Tempel-Übernachtung in Südkorea: Urlaub mit Gong

Von Alexandra Grossmann

Hier kann man für umgerechnet 2,40 Euro pro Nacht unterkommen - dafür wird man morgens um drei Uhr von einem dumpfen, langen Gongschlag geweckt. Wer Urlaub macht in den buddhistischen Klöstern Südkoreas, muss sich auf den Rhythmus der Mönche einlassen. Viele kommen gerade deshalb.

Südkoreas Hwaeomsa-Tempel: Singen, beten, schlafen Fotos
Corbis

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Mary Yoo fröstelt. Sie trägt eine Hose und ein Hemd aus grobem Leinen, hellgrau, die Kleidung für Gäste. Es sind kaum zwei Grad Celsius, schätzt sie, die Sonne ist hinter die fast 2000 Meter hohen Berge versunken. Schwarz und still ragen sie vor dem Abendblau in den Himmel. "Schau", flüstert Marys Mann Thomas, sehr leise, sprechen ist jetzt nicht erlaubt. Er weist auf den Pagodenturm, den jetzt ein Mönch besteigt, rostrotes Gewand, graue Schärpe, das Haar rasiert, zwei Schlägel in der Hand.

Trommelwirbel ertönt, als der Mönch die gewaltige Pauke schlägt, schneller und schneller, der Klang erfüllt die Pagoden, die Berge: Jedem Wesen, das Haut hat, wird so Ehre erwiesen. Der Mönch klopft auf einen Fisch aus Holz, dann auf eine Scheibe in Form einer Wolke. Für die Wesen im Wasser. Und für die in der Luft.

Zum Ende der Zeremonie schreiten der Mönch und seine Glaubensbrüder über den Hof, vorbei an Mary und Thomas, die zwischen anderen Besuchern in einer Zweierreihe stehen und sich nun verbeugen, die Hände vor der Brust gefaltet, wie es ihnen gezeigt wurde.

"Wir sind für zwei Tage hier", sagt Mary, eine kleine, runde Frau mit freundlichen Augen, die mit ihrem Mann in Memphis, Tennessee lebt. Das Ehepaar macht einen Temple Stay im Hwaeomsa-Tempel in den Jirisan-Bergen Südkoreas. Ein paar Tage oder Wochen kann so ein Aufenthalt dauern, bei dem die Gäste den Tagesablauf und die Rituale der Mönche erleben. Mary und Thomas sind mit Han Chul Park hier: Die Männer, beide über 70, kennen sich seit ihrem Medizinstudium. "Ich komme regelmäßig hierher", sagt Han Chul, "dies ist ein wundervoller, ein heiliger Ort." Hier, knapp fünf Stunden von der Hauptstadt Seoul entfernt, finde er Ruhe und Frieden.

Rund hundert Tempel im Land nehmen Besucher auf: "Es ist Tradition, dass die Menschen zu den Mönchen kommen. Sie machen eine Pause von ihrem Leben, wenden sich hier ihrem Glauben und Buddha zu", sagt Han Chul. Das Alter spiele keine Rolle. "Es kommen viele junge Leute, deren Eltern sie übers Wochenende herschicken, damit sie die Lebensweise der Buddhisten kennen lernen."

"Die Regeln geben uns Ruhe und Kraft"

In Korea hat sich eine eigene Form des Buddhismus gebildet: Die Lehren Buddhas mischten sich seit dem vierten Jahrhundert mit Elementen des Konfuzianismus und erweiterten sich um weitere Gottheiten, dazu kommen Einflüsse aus Japan, das das Land von 1910 bis 1945 besetzte. Heute herrscht in Südkorea Religionsfreiheit. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist konfessionslos, rund 30 Prozent sind Christen, 23 Prozent Buddhisten.

