Martha's Vineyard per Rad: Die andere Seite der Promi-Insel

Von Ole Helmhausen

Allein eine Überfahrt mit der Fahrradfähre ist ein Erlebnis: Wer per Zweirad die US-Urlaubsinsel Martha's Vineyard erkundet, kommt aus dem Staunen kaum heraus. So viel Charme hätte man dem Massentourismus-Ziel nicht zugetraut - so viele anstrengende Etappen allerdings auch nicht.

Martha's Vineyard: Radtour im Sylt Amerikas Fotos
Ole Helmhausen

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Eines steht fest: Würde Fred Croft anderswo im Gastgewerbe arbeiten, er wäre schon längst gefeuert. Wie er ab und an seine Passagiere anblafft, ginge glatt als Kündigungsgrund durch. Auch seine Dienstkleidung lässt zu wünschen übrig. Die unförmige Jeans ist speckig und dreckig - wenn nichts los ist, geht er am Ende des Piers angeln. Hemd und Fingernägel tragen die Spuren des letzten Fangs.

Doch Croft kann sich das leisten. Er gehört zu der Sorte Mann, die nur einmal schief zu lächeln braucht, um Damen zu verzücken und Herren um seine Gunst buhlen zu lassen. Ein echter Kerl also. Mit einer Lebensgeschichte, die er so zum Besten gibt: "Bin vom College runter, dann wieder drauf, war 20 Jahre hier auf der Insel, dann acht Jahre in Frankreich, dann in Maine, und jetzt wieder hier. Seit drei Jahren. Glaub' ich zumindest."

Seitdem ist Fred Kapitän der Bike Ferry. Der einzigen Radfahrer-Fähre in Nordamerika, wie er sagt. Mit dem Pontonboot schippert er jeweils bis zu sechs Radfahrer vom Fischernest Menemsha über die gerade 150 Meter breite Einfahrt der Menemsha-Lagune in das Indianerreservat Aquinna auf der anderen Seite. Wer von dort wieder zurück will, muss eine Glocke läuten. Wenn der Wind günstig ist, hört Fred sie und kommt. Falls nicht, muss man winken. Und zwar wie verrückt. "Sonst denke ich, da macht einer bloß Dehnübungen", sagt Fred und lächelt sein schiefes Freibeuterlächeln.

Amerikanische Blaublüter und ihre Skandale

Schon am ersten Tag wird uns klar: Radfahren ist der Schlüssel zur anderen Seite von Neuenglands größter Insel, die alle Welt nur als amerikanisches Promi-Eiland wahrnimmt. Denn seit die Kennedys Martha's Vineyard zum Feriendomizil erkoren und ein junger Steven Spielberg hier eine scheußliche Hai-Attrappe auf ahnungslose Badetouristen hetzte, berichten vor allem Illustrierte über die Insel.

Zum Beispiel über Schauspieler und Musiker wie Michael J. Fox, Ted Danson und Carly Simon, die hier Cottages besitzen. Über die Clintons, die sich im Glanz der Kennedys sonnen. Oder Michelle Obama, die hier Minigolf mit "vollem Körpereinsatz" spielt, wie die Boulevardpresse vermerkt.

Und die Skandale erst! Einst ruinierte Ted Kennedy hier seine Chance aufs Präsidentenamt, indem er auf der Nachbarinsel Chappaquiddick mit seinem Auto über ein Brückengeländer bretterte und seine Sekretärin/Gespielin im untergehenden Fahrzeug zurückließ. Zuletzt feierten Obamas Sicherheitsleute hier unmittelbar vor der Ankunft des US-Präsidenten wie die Rockstars.

Die meisten wollen Strände und Action

Phil Hughes von Wheel Happy in Edgartown sucht ein Tourenrad mit hohem Lenker und bequemem Altherrensattel aus. Edgartown - putzige alte Holzhäuser, bunte Blumen in allen Fenstern, Töpfen und Vorgärten, Hotels, Restaurants, Yachthafen - ist das schönste der drei größeren Städtchen auf Martha's Vineyard. Und platzt wie Oak Bluffs und Vineyard Haven im Sommer aus allen Nähten, wenn die Bevölkerung um das Zehnfache auf 150.000 anschwillt und sich ein endloser Autostrom durch die engen Straßen und Gassen wälzt. Das kann ja heiter werden.

"Ach was", sagt Phil, ein gemütlicher Kerl mit freundlichem Gesicht, wieder und faltet eine Karte auseinander. "Wart Ihr schon mal im Yosemite Nationalpark? Da bleiben 95 Prozent aller Besucher im Tal. Nur fünf Prozent schauen sich den Park wirklich an."

Auf Martha's Vineyard ist das angeblich nicht anders. Die meisten Besucher wollten nur Strände und Action und blieben deshalb in den Städten an der Nordseite. "Fahrt nach Menemsha", empfiehlt Phil zum Abschied. "Nehmt die Music Road. Danach wollt Ihr nirgendwo anders radeln!"

Amerika liegt auf dem Festland

Menemsha also. 27 Kilometer, und wenn wir schon mal dort sind, sollen wir auch gleich zum Gay-Head-Leuchtturm ein paar Kilometer weiter radeln. Martha's Vineyard ist ja gerade mal 230 Quadratkilometer groß und 33 Kilometer lang. Der Radweg ist eine Wucht. Auf der Insel gibt es 80 Kilometer davon. Und doppelt so viele ruhige Landstraßenkilometer. Bald kommen wir in dem hügeligen Terrain ganz schön ins Schwitzen. Vom anfänglichen Hochmut angesichts des Westentaschenformats der Insel keine Spur mehr.

