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27. Februar 2013, 05:14 Uhr

U-Boot-Tauchgang vor Curaçao

Fensterplatz in 1000 Fuß Tiefe

Von Linus Geschke

Achtung, jetzt wird es eng - und dunkel: Vor der Karibikinsel Curaçao tauchen Touristen in einem U-Boot ab. Nur einen Meter breit ist die Kapsel, die sie in die Tiefe bringt. Wer Glück hat, erlebt dabei die Entdeckung bislang unbekannter Tiere mit.

In 140 Meter Tiefe geht das Licht aus. Genau dort, wo sich das letzte bläuliche Schimmern im ewigen Dunkel verliert. Eine Sekunde, zwei Sekunden, dann ist das Licht wieder an. Die kurze Zeitspanne hat aber genügt, um sich an die Worte von Bruce Brandt zu erinnern. Der Pilot des Unterseeboots sagte kurz vor dem Tauchgang: "Mit einer Person an Bord reicht die Versorgung mit Atemgas im Notfall rund 400 Stunden lang." Jetzt sind wir zu viert: Wir würden immerhin vier Tage überleben, wenn irgendwas danebengeht.

Aber Brandt sagte auch, dass schon nichts danebengehen werde. Schließlich wolle er abends ja auch wieder bei seiner Familie sein. Außerdem sei Curasub, wie die Betreiber ihr rot-weißes Unterseeboot nennen, vom Germanischen Lloyd zertifiziert und bis zu einer Maximaltiefe von 450 Metern zugelassen.

Also nur keine Panik jetzt und den Blick wieder nach vorne gerichtet, wo sich vor dem gewölbten Acrylglasfenster im Scheinwerferlicht eine Rifflandschaft abzeichnet, die so zerfurcht aussieht wie das Gesicht von Keith Richards. Während auf den ersten fünfzig Metern noch das Leben tobt und unzählige Fischarten um die bunten Korallen wuseln, wird es mit zunehmender Tiefe immer lebensfeindlicher. Man sieht schwarze Korallen, riesige Gorgonien und zwei Meter große Schwämme.

Plötzlich kommt Aufregung auf im U-Boot: Im Scheinwerferlicht taucht eine Muräne auf. Drei, vier Sekunden, dann ist sie wieder in einer der vielen Riffspalten verschwunden.

Touristen-Tauchgang in die Tiefe

Die Tiefenanzeige klettert auf 657 Fuß, das sind gut 200 Meter. Hier beginnt die Tiefsee. "Wir betreiben hier auch Forschungsarbeit", sagt Brandt. "Bislang haben wir auf den Tauchfahrten bereits fünf neue Fischarten entdeckt und vier Muscheln, die man bisher nicht kannte." Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er von seiner Zusammenarbeit mit der Smithsonian Institution spricht, einer Bildungseinrichtung, die zahlreiche Museen in den USA betreibt. Forschungsarbeit, das klingt besser als Tauchausfahrten mit Touristen.

Die Idee fürs Curasub stammt von Adriaan Schrier, den alle nur "Dutch" nennen. Der Holländer ist auf Curaçao für seine spleenigen Ideen bekannt. Vor Jahren wollte er an der Südwestküste ein Hotel bauen, genau dort, wo seiner Meinung nach der Sonnenuntergang am schönsten ist. An dieser Stelle gab es nur Wasser. Er schüttete kurzerhand Land auf - zwei Jahre später baute er dort sein Hotel. Dann wollte er Delfine in der Nähe haben, diese aber nicht in ein Betonbecken einpferchen. Also ließ er einen Teil des Riffs absperren, setzte die Tiere hinein und gründete ein Aquarium, das seitdem viele Auszeichnungen für die artgerechte Haltung erhielt.

Als er 2008 mit dem Forschungs-U-Boot "MIR I" für 50.000 Dollar zum "Titanic"-Wrack abtauchte, war für ihn klar: Etwas in der Art musste er auch haben. 2010 wurde Curasub in Vancouver gebaut. 2,1 Millionen Dollar legte Schrier dafür auf den Tisch. Damit sich das rechnet, braucht er sechs Gäste pro Tag.

Stippvisite bei den Schiffswracks

Sechs Gäste, die bereit sind, jeweils 650 Dollar (umgerechnet knapp 500 Euro) für eine Tour auszugeben, die eineinhalb Stunden dauert und 150 Meter in die Tiefe geht. Wer noch weiter hinunter will, muss vor Ort verhandeln. Vierstellig dürfte die Summe dann in jedem Fall werden. Preislich ist das Business Class, geflogen wird aber Economy: Mehr als eine Flasche Mineralwasser pro Person ist als Verpflegung nicht vorgesehen, und auch die Platzverhältnisse in der 1,20 Meter breiten und 2,70 Meter langen Innenhülle des U-Boots sind nicht gerade großzügig bemessen.

"Einmal hatten wir einen Gast", erzählt Brandt, "der beim Anblick des Innenraums dankend auf die Fahrt verzichtet hat." Alle anderen hätten das Gefühl genossen, einen Teil des Meeres zu erleben, "den weniger Menschen gesehen haben als den Gipfel des Mount Everest".

Die magische Marke von 1000 Fuß ist erreicht, gut 304 Meter. Scheinwerfer schicken Lichtbahnen ins Dunkel, vereinzelt verirrt sich ein kleiner Fisch hinein. Sonst gibt es kaum etwas zu sehen, doch die Gäste schweigen ehrfürchtig, während das Summen der batteriebetriebenen Propeller die Stille unterbricht.

Dann geht es wieder nach oben, der Sonne entgegen. "Topside, topside, hier Curasub", lautet Brandts für heute letzter Funkspruch. "Sind in zehn Minuten wieder zurück." Die Ziffern auf der digitalen Tiefenanzeige werden kleiner, die Helligkeit nimmt zu. Brandt steuert noch ein letztes Highlight an: die Wracks zweier gesunkener Hafenschlepper in 45 Metern Tiefe. Die U-Boot-Passagiere fühlen sich wie Entdecker - auch wenn sie es nicht sind. Rund 750 Tauchfahrten hat das Vehikel bislang problemfrei hinter sich gebracht. Und heute zum Glück eine mehr.

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