Freiwilligenarbeit im Urlaub Helfen, sich gut fühlen, abreisen

Voluntourismus liegt voll im Trend. Die Freiwilligenarbeit in oft fernen Ländern ist gut gemeint, doch sie kann mehr schaden als nützen - insbesondere wenn Kindern geholfen werden soll.

Comic über die Kehrseiten des Voluntourismus (Auszug)
Dan Archer/@archcomix

Comic über die Kehrseiten des Voluntourismus (Auszug)

Eine Comic-Story von Dan Archer


Mit einem zerfledderten Reiseführer in der Hand fremde Kulturen, Traditionen und Sprachen erkunden - diese beinahe schon altmodische Art zu reisen, reicht manchen Menschen in der immer stärker vernetzten Welt nicht mehr aus. Stattdessen fahren sie im Urlaub nach Haiti, um Häuser aufzubauen, studieren Amazonasdelfine oder arbeiten auf einem Biobauernhof in Rumänien, um mehr über die Dorfkultur vor Ort zu lernen. Der traditionelle Tourist wird von einem engagierten Reisenden abgelöst: dem Voluntouristen - abgeleitet vom englischen Wort volunteer (Freiwilliger).

Die Branche ist zu einem großen weltweiten Geschäft geworden. Im Jahr 2008 schätzte die Gesellschaft für Tourismus- und Freizeitforschung den Wert dieses Wirtschaftszweigs auf etwa zwei Milliarden Dollar bei ungefähr 1,6 Millionen Voluntouristen pro Jahr.

Viele der Voluntouristen sind junge Menschen kurz vor oder nach dem Schulabschluss. Sie sind begierig darauf, ihre Dienste anzubieten und gleichzeitig ihre Lebensläufe für die künftige Jobsuche abzurunden. Ihre Intention ist im Grunde lobenswert: aus uneigennützigem Antrieb eine kulturelle Brücke schlagen, die über das Maß an Interaktion hinausgeht, das wir als Touristen gewohnt sind. Kritiker sind jedoch der Ansicht, dass es sich lediglich um eine neue Welle des Neokolonialismus handelt, bei der die von den Voluntouristen besuchten Kulturen - oft solche fernab der Heimat - exotisiert werden.

Eine Urlaubsform für Privilegierte

Sam Gregory, Programmleiter bei der Menschenrechtsorganisation Witness.org, betont, wie wichtig es ist, beim Helfen einen Ansatz zu wählen, der wirklich den Interessen der Gastgemeinde entspricht. Außerdem müsse man sich bewusst sein, dass Reisen als Voluntourist nur etwas für Privilegierte sei: Lediglich Menschen mit Geld, dem Zugang zu Visa und ausreichend Zeit hätten überhaupt die Möglichkeit dazu.

Auch hält Gregory es für problematisch, dass Voluntouristen zwar nah genug an die fremde Kultur herankommen, um eine andere Realität zu erleben, aber gleichzeitig die Möglichkeit haben, jederzeit wieder wegzufahren.

Voluntourismus ist nicht nur ideologisch problematisch: Mit seinen Interventionen hat er auch ganz reale Gefahren wirtschaftlicher, physischer und kultureller Natur als unbeabsichtigtes Beiprodukt hervorgebracht. Eine dieser Gefahren ist eine direkte Folge von Angebot und Nachfrage: Da immer mehr Touristen authentische Erlebnisse in weit entlegenen Ländern über Organisationen vor Ort suchen, ist daraus ein Wirtschaftszweig hervorgegangen, der diese Nachfrage bedient.

Insbesondere gibt es viele Organisationen, die Waisenhäuser betreiben - eine regelrechte Schlüsselindustrie, die auf potenzielle Voluntouristen zielt. Wann eine Vereinigung offiziell als Nichtregierungsorganisation gilt, ist oft undurchsichtig. Oft reichen eine Webseite und eine minimale Social-Media-Präsenz, um die potenziellen Freiwilligen von der Legitimität der Organisation zu überzeugen.

Nepals "Papierwaisen"

2014 warnte das Kinderhilfswerk Unicef vor den Gefahren des Waisen-Voluntourismus: Der Hintergrund der Freiwilligen, die mit den Kindern arbeiten, werde oft nur unzureichend geprüft. Noch problematischer sei, dass Kinder vorsätzlich von ihren Familien getrennt würden, um Spender und zahlende Freiwillige anzulocken.

