Underground Railroad Kanada, gelobtes Land

Tausenden von Sklaven aus den Südstaaten gelang die Flucht nach Kanada, mit Hilfe eines Netzwerks von Helfer. Heute erinnert die African Canadian Heritage Tour an diese Zeiten – SPIEGEL-ONLINE-Autor Ole Helmhausen begegnet einer kanadischen Erfolgsstory mit kleinen Schönheitsfehlern.


Museumsleiterin Shannon Price: Fast alle Buxtoner sind geflohene Sklaven aus den einstigen Südstaaten der USA
Ole Helmhausen

Museumsleiterin Shannon Price: Fast alle Buxtoner sind geflohene Sklaven aus den einstigen Südstaaten der USA

Die alte Schule mit dem einen Klassenzimmer benutzen sie nicht mehr, die Kinder werden jetzt drüben in Merlin unterrichtet. Freiwillige Helfer halten seitdem das schöne alte Holzhaus in Schuss. So ziemlich jeder in North Buxton hier hat die Schulbank gedrückt. Und so mancher hat hier seinen Menschen fürs Leben gefunden. Die vergilbten Klassenfotos, die hinter dem Lehrerpult an der Wand hängen, sie sind auch Familienbilder. Shannon Prince, 47, kennt so gut wie alle Gesichter. Man ist zusammen aufgewachsen, hat an Sommertagen unter den Rasensprengern gespielt und erinnert sich an die ersten Schäferstündchen im Sojabohnen-Feld.

Unter den selbstbewusst in die Kamera blickenden Kindern sind spätere Lehrer, Musiker, Rechtsanwälte, die üblichen Vorzeige-Biografien. Doch die Bilder stammen aus den zwanziger, vierziger und frühen sechziger Jahren, und die Kinder, die da wie selbstverständlich Arm in Arm posieren, sind schwarz, braun und weiß. "Wir waren bereits eine integrierte Schule, da gab es das Wort in den USA noch gar nicht", sagt Shannon. Dass ihre Haut dunkel ist, sei ihr nie aufgefallen. Hat sie also nie Erfahrungen mit Rassismus gemacht habe? "Hier nicht", sagt sie bestimmt. Dann schaut sie hinaus auf die Felder, die ihre Vorfahren, jeder erhielt damals 50 Acres, vor fünf Generationen urbar gemacht haben, und lächelt bitter-süß. "Hier nicht."

Fußketten und Handschellen für Kinder

North Buxton, im tiefsten Süden Kanadas. Zwei Dutzend Häuser und Farmen, ein paar Trailer unter alten Bäumen und Postfächer an der Country Road 6, die fünf Minuten von hier am Lake Erie endet: Auf den ersten Blick ist North Buxton ein Flecken wie jeder andere hier. Dass der Ort voller dramatischer Geschichten von Flucht, Verfolgung und Überleben steckt, daran erinnert nur ein Schild mit der Aufschrift "Buxton National Historic Site & Museum". Dort haben die Buxtoner die Visitenkarten ihrer Vergangenheit zusammengetragen. Pacht- und Landkaufverträge sind zu sehen sowie Haushaltsgegenstände, aber auch weniger nostalgische Objekte wie "Wanted"-Steckbriefe und Fußketten und Handschellen - für Kinder.

North Buxton: Ort voller dramatischer Geschichten von Flucht, Verfolgung und Überleben
Ole Helmhausen

North Buxton: Ort voller dramatischer Geschichten von Flucht, Verfolgung und Überleben

Eine große Nordamerikakarte zeigt Pfeile, die von Süden nach Norden, nach Ontario, nach North Buxton, weisen. Vor ihr bleibt Shannon, die das Museum leitet, stehen. "Das war unsere Fluchtroute", sagt sie. Sie fährt mit dem Finger von Tennessee aus nordwärts und tippt zuletzt auf Detroit. "Einige von uns sind dort noch in letzter Sekunde von amerikanischen Kopfgeldjägern abgefangen und zurücktransportiert worden."

