U-Boot-Tauchgang vor Curaçao Fensterplatz in 1000 Fuß Tiefe

Achtung, jetzt wird es eng - und dunkel: Vor der Karibikinsel Curaçao tauchen Touristen in einem U-Boot ab. Nur einen Meter breit ist die Kapsel, die sie in die Tiefe bringt. Wer Glück hat, erlebt dabei die Entdeckung bislang unbekannter Tiere mit.

Substation Curacao

Von Linus Geschke


In 140 Meter Tiefe geht das Licht aus. Genau dort, wo sich das letzte bläuliche Schimmern im ewigen Dunkel verliert. Eine Sekunde, zwei Sekunden, dann ist das Licht wieder an. Die kurze Zeitspanne hat aber genügt, um sich an die Worte von Bruce Brandt zu erinnern. Der Pilot des Unterseeboots sagte kurz vor dem Tauchgang: "Mit einer Person an Bord reicht die Versorgung mit Atemgas im Notfall rund 400 Stunden lang." Jetzt sind wir zu viert: Wir würden immerhin vier Tage überleben, wenn irgendwas danebengeht.

Aber Brandt sagte auch, dass schon nichts danebengehen werde. Schließlich wolle er abends ja auch wieder bei seiner Familie sein. Außerdem sei Curasub, wie die Betreiber ihr rot-weißes Unterseeboot nennen, vom Germanischen Lloyd zertifiziert und bis zu einer Maximaltiefe von 450 Metern zugelassen.

Also nur keine Panik jetzt und den Blick wieder nach vorne gerichtet, wo sich vor dem gewölbten Acrylglasfenster im Scheinwerferlicht eine Rifflandschaft abzeichnet, die so zerfurcht aussieht wie das Gesicht von Keith Richards. Während auf den ersten fünfzig Metern noch das Leben tobt und unzählige Fischarten um die bunten Korallen wuseln, wird es mit zunehmender Tiefe immer lebensfeindlicher. Man sieht schwarze Korallen, riesige Gorgonien und zwei Meter große Schwämme.

Plötzlich kommt Aufregung auf im U-Boot: Im Scheinwerferlicht taucht eine Muräne auf. Drei, vier Sekunden, dann ist sie wieder in einer der vielen Riffspalten verschwunden.

Touristen-Tauchgang in die Tiefe

Die Tiefenanzeige klettert auf 657 Fuß, das sind gut 200 Meter. Hier beginnt die Tiefsee. "Wir betreiben hier auch Forschungsarbeit", sagt Brandt. "Bislang haben wir auf den Tauchfahrten bereits fünf neue Fischarten entdeckt und vier Muscheln, die man bisher nicht kannte." Stolz schwingt in seiner Stimme mit, als er von seiner Zusammenarbeit mit der Smithsonian Institution spricht, einer Bildungseinrichtung, die zahlreiche Museen in den USA betreibt. Forschungsarbeit, das klingt besser als Tauchausfahrten mit Touristen.

Die Idee fürs Curasub stammt von Adriaan Schrier, den alle nur "Dutch" nennen. Der Holländer ist auf Curaçao für seine spleenigen Ideen bekannt. Vor Jahren wollte er an der Südwestküste ein Hotel bauen, genau dort, wo seiner Meinung nach der Sonnenuntergang am schönsten ist. An dieser Stelle gab es nur Wasser. Er schüttete kurzerhand Land auf - zwei Jahre später baute er dort sein Hotel. Dann wollte er Delfine in der Nähe haben, diese aber nicht in ein Betonbecken einpferchen. Also ließ er einen Teil des Riffs absperren, setzte die Tiere hinein und gründete ein Aquarium, das seitdem viele Auszeichnungen für die artgerechte Haltung erhielt.

Als er 2008 mit dem Forschungs-U-Boot "MIR I" für 50.000 Dollar zum "Titanic"-Wrack abtauchte, war für ihn klar: Etwas in der Art musste er auch haben. 2010 wurde Curasub in Vancouver gebaut. 2,1 Millionen Dollar legte Schrier dafür auf den Tisch. Damit sich das rechnet, braucht er sechs Gäste pro Tag.

Stippvisite bei den Schiffswracks

Sechs Gäste, die bereit sind, jeweils 650 Dollar (umgerechnet knapp 500 Euro) für eine Tour auszugeben, die eineinhalb Stunden dauert und 150 Meter in die Tiefe geht. Wer noch weiter hinunter will, muss vor Ort verhandeln. Vierstellig dürfte die Summe dann in jedem Fall werden. Preislich ist das Business Class, geflogen wird aber Economy: Mehr als eine Flasche Mineralwasser pro Person ist als Verpflegung nicht vorgesehen, und auch die Platzverhältnisse in der 1,20 Meter breiten und 2,70 Meter langen Innenhülle des U-Boots sind nicht gerade großzügig bemessen.

"Einmal hatten wir einen Gast", erzählt Brandt, "der beim Anblick des Innenraums dankend auf die Fahrt verzichtet hat." Alle anderen hätten das Gefühl genossen, einen Teil des Meeres zu erleben, "den weniger Menschen gesehen haben als den Gipfel des Mount Everest".

Die magische Marke von 1000 Fuß ist erreicht, gut 304 Meter. Scheinwerfer schicken Lichtbahnen ins Dunkel, vereinzelt verirrt sich ein kleiner Fisch hinein. Sonst gibt es kaum etwas zu sehen, doch die Gäste schweigen ehrfürchtig, während das Summen der batteriebetriebenen Propeller die Stille unterbricht.