Dieses Problem ist vor allem in Nepal sehr verbreitet. Der Wohlfahrtsrat in Kathmandu, der für die Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen im Land zuständig ist, geht davon aus, dass jährlich etwa 30.000 Freiwillige aus dem Ausland nach Nepal kommen. Die meisten von ihnen reisen mit einem Touristenvisum ein, was ihre Arbeit offiziell illegal macht, doch die Regierung schaut in den meisten Fällen weg.

Körperliche Gewalt und Trennung von den Eltern

Einer der bekanntesten Missbrauchsfälle fand in Mukti Nepal statt, einem angeblichen Waisenhaus, das von der Nepalesin Goma Luitel in Kathmandu ins Leben gerufen wurde. Kinder in dem Heim wurden zu Unrecht von ihren Eltern getrennt, geschlagen und vernachlässigt. Luitel drohte ihnen mit körperlicher Gewalt, sollten sie den Freiwillligen erzählen, dass sie in Wahrheit keine Waisen sind.

Der Fall ist ein Paradebeispiel für die dunkle Seite des Voluntourismus, die Organisationen wie Next Generation Nepal (NGN) durch Zusammenarbeit mit Unicef verhindern wollen.

Es gab viele weitere Fälle, in denen Kindern der Kontakt zu ihrer Familie und weitere fundamentale Menschenrechte verweigert wurden. Auch in den Fällen, in denen vordergründig gut für sie gesorgt worden war, was Nahrung und Unterkunft anbelangt, wurden sie letztlich doch aus Profitgier verschleppt und ausgenutzt.

Viele werden mittels falscher Papiere zu Waisen erklärt - weshalb man sie auch "Papierwaisen" nennt. In einem Bericht aus dem Jahr 2008 schätzen Unicef und Terre des hommes, dass 85 Prozent der etwa 16.000 in nepalesischen Waisenhäsern lebenden Kinder mindestens ein Elternteil haben.

Voluntourismus nach dem Beben

Es gibt noch weitere Arten, wie Voluntourismus schaden kann. Das Erdbeben im April 2015 in Nepal, bei dem 8000 Menschen starben, trieb die Zahl der Freiwilligen aus dem Ausland in die Höhe.

Martin Punack, Landesverantwortlicher von NGN, gibt Einblicke in einen Bericht, den die Organisation etwa ein Jahr nach dem Beben veröffentlichte. Dieser zeigt, welche Kehrseiten es haben kann, wenn Freiwillige versuchen, in teils gefährlichen Situationen zu helfen. Ohne Sprachkenntnisse, ohne die nötigen Fähigkeiten und geeignetes Equipment waren sie für die Einheimischen manchmal eher Last als Hilfe:

Tipps für angehende Voluntouristen:

Trotz all dieser Fallstricke, gibt es unzählige Wege, wie Sie Ihre Zeit und Fähigkeiten auf Reisen für Bedürftige einsetzen können. Laut Next Generation Nepal sollten Sie dabei auf folgende Punkte achten:

  • Meiden Sie Waisenhäuser: Oft leben dort Kinder, die keine Waisen sind und nur aus Profitgier dorthin verschleppt wurden. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Kinder durch die unvermeidbare Trennung bei Ihrer Abreise traumatisiert werden.
  • Wenn Sie Freiwilligenarbeit machen möchten, seien Sie gewillt zu lernen und überlegen Sie, für welche Aufgaben Ihre Fähigkeiten geeignet sind. Ihre Herangehensweise sollte sein, dass Sie erst von jenen lernen, denen Sie helfen wollen.
  • Handeln Sie nachhaltig: Wird das Projekt nach Ihrer Abreise weitergeführt? Versuchen Sie, Beziehungen vor Ort aufzubauen. Das kann besonders in Regionen helfen, in denen Bürokratie und Formalitäten dazu führen können, dass Entscheidungen erst nach Monaten oder Jahren getroffen werden.
  • Belassen Sie es nicht bei oberflächlichem Engagement: Wenn Sie sich bereits vor Ihrer Reise mit der Sprache und den Bräuchen am Zielort vertraut machen, brauchen Sie keine lange Einführung, bevor sie richtig loslegen können. Viele Voluntouristen kommen über das Stadium der Eingewöhnung nicht hinaus und sind während ihres gesamten Aufenthalts auf Hilfe durch Einheimische angewiesen.
  • Erkundigen Sie sich möglichst gewissenhaft, welche Formen der Freiwilligentätigkeit ethisch vertretbar sind: Informieren Sie sich über die Geschichte der Organisation und ihr bisheriges Wirken, um zu beurteilen, ob sie seriös ist.
  • Seien Sie ein ethischer Tourist: Achten Sie darauf, nicht versehentlich dazu beizutragen, dass Kapazitäten vor Ort nicht genutzt werden. Warum sollte man zum Beispiel Helfer aus dem Ausland einfliegen, wenn es für die Gemeinden langfristig viel besser wäre, Einheimische, die Arbeit brauchen, für die entsprechenden Aufgaben auszubilden.

