Ich frage Li, den Älteren.
"Ganz normale Leute", antwortet er. Er spricht leise. "Darf denn jeder Nordkoreaner Badeurlaub machen?"
"Ja, natürlich."
"Haben Sie denn schon einmal hier Urlaub gemacht?"
"Ja, ich war im Sommer hier mit meiner Frau und meinen Kindern."
"Und wie hat es Ihnen gefallen?"
"Gut."
Er sagt es genau so. Mehr kriege ich nicht aus ihm heraus. Also frage ich Li, den Jüngeren.
"Benutzen Nordkoreaner Sonnencreme?"
"Ja, klar."
"Und Badekappen?"
"Manchmal, manchmal nicht."
"Tragen Frauen Bikinis?"
"Nein, nein, Anzüge."
"Lieben Nordkoreaner das Meer?"
"Mal so, mal so. Wir haben schönes Meer und schöne Berge."
"Warum ist Wonsan so besonders?"
"Viele Schulkinder kommen im Sommer hierher. Sie treffen sich am Strand und lernen dann im Meer schwimmen."
Li mustert mich jetzt skeptisch. "Sie sind aber neugierig!" Es wird Zeit, mit der Fragerei aufzuhören. Ich muss mir selbst ein Bild vom Strand machen.
Wir besuchen ihn am nächsten Morgen. Aber was ich sehe, ist kein Strand, sondern eine Müllhalde. Algen, Abfall, Treibholz, vom Sturm an Land gespült. "Wir hatten vor ein paar Tagen einen Taifun", erklärt Li, der Jüngere. Niemand badet im Meer, niemand sonnt sich, keine Schulkinder weit und breit. Ich sehe nur ein paar ältere Frauen mit zerfurchten, braun gebrannten Gesichtern, die den Dreck aufzusammeln.
Sehnsucht nach Hollywood-Filmen
Auch die Straße, die am Strand entlangführt, ist verwaist. Es gibt keine Eisdielen, keinen Sonnenschirmverleih. Nichts. Nur ein übergroßes Kim-Gemälde am Straßenrand. Auf einmal übermannt mich Heimweh.
Wie gerne würde ich wieder einmal ein gutes Gespräch führen. Oder mit einer Zeitung im Café sitzen. Ich vermisse die dummen Witze meiner Kollegen und das Lachen meiner Freundin. Meine Augen sehnen sich nach Werbeplakaten und Hollywoodfilmen. Tag für Tag diese Tristesse, diese Ernsthaftigkeit. Ich frage mich, wie die Menschen dieses Leben aushalten.
"Wir müssen weiter." Li, der Jüngere, schiebt mich zurück ins Auto. "Ich zeige Ihnen nachher einen anderen Strand." Wir fahren die Küste entlang in Richtung Süden. Zwischendurch halten wir in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, wo 300 Haushalte zusammen Ackerbau und Viehzucht betreiben. Eine Vorzeigekooperative mit eigenem Hospital, Badehaus und prall gefülltem Kiosk. Ich muss mir einen stundenlangen Vortrag anhören, in dem es darum geht, wie viele Traktoren und Mähdrescher der großzügige Kim den Bauern gespendet hat.
Endlich Strand
Genug Propaganda. Ich brauche dringend eine Pause. Die Mittagssonne nimmt der Landschaft ihre Farben und mir die Kraft. Wir rumpeln noch 40 Kilometer weiter und halten vor einem flachen Betonbau, über dessen Eingang in Englisch geschrieben steht: "Resting Place of Sijung Lake".
"Jetzt gehen wir baden", sagt Li, der Jüngere.
Wir betreten das Gebäude, in dem sich ein Café und Umkleideräume befinden, arbeiten uns zur Terrasse vor, und auf einmal liegt er vor mir, der Strand. Der Sehnsuchtsort meiner Reise.
Er erstreckt sich kilometerweit. Ich gehe ein paar Schritte und lasse meine nackten Füße im Boden verschwinden. Der Sand ist fein und warm, nur durch einen Grasstreifen und ein Wäldchen von der Küstenstraße getrennt. Das Meer liegt ruhig und einladend vor mir. In der Ferne sehe ich eine kleine, unbewohnte Insel, zu der ich am liebsten schwimmen würde.
Das Einzige, was stört, ist ein Schild mit der Aufschrift "Stop!". Das heißt für mich: bis dahin und nicht weiter. Hinter dem Schild beginnt der Abschnitt für die Einheimischen. Ich erkenne Kinder in bunten Badeanzügen, die Ball spielen und toben. Mütter und Väter dösen auf ihren Handtüchern oder erfrischen sich im Meer. Ihrer uniformen Kleidung entledigt, sehen die Menschen plötzlich wieder so menschlich aus. Ich darf mich ihnen nicht nähern, aber ich meine ihre Ausgelassenheit zu spüren. Ist dies der Ort, nach dem ich suche? Das Refugium?
Auf meiner Seite ist der Strand leer. Nur drei Soldaten und die Lis sind da. Sie starren von der Terrasse zu mir herüber. Ich gehe ins Meer. Das Wasser kühlt meinen erhitzten Körper. Ich schwimme ein paar Meter, lasse mich treiben und schließe die Augen. Drei lange Tage wurde ich aufgehalten, jetzt bin ich glücklich. Das Meeresrauschen, der Wind und eine Stimme: "Ist das nicht herrlich?"
Plantschen mit Herr Li
Es ist Li, der Jüngere. Nicht einmal im Meer lässt er mich alleine. Ich schaue ihn an. Und stutze. Was ich sehe, ist nicht mehr das Gesicht eines nordkoreanischen Staatssicherheitsbeamten. Seine Lippen haben sich zu einem strahlenden Lächeln geformt. Er schmeißt sich juchzend in eine Welle. Dann in die nächste. Und in die nächste.
Wir baden im Meer, wir plantschen, Li, der Jüngere, und ich, den ganzen Nachmittag lang.
Kim ist so fern wie noch nie auf dieser Reise. Fast vergessen. Und weil sich alles so gut anfühlt, wird Li am Abend übermütig. Im Speiseraum des "Sijung"-Gästehauses, nur Minuten vom Strand entfernt, schaltet er die Karaoke-Anlage ein. "Wir machen eine Party!", ruft er in die Runde. Jemand bringt Bier und Schnaps und dreht die Lautstärke auf. Der junge Li und der Fahrer singen ein nord- koreanisches Kriegslied, der andere Li eine Volksweise. Selbst die Kellnerin macht mit, sie trällert ein Liebeslied.
Und wie wir so dasitzen in diesem Raum, trinken, singen, essen und lachen, fällt mir ein, dass die Lis gerade eine Regel brechen. Gast und Aufpassern ist es doch verboten, sich beim abendlichen Bier anzufreunden! Ich muss lachen. Wenn selbst Li, der Jüngere, sich nicht mehr an die Vorschriften hält, dann scheine ich ihn tatsächlich gefunden zu haben: den freiesten Ort im unfreiesten Land der Welt. Zumindest für diese Nacht.
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