Städte in Marokkos Süden: Einsame Schönheiten

Von Alexandra Grossmann

Jimi Hendrix und Jim Morrison feierten hier einst wilde Partys, doch schon lange ist Ruhe zwischen Agadir und Westsahara eingekehrt: In den Süden Marokkos verirrt sich heutzutage nur selten ein Tourist - dabei ist die ärmliche Region reich an Schönheit.

Südmarokko: Schiffswrack, Strände und Sardinen Fotos
Alexandra Grossmann

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An seinen freien Tagen unternimmt Rachid ausgedehnte Touren in seinem Fiat. Dabei hört er Musik, Koransuren, oder die Oden von Mariem Hassan, die von der Weite der Wüste und der Sehnsucht nach Freiheit singt. Rachid ist 36 Jahre alt und Junggeselle. Er lebt bei seiner Mutter in seiner Heimatstadt Sidi Ifni im Süden Marokkos. "Es ist schwer, eine Frau zu finden", sagt er. Rachid, gedrungene Statur, dunkler Teint, ist Mechaniker von Beruf. Für die Aussteuer fehlt ihm das Geld.

Rachid vertreibt sich die Zeit, indem er die schönsten Orte der Umgebung abklappert. Zum Beispiel die Bucht, in der seit mehr als 50 Jahren ein Schiff ohne Namen liegt, das der Sturm in der Nacht an die Steilküste geworfen hat. Oder den Steilhang von Sidi Quazir, wo ein paar Fischerfamilien und magere Hunde in rechteckigen Quadern aus Stein leben. "Schön", sagt Rachid dann, blickt über den Horizont und lächelt in stillem Stolz, "dies ist mein Land."

Von hier reicht der Blick bis nach Sidi Ifni. Die ehemals größte spanische Garnisonsstadt liegt 170 Kilometer südlich von Agadir auf einem Felsen, der steil zum Meer hin abfällt. Selten ist hier ein Besucher zu sehen: Die meisten Touristen zieht es nach Marrakesch und Fès - dabei ist das Reisen mit Bus oder Auto im Süden des Landes einfach, bequem und preiswert.

Sidi Ifni wurde in den dreißiger Jahren auf Befehl General Francos im Art-Déco-Stil gebaut. Die Häuser haben türkisfarbene Türen und Fensterläden, die Straßen sind breit. Eine breite Treppe zum Strand, verfallene Staatsbauten und der Flughafen zeugen von den Besatzern, die erst 13 Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos auf internationalen Druck hin 1969 abzogen. Noch heute sprechen die Menschen hier spanisch statt französisch, wie in den übrigen Regionen des Landes.

Tintenfisch-Jagd im Tümpel

"Die letzte Spanierin starb hier 2001", erzählt Rachid. Maria Guomez sei mit einem Soldaten gekommen, doch vor der Heirat sei er gefallen. "Bis zu ihrem Tod spazierte sie jeden Abend mit einem roten Schleier durch die Stadt." Nun liegt sie auf dem Friedhof am Hang gegenüber der Spanischen Treppe, gleich neben dem Strand, wo einsam ein paar Angler stehen. Bei Ebbe stöbern Tintenfisch-Jäger durch Tümpel, die für wenige Stunden entstehen.

Auf dem Flugfeld fahren zur Abenddämmerung Pick-Ups vor: Männer in schwarzen Lederjacken wuchten Wagenladungen mit Tomaten, Mandarinen und roten Zwiebeln auf Planen, Frauen in lila- und rostfarbenen Tüchern feilschen um Preise. Nicht weit davon liegt der Fischmarkt, wo ebenfalls kiloweise Ware aus Transportern gehievt wird. Von steinernen Tresen verkaufen Händler fangfrische Seezungen und Hammerhaie, alte Männer hocken auf dem Boden und zeigen, was ihnen heute ins Netz gegangen ist: Silbrig glänzende Sardinen, Meeresspinnen groß wie Honigmelonen, pralle Thunfische.