Tradition ist ein hoher Wert in dem Land, das es so schwer hatte, die eigene Kultur aufrecht zu erhalten. Ab dem 17. Jahrhundert von China und später von Japan unterdrückt, litten die Menschen nach dem Abzug der Japaner unter dem Krieg zwischen Nord und Süd. Erst nach der Teilung als Folge des Zweiten Weltkriegs erholte sich Südkorea wirtschaftlich und begann, viele der aus Holz errichteten Staatsbauten wieder aufzubauen, so den Kaiserpalast in Seoul und den Tempel Hwaeomsa.

Die Anlage, 544 erbaut und in den vergangenen Jahren nach und nach restauriert, zählt heute zu den bedeutendsten Kulturstätten des Landes. Fast 40 Gebäude, Pagoden, Schlafräume, Tore, Wächterhäuser, der Glockenturm - und der Haupttempel mit meterhohen Buddha-Statuen, die golden im Halbdunkel leuchten.

Am Abend und am Morgen beten und singen die Mönche hier im Tempel. Die Besucher hocken hinter ihnen, sie folgen den Bewegungen der Männer, die sich nach einem Ritual verbeugen, in die Knie gehen, die Hände falten, wieder aufstehen. "Unser Leben folgt einem Rhythmus, der unveränderlich ist", sagt U-Mun. "Innerhalb dieser Regeln bewegen wir uns, sie geben uns Ruhe und Kraft."

Rund 3000 Besucher pro Jahr

Der heute 40-Jährige studierte Buddhismus, mit 24 Jahren trat er dem Kloster bei und erfüllt heute eine wichtige Rolle: Er ist Missionar. "Ich erkläre Gästen unsere Philosophie, reise aber auch an Universitäten oder werde in Klöster anderer Länder eingeladen, um die Lehren Buddhas in die Welt zu tragen," sagt U-Mun. Wenn er lächelt, bilden sich Dutzende Lachfältchen in dem sonst glatten Gesicht, das Zufriedenheit ausstrahlt.

Als Junge habe er ein deutsches Buch wieder und wieder gelesen, sagt er: "Siddhartha", Hermann Hesses berühmte Erzählung über einen Brahmanen, der sich bei einer Reise durch Indien auf die Suche nach spiritueller Erfüllung macht. "Seitdem wollte ich immer Mönch werden, sonst nichts." Er habe es nie bereut, sagt U-Mun. "Ich kann mir kein anderes Leben wünschen."

Dabei scheint das Leben der Mönche hart für Menschen, die den Trubel und die Vielfalt des westlichen Lebensstils gewohnt sind. "Rund 3000 Gäste besuchen uns jedes Jahr", sagt U-Mun, "etwa zehn Prozent unter ihnen sind Europäer. Für 2,40 Euro am Tag wohnen sie bei uns." Gäste schlafen in einem Raum, in dem nichts ist außer einer Schlafmatte, einer Decke und einem Kopfkissen.

"Um acht Uhr abends geht man ins Bett", sagt Mary. "Da nichts zu tun ist, schläft man tatsächlich sofort ein." Um 3 Uhr morgens ertönt ein Gong, dumpf und lang. Nun bleiben genau 30 Minuten zum Aufstehen, Waschen und Anziehen. Dann versammeln sich Mönche und Gäste am Pagodenturm, es ist stockfinster und eiskalt. Fast eine Stunde lang stehen und knien die Männer vor den riesigen, golden schimmernden Götzen, die tiefen Stimmen ihres Gesangs erfüllen den Tempel wie Materie.

Mantras für eine bessere Welt

Schließlich begleitet U-Mun die Besucher in einen eigenen Raum. Den 108 Bänden der Lehren Buddhas folgend müssen sich alle 108 Mal niederwerfen. Ein Diaprojektor wirft Bilder an die Wand, darauf erscheinen, eins nach dem anderen, 108 Mantras, sie sprechen von Frieden, Liebe und einer besseren Welt.

"Nach den ersten 30 musste ich aufgegeben, es war zu anstrengend", sagt Mary. "Doch diese Mischung aus Bewegung und Reden fand ich schön. Es ist, als würden die Sätze in den Körper aufgenommen." Noch besser hat ihr die einstündige Meditation im Anschluss gefallen. "Es ist schwer, vollkommen ohne Bewegung zu sitzen, aber die Konzentration dabei und die Stille sind etwas sehr Besonderes."