Shannons Vorfahren, wie die aller anderen Buxtoner, sind geflohene Sklaven aus den einstigen Südstaaten der USA. Dort lebte eine weiße Pflanzer-Aristokratie von der Arbeit eines Millionenheeres afrikanischstämmiger Sklaven. Zwischen 1830 und 1865 gelang jedoch rund 50.000 von ihnen die Flucht nach Kanada. Dort war seit 1793 der Handel mit Sklaven und seit 1834 die Sklaverei per se verboten. Ermöglicht wurde ihre lebensgefährliche, oft mehrere tausend Kilometer lange Odyssee durch die so genannte Underground Railroad, einem geheimen Fluchthelfernetzwerk, das Decknamen aus der Eisenbahn-Terminologie benutzte und von Louisiana bis zu den Großen Seen reichte.

Die meisten erreichten Kanada über den Detroit River und ließen sich im heutigen Süd-Ontario nieder, in Städten wie Chatham, wo sie bald ein Drittel der Bevölkerung stellten, oder auf Land, das ihnen von weißen Sympathisanten und freien Schwarzen zur Verfügung gestellt wurde. Ihre Siedlungen waren erfolgreich und schnell autark, so auch North Buxton. 1849 von einem glaubensstarken Priester namens William King und 15 Sklaven aus Louisiana gegründet, zählte es 1855 bereits 300 und während des Bürgerkriegs 2000 schwarze Einwohner. Doch nach dem Bürgerkrieg kehrten die meisten schwarzen Kanadier zurück in die USA.

Wegweiser durch das schwarze Kanada

Andere, darunter die Buxtoner, blieben. Ihr Museum liegt inzwischen nicht mehr an der Underground Railroad, sondern auf der African Canadian Heritage Tour, einer Tourismus-Initiative lokaler Gruppen und Fremdenverkehrsvereine. Der weist mit blauen Schildern den Weg zu den wichtigsten "Underground"-relevanten Stätten im Süden Ontarios, darunter St. Catharines, wo die legendäre schwarze Fluchthelferin Harriet Tubman zeitweilig lebte, und die John Freeman Walls Historic Site in Puce, wo die Nachfahren des Namengebers dem Besucher mit Schüssen und Bluthunde-Gebell vom Band einen Geschmack von der Hatz durch Sklavenjäger geben. Die wohl berühmteste Gedenkstätte des schwarzen Kanada ist die Uncle Tom's Cabin Historic Site in Dresden.

Die Geschichte des Sklaven Josiah Henson, der 1830 von Maryland nach Kanada floh und sich in Dresden niederließ, inspirierte die amerikanische Autorin Harriet Beecher-Stowe zu ihrem international erfolgreichen Anti-Sklaverei-Roman "Onkel Tom's Hütte". Henson gründete die erste Berufsschule für Schwarze in Kanada, half anderen in die Freiheit und war alles andere als die schwarzweiße Witzbudenfigur, zu der Hollywood ihn später machte. Museumschefin Barbara Carter, 59, ist seine Ur-Ur-Enkelin und muss es wissen. "In meiner Familie heißen viele Jungen Tom. Das würden wir wohl kaum machen, wenn Henson ein schwarzer Weißer gewesen wäre."

