Nachtleben in Atlanta: Keine Angst, die wollen nur feiern

Aus Atlanta berichtet Denis Krick

Auf Nachtclub-Besuch mit Dirty Dr. Dax: Die Graffiti-Ikone führt zur besten Party der Südstaatenstadt Atlanta. In einem ehemaligen Parkhaus treiben Knochenbrecher und die Spice Girls ihr Unwesen. Nebenan warten exotische Tänzerinnen im Rentenalter.

Atlanta: Durch die Nacht mit Dr. Dax Fotos
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Der Taxifahrer wirkt ein wenig hilflos. "MJQ?", fragt er noch einmal und schüttelt mit dem Kopf. "736 Ponce-de-Leon-Avenue? Das muss hier irgendwo sein." Dann hält er den Wagen an, kassiert ab und befördert seinen desorientierten Fahrgast zügig hinaus ins Nachtleben von Atlanta. Schließlich wartet die nächste Tour zurück in Richtung Zentrum schon an der Straßenecke auf ihn.

Dem Taxifahrer sei verziehen. Das MJQ ist nicht leicht zu finden. Der Club hat sich nicht nur musikalisch dem Untergrund verschrieben - er wurde auch in eine alte und recht winzige Tiefgarage gebaut. Als Eingang dient ein schäbiger Schuppen, hinter dessen Tür man eigentlich einen Haufen alter Gartengeräte vermuten würde und nicht die beste Party der Stadt. Auf Letzteres deutet allerdings die Menschentraube hin, die vor dem kleinen Verschlag steht und jetzt auf Einlass hofft.

"Stellt euch hinten an", raunzt einer der Türsteher eine Vierergruppe an, die an der Schlange vorbei in den Musikkeller hinabsteigen möchte. "Oder zahlt den doppelten Eintritt, dann lass ich euch sofort rein." Die vier Drängler rechnen kurz nach und verschwinden wieder ans Ende der Reihe. Zehn Dollar für Mädels, 20 Dollar für Typen werden am Samstagabend an der Tür fällig - das ist der Normaltarif.

"Das MJQ ist eine Institution", sagt Dirty Dr. Dax, der im Nachtleben von Atlanta selbst eine Institution ist. Der Graffiti-Artist und Videoregisseur sitzt bereits seit geraumer Zeit am Tresen des Clubs. Er gehört zur ersten Generation der Dungeon Family und ist eine lokale Berühmtheit. Anfang der neunziger Jahre eroberte das Künstlerkollektiv mit seinem Südstaaten-HipHop die USA. Lokale Bands wie Outkast, Goodie Mob und Organized Noize feierten internationale Erfolge.

Der Kerl im Pandakostüm

Dax und seine beiden weiblichen Begleiterinnen sehen allerdings überhaupt nicht nach HipHop aus. Eher nach Punkrock. "Deine Klamotten und deine Frisur sind im MJQ egal", sagt der 36-Jährige, dessen Körper wahrscheinlich nur an wenigen Stellen nicht tätowiert ist. "Hier gilt die Regel, dass wir alle nur Party machen wollen." Und das Publikum hält sich dran.

Brave Studenten im Polohemd sitzen zusammen mit harten Kerlen an der Bar, B-Boys zeigen Breakdance auf der Tanzfläche und irgendwo läuft im Laden ein Kerl in einem Pandakostüm rum. Auch bei der Musik herrscht im MJQ an diesem Abend reichlich Vielfalt: Crunk, Gangsta-Rap, Heavy Metal, R'n'B, Electro und sogar Britpop.

Gegen zwei Uhr nachts tobt der Saal. Dann steht der zentnerschwere Bone Crusher für eine spontane Performance auf der Bühne und brüllt seinen größten Hit "Never Scared" ins Mikrofon. Die Meute brüllt im Chor zurück, springt wild auf und ab. Das ehemalige Parkhaus scheint zu wackeln, die Temperatur im Raum fühlt sich plötzlich wie die einer finnischen Sauna an. Bone Crushers Crunk-Song stand 2003 für einen kurzen Moment in den Charts, in Atlanta ist er noch immer eine Hymne.

