Fotokurs im Grand Canyon: Reduzieren, knipsen, übertreiben

Von Nina Rehfeld

Atemberaubende Schluchten, eindrucksvolle Steinmuster: Eine Grand-Canyon-Wanderung zählt zu den spektakulärsten Naturerlebnissen der Erde. Doch groß ist oft die Enttäuschung, weil sich diese Schönheit schwer auf Fotos festhalten lässt. Ein sechstägiger Kurs schafft Abhilfe.

Grand Canyon: Sieben Tipps für bessere Landschaftsfotos Fotos
Nina Rehfeld

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Als das erste Tageslicht die tiefen Schatten im Grand Canyon langsam vertreibt und sich seine vielfältigen Rot- und Brauntöne langsam sättigen, richten am Shoshone Point an der Canyon-Kante eine Handvoll Menschen ihre Kameraobjektive in die Tiefe.

Wir beginnen hier eine besondere Bildungsreise: ein Fotografieseminar auf einer sechstägigen Wanderung durch die Schlucht. Veranstaltet wird es vom Grand Canyon Field Institute, der Teil der Nationalparkverwaltung, der für Wissenschaft, Forschung und Bildung zuständig ist.

"Lasst die Landschaft erst mal auf euch wirken", sagt Larry Lindahl am Shoshone Point. "Findet einen Dialog mit ihr." Lindahl, 53, ist ein renommierter Landschaftsfotograf aus Arizona und hat den Grand Canyon bereits mehr als ein Dutzend Mal durchkreuzt. Er hat zahlreiche Bildbände über den amerikanischen Südwesten veröffentlicht und leitet regelmäßig Seminare und Lehrgänge am Grand Canyon.

Langjährige Fotografietradition

Seit Tausenden von Jahren schon steigen Menschen in diesen Canyon hinab. Unter den ersten Fotografen, die ihn sich erschlossen, waren die Gebrüder Emery und Ellsworth Kolb. 1904 errichteten sie ein Fotostudio an der Canyonkante, das heute ein Museum ist. Die Kolbs lichteten damals die frühen Touristen ab, die sich auf Maultierrücken in die große Schlucht wagten, und verkauften ihnen bei der Rückkehr Erinnerungsfotos.

Heute ist der Grand Canyon Motiv von fast fünf Millionen Besuchern im Jahr. Die Frage, wie man diese überwältigende Landschaft adäquat ins Bild setzt, ist geblieben. Lindahls erster Tipp: "Setzt euer Objekt in Beziehung zu seiner Umgebung."

Unter den Teilnehmern, acht Männer und zwei Frauen zwischen 43 und 67, ist niemand Foto-Profi. Manche haben bloß eine Pocket-Kamera dabei, andere haben sich ihre Ausrüstung geborgt, manche wollen lernen, ihr teures Gerät fachgerecht zu bedienen.

Die Herausforderung der Landschaftsfotografie sei, erklärt Lindahl auf dem Weg von der Nordkante hinab zum Cottonwood Campground, dass die Kamera anders sieht als der Mensch - nämlich zweidimensional. Viele Canyon-Schnappschüsse fielen deshalb enttäuschend flach aus. Man müsse ein bisschen tricksen, um räumliche Tiefe und dreidimensionale Wirkung zu erzielen. "Sucht euch ein Objekt im Vordergrund", rät Lindahl, "ruhig so nah, dass man ihm die Hand reichen könnte - das lädt den Betrachter zum Eintreten ins Bild ein." Kakteen und knorrige Wacholderbäume, Felsblöcke und Gräser, die man bisher sorgsam aus dem Bildausschnitt aussparte, gewinnen plötzlich ganz neue Bedeutung.

Suche nach Ordnung im Chaos

Lindahl fordert uns auf, beim Weg in den Canyon den Blick zu schulen, Kontraste zu erkennen, Lichtverhältnisse wahrzunehmen, Tiefenschärfe in den Blick zu fassen. Die Route führt von der Nordkante des Grand Canyon durch die Bright-Angel-Verwerfung zum Colorado und auf der anderen Seite wieder hinauf zur Südkante, 36 Kilometer lang. 1700 Höhenmeter hinab in den Canyon und beinahe 1500 Meter wieder hinauf, mit 15 Kilo Gepäck auf dem Rücken.

Am Bright Angel Creek, in dem wir nach fünfstündigem Abstieg unsere müden Muskeln entspannen, hält uns Lindahl dazu an, Ordnung im Chaos des wirbelnden Wassers zu finden. Tatsächlich sind Muster zu erkennen, sich wiederholende Formen, eine zugleich bewegte und unbewegliche Geometrie. Diese Übung wird sich auch später noch beim Blick auf die verschachtelten Klippen der Schlucht und die überwältigende Weite der Landschaft bezahlt machen.