"Die Männer holen jeden Tag mehr Fisch aus dem Meer, als sie verkaufen können", sagt Rachid. Die letzte Fischfabrik wurde 2008 geschlossen, die Preise sind entsprechend niedrig. Marokko ist das ärmste Land Nordafrikas, der Fischfang ist der wichtigste Wirtschaftszweig im dünn besiedelten Süden.

So auch im rund 250 Kilometer entfernten Tan Tan Plage, ein verschlafener Ort, wo Hunde auf den Straßen liegen, Schulmädchen in Uniform ihrer Wege gehen und Ziegenherden die Mülleimer plündern. Der moderne Fischereihafen liegt etwas abseits hinter einer künstlichen Kaimauer, Dutzende Trawler liegen hier vor Anker, Männer in Ölzeug wuchten Styroporboxen mit Fisch von Bord, andere karren die Ware direkt in die Kühlhäuser und die Konservenfabriken.

Schnecken aus dampfenden Kesseln

Der Hafen beliefert vor allem die Provinz Tan Tan und deren gleichnamige Hauptstadt im Landesinneren. Touristen verirren sich selten in die ehemalige Wüstenfestung mit ihren engen Gassen, hierher kommen Nomaden und Bauern, um sich zu versorgen: Kisten mit Tee, Zucker und Trockenfisch stapeln sich in engen Gassen, es gibt Armreifen und Uhren, Pfeffer und Kreuzkümmel, Kamelköpfe und Hammelhälften. Männer essen Schnecken aus dampfenden Kesseln, die es nur hier in der Sahara gibt - fast schwarz sind sie und klein wie Haselnüsse. Kleine Jungen schlürfen den Sud in Mokkatassen und verdrehen vor Wonne die Augen.

Idris, ein Mittfünfziger mit ausladenden Gesten, steht vor seinem Café. Jeder Tisch ist besetzt, Männer trinken hier den traditionellen Pfefferminztee, rauchen, sehen Fußball im Fernsehen oder spielen Schach. "In den siebziger und achtziger Jahren kamen viele Touristen", sagt er, "davor lebten The Doors und Jimi Hendrix monatelang hier, sie feierten jeden Tag Partys und rauchten den guten marokkanischen Kiff."

Heute, sagt Idris, blieben die Besucher aus. "Die Touristen fürchten den Islam", glaubt er. "Dabei ist hier niemand besonders radikal. Wir lieben unseren König, doch auch bei uns gibt es politische Unruhen, die Leute demonstrieren für Reformen." Allerding nur in den großen Städten, nicht hier, in der Dörfern, auf dem Land. Eine Schande sei das, sagt Idris. "Die Region wird kaum von Gästen besucht, obwohl die Menschen gastfreundlich sind und es hier wunderschön ist."

Die Schönheit des Landes ist offensichtlich: Berge soweit das Auge reicht, ohne Namen, weil keiner da ist, der sie benennen würde. Einsame Sandstrände, an deren Ufer Kamelherden wandern. Endlose Hügel, mit rosa blühenden Kakteen und Dörfern, die wie Festungen aussehen.

"Die Sahara, das ist der Tod"

In Chbika kippt die Wüste Sand direkt ins Meer. Weiße Dünen schieben sich von einem Hochplateau aus ins türkisfarbene Wasser. "Hier leben Flamingos, Kormorane, sogar Schakale", sagt Mohammed, ein vierschrötiger Mann mit Schnauzbart. Der 42-Jährige kommt in seinen freien Stunden gern hierher, knapp 60 Kilometer vor der Westsahara. Mohammed ist Soldat auf einem der Grenzposten, jedes zweite Wochenende fährt er in seinem klapprigen Honda fast 800 Kilometer bis nach Marrakesch zu Frau und vier Kindern.

"Ich sorge für Sicherheit", sagt der. "Ich diene dem Herrscher, Mohammed VI. Er ist ein guter König, freundlich und großzügig, er kümmert sich um die Armen. Ich liebe ihn und lebe für ihn." Auch sein Land liebe Mohammed. Doch er warnt vor der Wüste: "Niemals hineingehen", sagt er, "die Sahara, das ist der Tod."

