Das Meer vor der Insel Negros ist sehr klar und warm, und es umhüllt einen wie Seide. Das Wasser ist wie Magie, und man muss den Moment genießen, wenn das Hinabtauchen beginnt, erst langsam, dann immer schneller. Luftblasen steigen auf wie Perlen aus Quecksilber, kopfüber gleiten die Taucher hinab.
In zehn Meter Tiefe staksen Hirnkorallen aus dem diffusen Licht, Tellerfarne und feinadrige Gorgonienzweige lugen hervor. Das Korallenriff tut sich auf. Ein verknotetes, verschlungenes Dickicht. Ein Gewühl aus Formen, Farben und Strukturen.
Judy Harling ist 68 Jahre alt, ihre nassen Haare tanzen geisterhaft im Wasser, als sie in zwölf Meter Tiefe über die Riffkante schwebt und die zwei ausladenden Blitzlichter ihrer Kamera wie Stierhörner auf eine Peitschenkoralle richtet. Judys großes Hobby ist die Unterwasserfotografie.
Auf der Jagd nach dem Schönheitskönig
Tausende Fische hat Harling auf ihren weltweiten Tauchreisen schon fotografiert und archiviert. Zackenbarsche, Zitronenhaie, Kaiserfische. Gewürm und Getier in allen Variationen. Aber hier vor den Philippinen will sie ihr letztes fehlendes Motiv vor die Linse kriegen: den Mandarinfisch. Jenen raren, vielflossigen und kreischbunten Spross der Leierfische, der nur vor Australien, den Ryuku Islands und im Westpazifik vorkommt und von dem viele Taucher träumen, ihm einmal live zu begegnen.
Der Schönheitskönig, Synchiropus splendidus sein lateinischer Name, kann ein Lied vom Tod singen. Viele seiner Artgenossen werden gezielt gefangen, in Flugzeugen um die halbe Welt geflogen, um dann in Zieraquarien fischvernarrter Erdenbürger zu enden. Nicht wenige seiner Kollegen fallen auch der Huai-Yang-Küche zum Opfer, weil einige Chinesen beim Essen Wert auf bunte Farben und schöne Formen legen und der "Mandarinfisch süßsauer" als Spezialität gilt.
Der Star der Philippinensee ist scheu, kaum größer als eine Erdnuss, und dabei so bunt und wild gezeichnet wie ein Bild von Keith Haring, im Rausch betrachtet.
Tagsüber hält sich der Beau versteckt, nachts klemmt er sich in die Nischen und Ritzen der Korallen. Man muss das verstehen. Ein falsches Manöver, ein übermütiger Ausflug vor die Haustür, und man wird ganz schnell gefressen oder sonstwie geködert hier unten.
Judy Harlings Chancen, den Mandarinfisch hier zu finden, stehen gut. Die Philippinen sind eines der besten Tauchreviere der Welt. 7107 Inseln, 35.000 Kilometer Küstenlinie, eine maritime Schatzkiste. Dennoch, einfach wird es nicht. Um ein Bild vom Mandarinfisch zu machen, braucht man Glück, Demut und Geduld.
Fotografie-Boom kurbelt Tauchtourismus an
Unterwasserfotografie ist populär geworden in den letzten Jahren, es hat dem Tauchtourismus einen regelrechten Schub beschert. Seit Digitalkameras unterwassertauglich und günstig geworden sind, werden immer mehr Sporttaucher zu Hobbybiologen und gehen in allen Ecken der Erde auf die Suche nach seltenen Ozeanwesen. Fischführer und Korallen-Lektüren liegen heute in jeder Tauchbasis aus, denn schließlich wollen die kuriosen Geschöpfe, denen man im Meer begegnet, identifiziert werden.
Um einen Fortgeschrittenschein zu bekommen, bieten viele Tauchschulen heute sogar Kurse zum "Underwater Photographer" und "Underwater Videographer" an. Und abends sind an den Bars der Tauchresorts von den Malediven bis Tahiti ganz neue Szenarien zu beobachten. Die Aquanauten sitzen nicht mehr am Tresen von ihren Cuba Libres, sondern vor ihren Laptops, wo sie ihre Speicher mit den frisch geknipsten Fischen des Tages füttern. Und dabei sind es nicht etwa Mantarochen, Haie und erhabene Räuber, die im Fokus stehen. Es sind kleine, bildhübsche Fische.
Gelbsattelbarben, Orangeringel-Anemonefische oder pinkfarbene Nacktschnecken ziehen die Taucher in den Bann. Und je kleiner, desto attraktiver. Makrofotografie heißt der Trend, bei dem es gilt, winzige Meerestiere ins rechte Licht zu rücken. Spinnenfeine Shrimps, Seepferdchen oder zarte Tüpfel-Ritterfische im Jugendstadium.
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