Dann geht es wieder nach oben, der Sonne entgegen. "Topside, topside, hier Curasub", lautet Brandts für heute letzter Funkspruch. "Sind in zehn Minuten wieder zurück." Die Ziffern auf der digitalen Tiefenanzeige werden kleiner, die Helligkeit nimmt zu. Brandt steuert noch ein letztes Highlight an: die Wracks zweier gesunkener Hafenschlepper in 45 Metern Tiefe. Die U-Boot-Passagiere fühlen sich wie Entdecker - auch wenn sie es nicht sind. Rund 750 Tauchfahrten hat das Vehikel bislang problemfrei hinter sich gebracht. Und heute zum Glück eine mehr.



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insgesamt 5 Beiträge
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mg68 05.04.2013
1. Zero Resonanz...
mal auf einen "Linus-Artikel"...kommt doch selten vor ;-) Eine gehörige Portion eigene Skepsis zum Thema lese ich ja deutlichst heraus...ein spleeniger Millionär, der für eine Hotelaufschüttung sicherlich einiges an maritimem Lebensraum zerstört hat, der Delfine dazu einsperrt, und der gut zahlendem Klientel im Mini-Uboot vorgaukelt, auf Cousteaus (oder auf wessen auch immer) Pfaden zu wandeln... "Braucht kein Mensch" wäre die Erklärung zur Zero-Resonanz... War das Thema redaktionell befohlen? ;-)
Hamberliner 05.04.2013
2. Re: Zero Resonanz...
Zitat von mg68mal auf einen "Linus-Artikel"...kommt doch selten vor ;-) Eine gehörige Portion eigene Skepsis zum Thema lese ich ja deutlichst heraus...ein spleeniger Millionär, der für eine Hotelaufschüttung sicherlich einiges an maritimem Lebensraum zerstört hat, der Delfine dazu einsperrt, und der gut zahlendem Klientel im Mini-Uboot vorgaukelt, auf Cousteaus (oder auf wessen auch immer) Pfaden zu wandeln... "Braucht kein Mensch" wäre die Erklärung zur Zero-Resonanz... War das Thema redaktionell befohlen? ;-)
Entwicklung, Bau und Betrieb haben zum Erhalt besonders wertvoller Arbeitsplätze beigetragen. Davon kann man ausgehen, auch wenn der Bericht kaum darauf eingeht. Als wertvoll definiere ich Arbeitsplätze, die besonders faszinieren und Spaß machen. Nur so ganz nebenbei liefern die Benutzer / Kunden doch den Beweis, dass sie das Teil brauchen: indem sie dafür zahlen, und zwar nicht zu knapp.
mg68 06.04.2013
3. Wessen Arbeitsplätze?
Hamberliner, hast du eine belastbare Quelle? Entwicklung/Bau durch einheimische Architekten/Ingenieure? Da fehlt mir schon der Glaube...zur Genüge ist mir solches von den Malediven bekannt...für mehr als Roomboy´s und anderweitige Servicekräfte, vielleicht noch Bauhelfer, kommen kaum mehr als eine handvoll Einheimische in Betracht. Bei solchen Kosten/Nutzen-Rechnungen sind meine Sympathien doch stärker auf der Naturerhaltseite. Und selbst eine Auszeichnung des Smithsonian kann nicht darüber hingblicken lassen, dass auch diese Wild-Delfinhaltung mindestens grenzwertig ist! Außerdem macht nur Selbertauchen wirklich glücklich :-))) (...und auch umweltbewusst)
Hamberliner 07.04.2013
4. Re: wessen Arbeitsplätze
Zitat von mg68Hamberliner, hast du eine belastbare Quelle? Entwicklung/Bau durch einheimische Architekten/Ingenieure? Da fehlt mir schon der Glaube...zur Genüge ist mir solches von den Malediven bekannt...für mehr als Roomboy´s und anderweitige Servicekräfte, vielleicht noch Bauhelfer, kommen kaum mehr als eine handvoll Einheimische in Betracht. Bei solchen Kosten/Nutzen-Rechnungen sind meine Sympathien doch stärker auf der Naturerhaltseite. Und selbst eine Auszeichnung des Smithsonian kann nicht darüber hingblicken lassen, dass auch diese Wild-Delfinhaltung mindestens grenzwertig ist! Außerdem macht nur Selbertauchen wirklich glücklich :-))) (...und auch umweltbewusst)
Da hast Du mich missverstanden. Ich meinte nicht speziell einheimische Arbeitsplätze. Das wär natürlich noch besser. Das Ding ist z.B. vom GL abgenommen worden (= Arbeitsplätze hier in Hamburg), und ob es hier in Europa entwickelt wurde oder in den USA oder in Japan, egal, irgendwo hat es ein paar Ingenieure und Techniker glücklich gemacht. Dass der Betrieb, die Vermietung, in ganz bescheidenem Umfang sogar vor Ort Arbeitsplätze generiert sollte man dennoch nicht aus dem Auge verlieren.
mg68 07.04.2013
5. Nicht gerade "missverstanden", ...
...eher etwas unterstellt/vorausgesetzt, was sich als nicht gegeben herausstellte. Sonnigen Sonntag ich wünsche noch! :-)
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