Wie sich zeigt, hat Lindahl sein Seminar weniger um die technischen Finessen der Fotografie herum konzipiert als um ihren kreativen Aspekt. Zwar lernen wir an den Ribbon Falls, einem 35 Meter hohen Wasserfall mitten im Canyon, wie man die dürren Wasserstrippen des Falls mit ruhiger Hand und langer Belichtungszeit als romantisch-verwischte Kaskade abbildet. Aber die Faszination eines Landschaftsfotos ist weniger technischer Perfektion als seiner Komposition geschuldet. Lindahl beschließt die Abende mit kurzen Lesungen - Gedanken über die Beziehung zwischen Mensch und Natur, über das Wesen der Kreativität.

Kontraste und Größenverhältnisse

Wir durchqueren in den nächsten Tagen schmale hundert Meter tiefe Schluchten und weite, von Kakteen und Mesquitebüschen bewachsene Täler, erkunden Canyons voller Pools, entdecken tausend Jahre alte indianische Ruinen - und sind kreativ. Wie lässt sich die erhabene Weite dieser Schlucht ins Bild fassen? Vielleicht, indem man das Labyrinth der Canyons mit Wolkentürmen am Himmel kontrastiert. Wie kann man das Gefühl der Winzigkeit in dieser riesigen Spalte übersetzen? Dadurch zum Beispiel, dass man die winzigen Boote auf dem Colorado, die sich von einem Ausblick am Clear Creek Trail erspähen lassen, zum Größen-Maßstab macht.

Wir wandern gemächlich, während Lindahl uns auf die vielfältigen Beleuchtungsvarianten in der Natur aufmerksam macht - das diffuse Licht eines bewölkten Tages, das die harschen Kontraste mildert, die festlichen Effekte von Gegenlicht, die vielfältigen Blautöne der Schatten, das warme Licht, das von den Canyonklippen reflektiert wird.

Hier geht es darum, aus der Vielfalt der Eindrücke das Wesentliche zu destillieren. "Reduzieren und übertreiben", nennt Lindahl das. "Richtet eure Aufmerksamkeit auf das interessanteste Element einer Szene und dramatisiert es. Stellt das aus, was wir so noch nicht wahrgenommen haben." (In der Fotostrecke finden Sie weitere Tipps von Lindahl!)

In den Fotos der Teilnehmer zeigt sich bald eine erstaunliche Bandbreite: Manche fassen die harsche Kargheit des Colorado Plateau in den Blick, andere stoßen auf die verborgene Schönheit von zarten Blüten und eigenartigen Pflanzen. Einige konzentrieren sich auf Formen und Muster der riesigen Klippen, andere sind fasziniert von der Farbskala, die sich durch Licht und Schatten zieht.

Neuer Blick für die Umgebung

Als wir die Phantom Ranch am Colorado River erreichen, hat sich meine Wahrnehmung der Landschaft verändert. Verhältnisse, Muster, Kontraste treten hervor, wo vorher bloß Fels und Stein zu sehen war. Im späten Nachmittagslicht fotografiere ich die Reflektion der roten Klippen im Colorado. In seinen Wasserwirbeln ziehen sich schmale orangefarbene Bänder durch ein öliges Violettblau. Abstrakte Nahaufnahmen entstehen, ich bin fasziniert von meinem erweiterten Blick.

Beim Aufstieg verschwindet die Kamera vorübergehend im Rucksack. Schritt für Schritt stapfen wir den Bright Angel Trail empor und wandern hinaus zum Plateau Point, einem Kap über dem Colorado, um unseren letzten Sonnenuntergang über dem Grand Canyon zu fotografieren.

400 Meter unter uns schlängelt sich der Colorado durch die Schlucht, ringsherum strahlen die Tempel - hochaufragende Inseln im Canyon, die den Erosionskräften widerstanden haben - im letzten Sonnenlicht wie orangerote Leuchttürme über den sich verfinsternden grüngrauen Schatten.

Die Landschaftsmalerin Hannah Hinchman schrieb einmal über die Schulung des Blicks auf langen Wanderungen, "Mir wird klar, dass meine Augen ihr aggressives Lesen der Landschaft aufgegeben und mit etwas begonnen haben, das ich nur als Liebkosung der Dinge bezeichnen kann." Mir wird klar: Wer den Grand Canyon nur von der Kante fotografiert, hat ihn vielleicht gar nicht richtig gesehen.

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