In West Tisbury steigen wir völlig durchnässt ab und humpeln im Alley's General Store mit steifen Beinen zu den kalten Getränken. Alley's versorgt die Umgebung seit 1858 mit Angelhaken, Spielzeug und Nahrungsmitteln und dient auch als Postamt. Am Schalter treffen wir Louis Larsen aus Menemsha. Der 87-jährige Fischer gibt hier seine Briefe nach dem Festland auf. "Nach Amerika", wie er sagt. Louis schickt uns zu seiner Tochter Betsy in Menemsha, die dort den Fischmarkt im Hafen führt.

Die Music Road ist ein Genuss. Hüfthohe, grasüberwachsene Steinmauern begleiten die Straße, dahinter liegen gepflegte Farmen auf grünen Matten. Bullerbü-Idylle mit einem Schuss Auenland, pastorale Stilleben in Grün-, Grau- und Blautönen.

Erinnerungsbild mit Hummer

Steil abwärts führt die Straße nach Menemsha, so steil, dass wir Gummi riechen, als wir mit Schwung in dem Ort einrollen. Betsy ist voll im Stress. Mittags ist Larsen's Fish Market an der Pier bei den Einheimischen die Adresse für Lobster Sandwiches. Für einen Witz und ein Erinnerungsfoto mit Hummern hat sie jedoch Zeit.

Die Lobster Road auf der anderen Seite der Lagune markiert den schönsten Abschnitt der Tour. Rechts der Atlantik, links die Marsch und die verstreut im mannshohen Gebüsch liegenden Häuser der Wampanoag-Indianer von Aquinna, dahinter die Klippen von Gay Head mit dem berühmten Leuchtturm: Ebenso gut könnten wir einen Strand in der Karibik entlangradeln.

Schließlich müssen wir uns noch einmal richtig ins Zeug legen, dann sind wir da. Und irgendwie auch plötzlich wieder im touristisch-hektischen Martha's Vineyard, weil die Hauptstraße Tourbusse und Tagesausflügler vom Festland herbeischaufelt. Wir inspizieren den Leuchtturm, machen die obligatorischen Erinnerungsbilder und schwingen uns wieder auf die Sättel. Als wir die Glocke läuten, steht der Wind gut. Wir brauchen uns nicht zu verrenken, Fred hört uns und setzt unverzüglich über.

"Ihr Deutschen wollt immer alles genau wissen"

Wir erzählen Fred von unserer Begegnung mit dem anderen Martha's Vineyard. "War mit der Hauptgrund für uns damals, diese Fähre einzurichten", sagt er und rollt den Zahnstocher in den anderen Mundwinkel. "Der Verkehr auf der State Road nervte uns gewaltig. Mit Hilfe der Fähre konnten wir die Radfahrer auf die schönere Lobster Road und Middle Road lotsen."

Doch sein Ausflug ins Seriöse währt nicht lange. Als wir ihn fragen, wie viele Gäste er denn so am Tag übersetzt, ist Fred wieder ganz der Alte. "Menschenskinder, ihr Deutschen wollt immer alles genau wissen. Keine Ahnung, ich zähle meine Passagiere nicht. Meine Einnahmen auch nicht. Ist mir so was von egal!" Als wir anlegen, raunzt er einen der Passagiere an, der dabei helfen will: "Lass das, das mache ich selbst." Der Angesprochene lässt das Tau fallen und schiebt sein Rad betrübt die Landebrücke hinauf.

"Komm' runter und iss ein paar Austern mit mir", ruft Fred dem Armen hinterher, grinst schief und macht die Fähre an der Pier fest. "Ich sage immer, die Bike Ferry ist so etwas wie nicht genau beweisbare Wissenschaft. Und so soll es auch bleiben!" Wir danken und radeln im warmen Licht der untergehenden Sonne nach Edgartown zurück.

Ja, so soll es bleiben, Fred. So muss es einfach bleiben.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
mulcahy@gmx.at 07.09.2012
nicht zu vergessen: l'ans aux meadows, die erste wikingersiedlung der grönländer auf amerikanischen boden.
2. Was hat denn ...
duanehanson 07.09.2012
Zitat von mulcahy@gmx.atnicht zu vergessen: l'ans aux meadows, die erste wikingersiedlung der grönländer auf amerikanischen boden.
... Martha's Vineyard mit Neufundland zu tun? Haben Sie den Artikel gar nicht gelesen?
3. netter Bericht
730andmore 07.09.2012
noch ein paar Fotos mehr auf http://730andmore.blogspot.ch/2011_07_01_archive.html
4.
mulcahy@gmx.at 07.09.2012
Zitat von duanehanson... Martha's Vineyard mit Neufundland zu tun? Haben Sie den Artikel gar nicht gelesen?
huch, sie haben recht.
5. Massentourismus? Promi-Insel?
Rheinwein 07.09.2012
Ein Glück, dass Martha's Vineyard wie auch The Hamptons auf New Yorks Long Island weiiit weg vom Radius der unsäglichen deutschen "Ferienflieger" liegen. Dort ist die Sommerfrische im Ferienhaus noch ein Kulturgut. Typisch deutsche "Reiseweltmeister" würden sich da nur lächerlich machen... ;-))
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