Auf seinem Weg nach Hause übernachtet Mohammed manchmal in Tiznit, etwa 100 Kilometer vor Agadir gelegen. Meterhohe Mauern aus rotem Lehm durchziehen die Altstadt, hier reihen sich Läden und Hotels dicht an dicht, manche der Gassen sind Schustern, Schneidern oder Trödelhändlern vorbehalten. Abends geht Mohammed in eine der Fischbratereien, wo die Männer Schlange stehen für frittierte Filets, die mit scharfer Tomatensauce im Fladenbrot gegessen werden. "Dazu gibt es Wasser oder Cola, Alkohol ist verboten in Marokko", sagt Mohammed.

Un doch es gibt ihn: An der Rückseite des Hotel Idou etwa, hinter einer dunklen Holztür, vor der ein Mann wacht. Hier wird Bier und Wein verkauft, unter der Theke auch Whiskey oder Gin. Mohammed ist ein guter Soldat und Moslem, er trinkt nicht. Anders als Rachid in Sidi Ifni. Abends zieht es ihn in eine der beiden Bars am Stadtrand, er trinkt Bier und den guten Wein aus Meknes. "Eigentlich verbietet es der Islam, Alkohol zu trinken", sagt Rachid. "Aber wenn Allah alles sieht, dann vielleicht auch, dass das Leben manchmal einsam ist."

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Danke.
Hamberliner 23.03.2012
Zitat von sysopJimi Hendrix und Jim Morrison feierten hier einst wilde Partys, doch schon lange ist Ruhe zwischen Agadir und Westsahara eingekehrt: In den Süden Marokkos verirrt sich heutzutage nur selten ein Tourist - dabei ist die ärmliche Region reich an Schönheit. Städte in Marokkos Süden: Einsame Schönheiten - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,822756,00.html)
Danke, dass SPON diese Gegend als Marokkos Süden bezeichnet, das ist sie nämlich, auch wenn anscheinend die meisten Marokkaner so hirngewaschen sind, dass sie meinen es sei Marokkos Mitte (d.h. die Westsahara sei ein Teil Marokkos). Was gefehlt hat war eine Erwähnung Tarfayas, wo als Wrack der Assalama die Überreste einer gescheiterten Fährlinie zu den Kanaren zu besichtigen sind und ein Museum zu Ehren von Saint Ecupery. Und der nicht zu übersehende Umstand, dass die marokkanische Besatzungsmacht so viel Angst vor dem saharauischen Volk hat, dem sie die Heimat gestohlen hat, dass nicht erst im besetzten Gebiet, sondern schon in Südmarokko alle paar km eine Straßensperre mit Polizeikontrolle kommt.
2. Keine Fotos?
liquimoly 23.03.2012
Zu dem Reichtum an Schönheit würden ein paar Fotos passen, können Sie die noch hinzufügen?
3. Hmm
totak 23.03.2012
Seltsam, dass der Autor nicht die gnadenlose Hitze im Sommer erwähnt hat. Wer jenseits des Atlas in Marokko Urlaub machen möchte, sollte das nicht für die Sommermonate planen.
4. jimi hendrix
1959gerd2009 23.03.2012
[QUOTE=sysop;9873016]Jimi Hendrix und Jim Morrison feierten hier einst wilde Partys, doch schon lange ist Ruhe zwischen Agadir und Westsahara eingekehrt: In den Süden Marokkos verirrt sich heutzutage nur selten ein Tourist - dabei ist die ärmliche Region reich an Schönheit. Ich glaube, jedes zweite Dorf in Südmarokko beansprucht jimi hendrix, die doors oder die rolling stones für sich. Die jungs müssen damals viel rumgekommen sein. Ansonsten stimmt es, die gegend ist wunderschön.
5. Alkohol?
Monsterpudel 23.03.2012
Wer will in Marokko schon Alkohol trinken, um sich zu berauschen?
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