Schweigen spielt eine große Rolle bei den Mönchen. Selbst das Essen wird so zu einem Akt der Kontemplation. Ohne einen Ton nehmen sie das Mahl ein, sitzen an langen Tischen, kauen bedächtig: Reis und Kimchi, kaltes, in Sesamöl und Knoblauch eingelegtes Gemüse, Suppe, Tofu. Einmal nur darf die Schale gefüllt werden, nichts darf übrig bleiben.

Nach dem Essen verschwinden die Mönche; Thomas, Han Chul und Mary stehen allein vor dem Tempel. Die Dächer leuchten bunt vor dem Grau der Berge. "Ich werde diesen Ort nie vergessen", sagt Mary. Wiederkommen möchte sie nicht. "So etwas macht man nur einmal im Leben."

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1.
oli345 05.09.2012
Interessant wären ein paar weitere Informationen, wie der Tagesablauf der Mönche und insbesondere Gäste aussieht.
2. Tagesablauf
a.grossmann 05.09.2012
Der Nachmittag ist frei, um 17:30h gibt es Abendessen, um 18:40h Trommeln und Abendgebet, danach die Gelegenheit zum Gespräch mit Mönchen. 20h: Waschen und Schlafen. 3h früh: Aufstehen, 3:30h: Frühgebet, 108 Verbeugungen und eine Stunde Meditation. Um sechs Uhr schließlich gibt es Frühstück, um sieben einen Spaziergang durch den Wald. Wer nun nicht am Tag abreist, sondern mehrere Tage bleibt, spricht mit den Mönchen individuelle ab, was er im Laufe des Tages machen möchte: Meditieren, lesen, vielleicht allein sein, bei landwirtschaftlicher Arbeit oder in der Küche halfen.
3. Tongdosa
billger 05.09.2012
Zitat von sysopHier kann man für umgerechnet 2,40 Euro pro Nacht unterkommen - dafür wird man morgens um drei Uhr von einem dumpfen, langen Gongschlag geweckt. Wer Urlaub macht in den buddhistischen Klöstern Südkoreas, muss sich auf den Rhythmus der Mönche einlassen. Viele kommen gerade deshalb. Urlaub im Kloster: Ruhe finden in Südkoreas Hwaeomsa-Tempel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,853652,00.html)
Ich kenne die Tongdosa-Tempelanlage bei Busan. Ich empfand die Atmosphäre etwas gewöhnungsbedürftig. Neben den hervorragenden Tempeln mit ihren wunderschönen Details stehen Coca-Cola-Automaten für die Touristen. Die Mönche trugen zu ihren schlichten Gewändern Addidas-Turnschuhe und fuhren ausserhalb mit modernen Mopeds rum. Das hat die Klosterromantik etwas zerstört. Aber es sei ihnen gegönnt.
4.
sol4 05.09.2012
............Fast eine Stunde lang stehen und knien die Männer vor den riesigen, golden schimmernden Götzen......... Sehr katholischer Bericht:-)
5. Alternative
brazzy 06.09.2012
Wer diese direkte Einbindung in den Tempelalltag übertrieben findet, dem kann ich Kōya-san in Japan (südlich von Osaka) empfehlen. Es handelt sich um eine sehr abgelegen Kleinstadt in den Bergen, die um den Wirkungsort und das Grabmal eines buddhistischen Lehrers aus dem 8-9. Jahrhundert entstanden ist, mit zahlreichen Tempeln. Viele davon bieten Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste (ursprünglich für Pilger), die weitgehend einem normalen Hotelbetrieb entsprechen. Man erhält dem buddhistischen Glauben entsprechend vegetarische (und sehr schmackhafte!) Mahlzeiten und wer will kann an den Meditationen der Mönche teilnehmen. Ansonsten kann man in Ruhe die zahlreichen Sehenswürdigkeiten besichtigen oder in den umgebenden Bergen wandern.
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