Dax genießt das Treiben aus der kleinen VIP-Loge neben dem DJ-Pult. Es fließt nicht der Schampus, sondern Dosenbier und harte Drinks aus Plastikbechern. Dazu macht ständig irgendein Joint die Runde. Nur einmal wird es hier ungemütlich, als sich zwei angetrunkene Damen um einen Mann prügeln. Ansonsten bleibt es friedlich im MJQ.

Blondies berühmter Bierdosen-Trick

Die Ponce-de-Leon-Avenue ist die beste Adresse, um ins Nachtleben von Atlanta zu starten, sagt Dax. In den siebziger Jahren war die Straße vor allem für Prostitution und Drogenhandel berüchtigt. "Das gibt es immer noch", sagt er. "Aber es gibt jetzt auch eine Menge gute Läden hier."

Ein paar Meter von MJQ entfernt findet sich El Azteca, wo es angeblich die besten Margaritas der Stadt gibt. Weitere gute Bars an der Ponce-de-Leon sind der Bookhouse Pub und The Local. Und schräg gegenüber vom MJQ liegt die Clermont Lounge. Dax kriegt leuchtende Augen, wenn er von der Absacker-Bar spricht. "Das älteste Striplokal der Stadt", sagt der Künstler. "Ein Muss für jeden Atlanta-Besucher."

Tatsächlich ist die Clermont Lounge weit davon entfernt, eine einfache Rotlicht-Pinte zu sein. Es ist ein bizarres Erlebnis, hier sein Bier zu trinken. Die "exotischen Tänzerinnen" sind teilweise im besten Rentenalter oder großflächig tätowiert. Die Musik für ihren Auftritt kommt aus der Jukebox. Stripperinnen wie Blondie, die als Teil der Show mit ihren Brüsten leere Bierdosen zerquetscht, sind Ikonen der Kunstszene. Und wenn Karaoke-Nacht ist, dann darf auch mal das Publikum auf die Bühne.

Im MJQ geht kurz vor vier Uhr das Licht an. Sperrstunde, das Feiern ist vorbei. Um die Tanzfläche leer zu fegen, wählt der DJ den perfekten Song aus: "Wannabe" von den Spice Girls. Es vielleicht einer der wenigen Momente an diesem Samstag, die man nicht nur in Atlanta, sondern auch woanders auf der Welt erleben kann. "Gute Nacht", sagt Dax und verschwindet durch den Hinterausgang.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Whaaat?!!
ivo2012 22.04.2013
"Im MJQ geht kurz vor vier Uhr das Licht an." Und DAS soll der coolste Club einer Großstadt mit über 5Mio EW in der Metropolregion sein??? o.O Vor 5 oder 6 machen bei uns nicht mal die Mainstreamklubs die Lichter an! Die eher undergroundigen Elektroläden schmeißen die Leute irgendwann zwischen 8-12 raus... nach London also die nächste Enttäuschung. Ständig wird einem suggeriert an exotischen und/oder weit entfernten Orten ginge es am besten und exzessivsten ab, aber meiner Erfahrung nach sind das eher Städte wie Berlin, Leipzig, Hamburg oder Halle/Saale...
2.
buzzi 22.04.2013
Das Berghain in Berlin macht Samstag ab 24 Uhr auf und schließt dann Montag Vormittag erst. Atlanta scheint ziemlich provinziell zu sein.
3.
BlingRing 22.04.2013
um 4uhr erst sperrstunde an einem samstag in den usa ist völlig normal.viele clubs machen schon um 2 dicht. es gibt meines wissens bis jetzt nur einen club der bis 5uhr auf hat und der ist in san Francisco. allerdings werden dort ab 4 keine Getränke mehr verkauft. feiern kann man dennoch gigantisch gut in atl!
4.
cmfmd11 23.04.2013
Atlanta gehört zu den trostlosesten Städten, die ich jemals gesehen habe. Kein Wunder, daß hier eine um 4h endende Hinterhofparty als "die beste Party der Stadt" verkauft wird - oder, um es kurz zu machen: Atlanta ist klinisch tot. Oder, wie ich einmal hörte: "Was ist schlimmer als Atlanta?" - "Atlanta am Wochenende!"
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