Wenn Sie diese Punkte beachten und Ihre Dienste in einem größeren Kontext sehen, der über die Dauer Ihres Aufenthalts hinausgeht, können Sie helfen, die Kluft zwischen denen, die helfen wollen und den vermeintlich exotischen anderen zu überwinden. Auf diese Weise können beide Seiten vom Voluntourismus profitieren.

Expedition ÜberMorgen
SPIEGEL ONLINE

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thai.land 15.08.2016
1. Nicht nur die Voluntouristen sind ein Problem!
Auch vom Staat geschickte Helfer können ein Problem sein. Nach dem Tsunami in Thailand kamen Helfer aus aller Welt nach Thailand. Zunächst einmal wurde irres Geld verpulvert um die Helfer in angemessenen Luxushotels unter zubringen. Ok hat dem Hotelier eine seiner besten Saisons beschert. Aber so reich wie die sind brauchen die keine Hilfe ;) Dann began die Hikfe und Europäer zeigten den dummen Thais wie man Häuser baut. Schöne dicke Mauern, massive Dächer die auch 1m Schnee tragen können etc. Die Dinger sind natürlich unbewohnbar und zerfallen. Man kann ohne viel Gebamsel und Kosten etwas für Menschen unternehmen. Sie haben einen alten Laptop, den sie wegwerfen wollen, bzw. der in der Ecke liegt? Fragen sie im Hotel die machen ihnen garantiert Kontakt zu einer Schule, die gerne solch gebrauchte Geräte nimmt. In der Schule können sie dann auch mit den Kindern etwas english conversation betreiben. Das macht den Kleinen Spass und sie lernen auch etwas. Ich kenne in Thailand ein sehr schönes Volunteer Projekt. Man hilft Dorfbewohnern beim bauen von Zäunen oder legt Bewässerungsgräben zusammen mit der Dorfbevölkerung an. Die werden nach abreise der Touristen wieder abgebaut, bzw. eingerissen. Die nächsten wollen ja auch was zu Wohlfühlen tun.
frank-12 15.08.2016
2. wer hilft, damit er sich gut fühlt
sollte es lassen, denn er missbraucht die Hilfsbedüftigen.
taglöhner 15.08.2016
3. Schwere Kost
Die Geschäftsgrundlage Spenden, Hilfsgelder und Hilfsgüter ist ja für seine Blüten altbekannt. Warum sollte diese Industrie das nicht auf Hilfskräfte ausweiten? Logisch Das mit den "Waisenkindern" ist ungeheuerlich.
danmage 15.08.2016
4. negatives Denken
Durch diesen Artikel von Dan Archer fühlen sich sehr viele in ihrem Standpunkt bestätigt gar nicht mehr zu helfen. Wie man auch an den ersten Kommentaren ablesen kann. Natürlich sollte man sich Gedanken darüber machen, wie man helfen kann. Aber indem man utopische Ideale hochhält und vor allem schwarz malt bringt man die Leute nur dazu Hilfsorganisationen und Hilfsprojekte komplett zu meiden. Die Sache mit den Waisenhäusern war allerdings eine wichtige Information.
vlado13 15.08.2016
5. Wer wirklich helfen will,
kann das auch zu Hause tun. Bei der Bahnhofsmission Essen und Kleider auszugeben ist aber nicht so hipp wie in Kathmandu oder Auroville den Einheimischen die Arbeit wegzunehmen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.