Unternehmerinnen in Island Kreativ durch die Krise

Die weltweite Finanzkrise hat Island besonders hart erwischt - doch einige kreative Frauen trotzen jedem Bankrott-Pessimismus mit ungewöhnlichen Geschäftsideen. Zum Beispiel, indem sie stricken oder tanzen.

Henryk M. Broder

Von Henryk M. Broder


Alles habe damit angefangen, sagt Jona, dass sie einen Fischer geheiratet habe. Der sei oft tagelang mit seinem Schiff unterwegs gewesen, sie habe allein daheim gesessen und nicht gewusst, was sie machen sollte. "Da habe ich mit dem Stricken angefangen." Blaue und rosa Babykleider, die sie übers Netz zum Kauf anbot. "Ich habe jede Woche mindestens ein Set verkauft."

Inzwischen hat die 35-Jährige selbst drei Kinder und alle Hände voll zu tun, aber sie strickt noch immer. Sogar wenn sie von Hafnarfjördur, wo sie mit ihrer Familie lebt, nach Reykjavik fährt, nimmt sie ihre Stricknadeln und eine Tasche voll Wolle mit. Denn die bunten Knäuel sind ihr Markenzeichen, "Prjona Jona" (die strickende Jona) ist in Island inzwischen so bekannt wie Björk am Anfang ihrer Karriere.

Alle Zeitungen, das Radio und das Fernsehen haben über sie berichtet, vergangenes Jahr hat sie, zusammen mit ihrer Mutter, eine Strickfibel geschrieben; das Buch wurde fast 3000-mal verkauft. Auf die Bundesrepublik übertragen entspräche das 800.000 Exemplaren.

Im Herbst 2008 meldete sie sich bei Facebook an. Ende 2008 hatte Jonas Gruppe 500 Mitglieder, heute sind es mehr als 10.000. Noch nie war in Island das Stricken so beliebt. "Es ist ein schöner und praktischer Zeitvertreib", sagt Jona, "man kann es allein aber auch mit anderen tun." Das Material ist preiswert, der Absatz der Wolle hat sich auf der Insel vervierfacht, der Hersteller kommt mit der Produktion kaum nach. Und alles wegen der Krise. "Statt über das Wochenende nach Kopenhagen oder London zu fliegen, bleiben wir jetzt zu Hause", erklärt Jona den Boom.

Die Freude an einfachen Dingen

In den fetten Jahren hatten sich die Isländer daran gewöhnt, über ihre Verhältnisse zu leben. Jetzt entdecken sie die Freuden der einfachen Dinge. Daheim bleiben und kochen. Oder in der Sonne sitzen und stricken. Es muss nicht immer Pellegrino in Portofino sein. "Made in Iceland" hat wieder einen guten Klang.

Halla Bogadottir ist etwas älter als "die strickende Jona", sie wurde 1956 in Reykjavik geboren, hat nach dem Abitur das Lehrerseminar besucht und zehn Jahre Mathematik an einer Oberschule unterrichtet. Dann wollte sie selbst wieder etwas lernen. Mit 40 legte sie die Prüfung als Goldschmiedin ab und machte ein eigenes Geschäft im Zentrum der Stadt auf. Weitere zehn Jahre später hatte sie den Einfall ihres Lebens: Reykjavik braucht ein Design-Zentrum, und das im ältesten Haus der Stadt aus dem Jahre 1762, das die Stadtverwaltung soeben mit großem Aufwand rekonstruiert hatte.

Halla stellte einen Businessplan auf, trommelte 30 Designer zusammen und fand tatsächlich zwei Investoren, die bereit waren, das Kapital vorzustrecken. Im Mai 2007 machte das "Kraum" in der ehemaligen Wollfabrik in der Adalstraeti 10 auf, ein Showroom für Designerprodukte aller Art: Kleider, Schmuck, Glaswaren, Möbel, Taschen. Anderthalb Jahre später war die Krise da, die isländische Krone stürzte ab, und "die Leute kauften wie verrückt ein" - aus Angst, ihr Geld könnte bald nichts mehr wert sein.