Fußketten der Sklaverei: In Kanada wurde der Handel mit Sklaven 1793 verboten
Ole Helmhausen

Fußketten der Sklaverei: In Kanada wurde der Handel mit Sklaven 1793 verboten

Die African Canadian Heritage Tour, Visitenkarte eines besseren Amerikas nördlich der Grenze? Auch Gwen Robinson, 71, zeigt vergilbte Bilder. Auf ihnen posiert die erste Generation schwarzer Kanadier, die es offensichtlich zu etwas gebracht hat: ein Waffenschmied, dessen Gewehre 1860 in Montreal Preise gewannen, seine Tochter, die in Michigan Medizin studierte. Doch Gwen, Historikerin im Heritage Room at the W.I.S.H. Centre in Chatham, sieht auch die damalige Diskriminierung und den heutigen, subtilen Rassismus: "Die kanadischen Schwarzen finden in unseren desinfizierten Geschichtsbüchern nicht statt" und "Der kanadische Rassismus kristallisierte sich erst nach dem Bürgerkrieg heraus". Und die so hoffnungsvoll stimmenden Bilder in der Schule von North Buxton? "Diese Kinder", sagt Gwen, "durften zwar zusammen lernen und spielen, aber nicht im selben Restaurant essen."

Sechs Jahre vor Rosa Parks

Unter anderem auch in Dresden, ausgerechnet. In dem für seinen langen Kampf gegen den Rassismus berühmten Städtchen gingen Weiß und Schwarz bis weit in die fünfziger Jahre zwar in dieselben Schulen, nicht aber in dieselben Vereine, Kirchen, Restaurants und Frisiersalons. "Das sind schmerzhafte Erinnerungen", zögert Barbara Carter mit der Antwort. Sie erinnert sich gut daran, wie sie nach Schulschluss nicht in den Drugstore gelassen wurde, während ihre weißen Freundinnen drinnen Brause bestellten. Ein schwarzer Handwerker namens Hugh Burnette wollte diese Zustände nicht hinnehmen. Weil er 1943 im hiesigen Schnellrestaurant nicht bedient worden war, protestierte er bei seinem Volksvertreter in Ottawa.

Doch es gab kein Gesetz gegen Diskriminierung, und so gründete Burnette die National Unity Association (NUA) gegen Rassismus und Diskriminierung. 1949, sechs Jahre bevor sich Rosa Parks in Alabama weigerte, einem Weißen ihren Sitz im Bus zu überlassen, legte die NUA dem Dresdner Stadtrat eine Petition mit 115 Unterschriften prominenter Bürger vor, die das Ende der täglich praktizierten Diskriminierung forderte. Der Rat erklärte sich für machtlos und befragte in einem Referendum die Bürgerschaft. Die sprach sich mit überwältigender Mehrheit gegen ein Gesetz zur Gleichbehandlung in den öffentlichen Einrichtungen Dresdens aus.

"Unbequeme Dinge zu vergessen ist sehr kanadisch

Indes, die von erheblichem Presserummel begleitete Aktion hatte den Stein ins Rollen gebracht. 1951 beschloss Ontario den "Fair Employment Practices Act" (gegen Diskriminierung bei der Arbeitssuche) und 1954 den "Fair Accomodations Practices Act" (gegen Diskriminierung nicht-weißer Kunden in öffentlichen Einrichtungen). Doch dem letzten der rassistischen Restaurantbesitzer von Dresden machte die Regierung erst acht Petitionen und zwei Anhörungen später den Prozess.

Die meisten hier würden all das am liebsten vergessen, doch dagegen wehrt sich Gwen Robinson mit Händen und Füßen. "Wir müssen darüber reden, wenn wir Kanada wirklich verstehen wollen", sagt sie. Damit könnte sie auch die African Canadian Heritage Tour meinen. Denn der, so gut gemeint er auch ist, präsentiert vor allem mutige Schwarze und selbstlose Weiße. "Unbequeme Dinge zu vergessen ist sehr kanadisch. Und sehr falsch." Die alte Dame schaut zum Fenster hinaus. Ihrem Sohn ist vor ein paar Tagen gekündigt worden. Ohne Angabe von Gründen. Auf der King Street driftet ein gemischter Pulk Teenager vorbei. Sie seufzt. "Heute ist der Rassismus nur subtiler. Ich darf das sagen, ich sterbe sowieso bald. Und ich stehe auf keiner Gehaltsliste."



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