Kolumbiens verstecktes Welterbe Grabkammer des Salamanders

Tierradentro - das bedeutete für die Konquistadoren "weit im Inland", schwer erreichbar. So ist es geblieben. Auch heute ist das Unesco-Welterbe in Kolumbien nur abenteuerlustigen Touristen zugänglich. Sie aber erleben ein Grabwunderwerk, das beispiellos in Lateinamerika ist.

Von Andreas Drouve

Andreas Drouve

Kreise und Rhomben, Linien, Dreiecke - in den geometrischen Mustern an Decken und Wänden herrscht Rot und Schwarz vor. Die Symbole für Leben und Tod sind in dieser einstige Totenhöhle über den rohen Fels verteilt. Gerade hat Wächter Carlos unter einem Schutzhüttendach ein Vorhängeschloss aufgeschlossen und das metallene Bodengitter geöffnet, dahinter führt eine spiralförmige, schmale Treppe hinunter ins Erdreich.

Fünf, sechs Meter tiefer enden die Stufen in einem winzigen Vorraum, hinter einer bauchhohen Bambusabsperrung liegt dieser düstere Saal, geschaffen von Menschenhand. An Steinstützpfeilern prangen maskengleiche Gesichter, Fratzenfresken, teils aufgemalt, teils plastisch.

Den Reliefs stehen die Münder offen, die Nasenflügel sind breit, aus tiefen Augenhöhlen starren sie den Betrachter an. Die Toten und ihre Beigaben sind aus dieser Grabstätte längst verschwunden, doch die eigentlichen Schätze seit über einem Jahrtausend geblieben: die Strukturen und Dekors. Zwei Glühbirnen setzen die Szenerie in schummeriges Licht, die Stimmung ist gespenstisch.

Carlos hat einen einsamen Job an den "Hipogeos". So heißen die unterirdischen Urnengrabkammern im Archäologischen Park Tierradentro, der sich im Süden Kolumbiens auf mehrere Punkte in den Zentralkordilleren verteilt. Die Unesco hat ihn zum Welterbe ernannt, doch der Zulauf ist spärlich. "An manchen Tagen kommen drei, vier Besucher", sagt Carlos, der die am einfachsten zugängliche Stätte Alto de Segovia bewacht, "manchmal kommt aber auch gar keiner."

Erbe einer erloschenen Kultur

Eine Viertelstunde Aufstieg trennt ihn vom Tierradentro-Museum an der Straße. Zur Arbeit bringt er ein Transistorradio mit, für das grandiose Bergpanorama hat er keinen Blick. Abends trifft er sich manchmal mit Freunden im nächstgelegenen Ort San Andrés de Pisimbalá. Dann sitzen sie bei Bier und Musik nahe dem Fußballfeld. Daneben weiden Pferde, rundherum öffnen sich die Bergkulissen wie ein Amphitheater. Das Dorf liegt am Ende eines tiefen Taleinschnitts.

Die Gegend ist altangestammtes Terrain der Nasa-Indígenas, die sich laut dem Anthropologen Mauricio Puerta allerdings "nicht als Nachfahren der Erbauer der Hipogeos sehen". Puerta war lange Teil des verantwortlichen Grabungsteams. "An Tierradentro habe ich mein Herz und meine Seele verloren", bekennt er. Aber gelöst hat er das Rätsel um die Kultur nicht. Deren Zeugnisse gehen auf eine Zivilisation zurück, die lange vor dem Einfall der Spanier in ihrer Blüte stand und erlosch.

Wer dieses Volk war und wann genau es gelebt hat, ist ungewiss. Fest steht, dass die Sammelgräber zwischen etwa 600 und 900 nach Christi genutzt wurden und die Tierradentro-Kultur wahre Meister hervorbrachte. Und dass die Menschen mehr Mühe auf die Ausgestaltung der Totenreiche als auf Behausungen für die Lebenden verwendeten. Bis zu neun Meter im Durchmesser nahmen einige übermannshohe Unterwelträume ein. Für deren Anlage galt es zunächst, die Höhenrücken mit einfachsten Werkzeugen zu glätten und das Tuffgestein auszuhöhlen.

Zermahlene Knochen in Urnen

Man keilte Treppen, Stützen und Nischen hinein und gab den Wänden der Großkammern einen hellen Farbuntergrund für die eigentliche Felsmalerei. Das kunstvolle Umfeld war Geleit und Residenz der Ahnen. Oft waren es Angehörige hochrangiger Familien und Persönlichkeiten, die nach Erdbestattung, Fäulnis und Exhumierung hier ihre Zweitbeisetzung erfuhren. Zu diesem Zweck wurden die Knochenreste mit Steinen zermahlen und kamen in verzierte Urnen aus Ton.

Über den Bergkamm El Aguacate zieht sich der schwer erreichbare Teil des Parks. Der Pfad steigt gnadenlos steil an, vorbei an Hängen mit Kaffeesträuchern und ein paar Hütten. Eine uralte Indígena läuft ihn entlang, barfuß, einen Tragsack um den Kopf, begleitet von zwei Hunden. Spanisch spricht sie nicht, dafür schenkt sie dem Fremden ein freundliches, zahnloses Lächeln. Wolkenschatten verdunkeln den Weg, der vorübergehend kaum zu erkennen ist.

Schutzhäuschen in der Höhe zeigen die Hipogeos an, das Areal ist unbewacht und zieht sich zunächst über ein freigeschlagenes Wiesenstück. Die meisten Zugänge sind verfallen, einige wenige erlauben auch ohne Wächter den Abstieg über Erdstufen. "Nimm' eine Taschenlampe mit", hat Carlos geraten, nachdem er die erste Grabkammer geöffnet hatte. In der Tiefe riecht es nach Moder, im Lampenlicht flackern längliche schwarze Striche und Rechtecke mit Punkten in der Mitte. Etwas abseits liegt der Höhepunkt: das Salamandergrab, Tumba de las Salamandras. Orange und schwarz kriechen Salamandermotive über die Wände.

Heilige Plätze an strategisch wichtigen Orten

"Tierradentro ist nicht für jeden", sagt Alexander, der Dorfpfarrer von San Andrés de Pisimbala, der in einem der schönsten Gotteshäuser des Landes predigt. Ein langgestreckter, leuchtend weißer Bau aus Lehm und Holz, das Dach eine dichte Schicht aus Stroh.

Nicht für jeden. Stimmt. Die Busanreise in die Gegend erfordert Durchhaltevermögen, die Unterkunft im Dorf in der Bambuskonstruktion des Hospedaje La Portada ist ebenso simpel wie die Verpflegung: Gemüsesuppe und Omelette. In einem Laden gibt es Möhren und Äpfel, mittendrin baumeln Fleischstücke an Haken. Abends riecht es in den Gassen nach Feuer, vormittags findet der Unterricht in der Dorfschule oft draußen statt. Alles wirkt friedlich, beschaulich.

Unsichtbar bleibt die Farc-Guerilla. "Gott sei Dank lassen die uns heute in Frieden, wir leben ruhig hier", versichert Alexander, nicht ohne hinzuzusetzen, dass natürlich die Gegenwart des kolumbianischen Militärs von Nutzen sei. Dann beschreibt er vor der Kirche mit der Hand einen Bogen in Richtung Berge und schwenkt über auf die Vertreter der alten Kultur, die er so bewundert. "Immer wählten sie strategisch wichtige Punkte für ihre heiligen Plätze", schwärmt er. "Das waren einzigartige Architekten und Künstler!"



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