Auf der anderen Seite waren da die Architekten, die über Nacht arbeitslos wurden, weil die Krise die Bauwirtschaft am schwersten erwischt hatte. "Die fingen an, Dinge für den täglichen Bedarf zu entwerfen und boten sie mir an." Heute vertritt Halla 200 isländische Designer.

Komitee entscheidet über das Sortiment

Ihr Geschäftsprinzip ist sehr einfach. Die Sachen werden nicht, wie in Galerien üblich, auf Kommission genommen, sondern angekauft, das Risiko liegt nicht beim Hersteller, sondern beim Anbieter. Was ins Sortiment genommen wird, darüber entscheidet ein dreiköpfiges Komitee, das auch gegenüber den 30 Gesellschaftern keine Gnade gelten lässt. "Es kommt nur auf die Qualität des Produkts an."

Vergangenes Jahr brachte das dänische Fernsehen eine Reportage, wo man die schönsten und preiswertesten Geschenke für Weihnachten bekommen könnte. Ganz vorneweg rangierte das "Kraum" in Reykjavik.

Inzwischen ist der Umsatz wieder zurückgegangen, was weniger mit der Krise als mit den Vulkanausbrüchen zu tun hat. "Die Leute denken, es wäre zu gefährlich, nach Island zu reisen." Aber das wird wieder. "Wir haben schon schlimmere Situationen überstanden", sagt Halla, "wir haben alles, das wir zum Leben brauchen, gute Erziehung, Mut und mehr Fische im Meer, als wir selber essen können, das ist unser Kapital".

Bollywood in der Holzwerkstatt

Auch die 72-jährige Hafdis Arnadottir war in ihrem früheren Leben Lehrerin. Für Sport, bis ihr klar wurde, "das ist nichts für mich". Sie quittierte die Stelle, lernte Theater und Tanz in Reykjavik und Kopenhagen, heiratete, bekam zwei Kinder und fing mit 45 wieder von vorn an.

"Ich war geschieden und musste meine Kinder versorgen." Sie mietete in einem Hinterhof eine ehemalige Holzwerkstatt und baute sie zu einem Tanz- und Fitnessstudio um. Seit 1983 wird im "Kramhusid" (Kramhaus) getanzt, geturnt, meditiert und getrommelt. Es gibt Yoga-, Bauchtanz-, Flamenco-, Bollywood-, Tango-, Salsa- und African-Dance-Kurse für Kinder, Teenager und Erwachsene. Hafdis beschäftigt 25 Lehrer aus zwölf Nationen, darunter auch Trommler aus Guinea.

"Der letzte Winter war der beste seit langem", sagt Hafdis und meint nicht das Wetter, sondern die Anzahl ihrer "Studenten". Auch die Reykjaviker Universität habe "Kurse für alle" angeboten, die ausgebucht waren. Im Sommer ist das Geschäft ruhiger, denn da verbringen die Isländer ihre langen Tage gern im Freien.

Aber wenn der nächste Winter mit den langen Nächten wieder kommt, werden im "Kramhusid" von 12 bis 24 Uhr jeden Tag alle Lichter brennen. "Wir machen weiter", sagt Hafdis - egal wie die Krone steht und was der Vulkan macht.



insgesamt 2 Beiträge
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neuer, 02.06.2010
1. Thema verfehlt
Zitat von sysopDie weltweite Finanzkrise hat Island besonders hart erwischt - doch einige kreative Frauen trotzen dem Bankrott-Pessimismus mit ungewöhnlichen Geschäftsideen. Zum Beispiel, indem sie stricken oder tanzen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,698106,00.html
Das kann man leider nur sagen: Thema verfehlt. Alle diese Geschäftsideen wurden bereits vor der Krise verwirklicht, das Kramhusid gibts bereits seit 1983. Interessant ist aber eine andere Tatsache: Isländer krempeln die Ärmel hoch und packen an und jammern nicht darüber, wie schlimm alles ist. Da könnten sich manche Deutsche ein Scheibchen von abschneiden.
jot-we, 02.06.2010
2. Omg
Herr du meine Güte, kann der Broder sich nicht mal langsam wieder aus Island abseilen? Dieses "Sending-Icecold-Letters-From-Exotic-Places" ist ja einfach nicht mehr auszuhalten! Das Gletschereis ist eben nur sehr bedingt ein ferner Spiegel ...
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