaftlichen Ergebnisse waren im besten Fall durchwachsen.

Ich bin natürlich für einen freien und offen zugänglichen Markt. Gleichzeitig glaube ich jedoch, dass Regierungen verpflichtet sind, ihren Bürgern einen grundsätzlichen Service zu garantieren - besonders wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass der freie Markt die entstandene Lücke füllt. Selbst einwohnerschwache Länder ohne große strategische Bedeutung sollten sich deshalb mit einer nationalen Fluglinie absichern.

Externe Berater mögen behaupten, dies sei unnötig, da die Nachfrage auch von anderen Fluggesellschaften befriedigt werden könnte. Aber es steht deutlich mehr auf dem Spiel als sicherzustellen, dass jeder Flug eine Auslastung von 80 Prozent hat.

Eine nationale Fluggesellschaft ist ein Konsulat auf Flügeln, das allgemein Respekt hervorruft und Kultur genauso rund um die Welt transportiert wie Fußball-Mannschaften, Handelsmöglichkeiten oder die landeseigene Küche (einige Airlines servieren tatsächlich ordentliches Essen, wenn sie sich an die nationalen Gerichte halten).

Positive Beispiele: Emirates und Singapore Airlines

Air New Zealand ist ein solches Beispiel für neuseeländischen Einfallsreichtum und die Raffinesse der Kiwis. Die Kabine bei Langstreckenflügen ist klug gestaltet, man konzentriert sich auf neuseeländische Weine und engagiert angesehene Küchenchefs, die die Menüs mitentwerfen.

Eine nationale Fluggesellschaft ruft immer einen gewissen Stolz hervor, wenn die bekannte Schwanzflosse in einem entlegenen Flughafen entdeckt wird, wenn sie die erfolgreiche Mannschaft nach Hause bringt oder gestrandete Menschen aus Notsituationen rettet.

Gerade in unserer zunehmend globalisierten Welt ist vielen Regierungschefs klargeworden, wie wichtig es ist, die eigene Flagge auf so vielen Routen wie möglich flattern zu sehen - eine Botschaft, die sicherlich auch Singapur begriffen hat, dessen Regierung indirekter Eigentümer von Singapore Airlines ist, oder die Herrscher in Dubai, die Emirates kontrollieren.

In beiden Fällen haben kleine Staaten ihre Airlines zu einem Teil ihrer nationalen Identität und Wachstumsstrategie gemacht. Da überrascht es kaum, dass die Beispiele Emirates und Singapore Airlines nur selten in den Präsentationen von Beratern auftauchen, die sich gegen die Regierungsbeteiligung bei Fluggesellschaften aussprechen, da sie deren Theorien ad absurdum führen.

Rettungsflüge aus der Bananenrepublik

Im Moment steht in Finnland der Verkauf der halbstaatlichen Finnair zur Diskussion - entweder Teile davon oder gleich das ganze Unternehmen. Durch das Ausnutzen der schnellen Reisezeiten am Scheitelpunkt der Welt hat sich Finnair zwar in den vergangenen Jahrzehnten eine einzigartige Position in der internationalen Luftfahrt aufgebaut, für externe Investoren ist die Attraktivität trotzdem überschaubar. Wird Lufthansa wirklich in einen Knotenpunkt am anderen Ende der Ostsee investieren? Die gleiche Frage stellt sich für Air France-KLM oder Qatar Airways.

Auch wenn Regierungen weiterhin weltweit den Gürtel enger schnallen, sollten sie nie vergessen, dass manche Dinge einfach geschützt werden müssen. Eine Airline zu besitzen, ist ausgesprochen nützlich. Zum Beispiel, um seine Bürger rund um die Welt zu fliegen, um Besucher von Investitionen zu überzeugen und um die eigenen Erfolge herauszustellen. Deshalb ist es auch wichtig, dass Staaten repräsentative Botschaften und Konsulate unterhalten, statt Diplomaten mit iPads aus den Lobbys von Novotels heraus arbeiten zu lassen.

Ich frage mich, was passieren wird, wenn eine Gruppe ungarischer Touristen das nächste Mal aus einer sonnigen Bananenrepublik gebracht werden muss, deren Regierung gerade implodiert ist; wird Budapest sich dann durch die Büros von Ryanair in Dublin durchstellen lassen müssen, um eine Rettungsaktion zu organisieren? Oder werden sie die Rückflugtickets einfach online buchen?

Und was geschieht, wenn Finnland die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnt (ein abwegiges Beispiel, ich weiß) und ein großes Empfangskomitee die heldenhafte Mannschaft zu Hause empfängt: Was macht das bitte für einen Eindruck, wenn das Team aus dem Flugzeug einer norwegischen Billigfluglinie wie Norwegian Air Shuttle steigt? So viel also zu Nationalstolz, Würde und jeglichem Gefühl für Souveränität auf der Bühne der Welt.

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Zur Person
  • FT
    Tyler Brûlé, Jahrgang 1968, ist Medienunternehmer, Journalist und Designer. Der gebürtige Kanadier arbeitete als TV-Reporter für die BBC und für US-amerikanische Sendungen wie "Good Morning America" und "60 Minutes". Er schrieb als Autor unter anderem für "The Guardian", "Stern", "Sunday Times" und "Vanity Fair". Weiterhin entwickelte Brûlé die beiden Lifestyle-Magazine "Wallpaper" und "Monocle". Letzteres verantwortet der Kanadier seit 2007 als Chefredakteur. Tyler Brûlé lebt in London. Seine Kolumne "Fast Lane" erscheint im englischen Original in der "Financial Times".