Es soll ja nicht wenige Leute geben, die das Pfeifen und Zischen einer alten Dampflok zu Tränen rührt. Solchen Eisenbahn-Nostalgikern ist meist keine Reise zu weit, um sich wieder für einen kurzen Moment in die gute alte Zeit zu versetzen, als ratternde und meist spartanisch ausgestattete Eisenbahnwaggons von riesigen fauchenden und dampfenden Stahlrössern über die Schienen gezogen wurden. Fündig werden sie im Wilden Westen.
Die USA sind nicht gerade berühmt für ihr Schienennetz. Hier ist seit jeher das Auto das Maß aller Dinge. Doch einige Schmankerl hat das Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Eisenbahn-Fans zu bieten. Diese Relikte stammen allesamt aus der Silber- und Goldgräberzeit. Und die spielte sich überwiegend in der unzugänglichen Gebirgskette der Rocky Mountains ab.
Das Problem damals: Wie kann man die Erzmengen aus abgelegenen Gebirgstälern in Städte wie Denver und Santa Fé befördern? Die Lösung: auf Schienen. So gab es bereits im Jahr 1881 den Rio Grande Railway von Colorados Hauptstadt Denver in das Westernstädtchen Durango im Westen des Bundesstaates mit einer Weiterführung nach Santa Fé im Nachbarstaat Neu-Mexiko.
Nur ein Jahr später war dann eine der wohl spektakulärsten Bahnstrecken des Kontinents in Betrieb, die 41 Meilen lange Route von Durango hinauf ins über 3000 Meter hoch gelegene Goldgräbernest Silverton, heute eine gut gebuchte Touristenattraktion.
Fast im Fußgängertempo rumpelt die Narrow Gauge Railroad auf teilweise abenteuerlich verbogenen Schienen durch eine alpine Landschaft. Man könnte die senkrechten Felswände, an denen sich der Zug in engen Kurven vorbeischlängelt, mit den Händen greifen und gleichzeitig auf der anderen Seite des Waggons in eine gähnend tiefe Schlucht schauen. Nur wer schwindelfrei ist, kann dies wirklich genießen.
Noble Unterkunft der Goldbarone
Echte Eisenbahnfreunde absolvieren die Fahrt in einem nach beiden Seiten offenen Waggon. Nur so bekommt man den Ruß der qualmenden Lokomotive direkt in Nase und Augen (Sonnenbrille dringend empfohlen), das Zischen und Fauchen der rund hundert Jahre alten Maschine ins Ohr und die spektakulärsten Fotos in die Kamera. Nach fast vier Stunden Fahrtzeit hat die Reise ein Ende im Minen- und Westernstädtchen Silverton mit seinen bunten Häuserfassaden fast im Originalzustand erhalten.
Ein Nostalgie-Trip hundert Jahre zurück ist natürlich nur komplett, wenn man auch im entsprechenden Hotel der damaligen Zeit absteigt. Das steht unweit der Bahnstation in Durango, heißt The Strater und wurde Ende des 18. Jahrhunderts als noble Unterkunft für die reichen Gold- und Silber-Barone gebaut. Wie auch der Zug ist das farbenprächtig bemalte Hotel nahezu im Originalzustand mit kostbarer alter Möblierung und einem urigen Western-Saloon erhalten.
Wem die Fahrt mit nach Silverton nicht genügt, der fährt ins nur etwa zweieinhalb Autostunden entfernte Örtchen Chama im Nachbarstaat Neu-Mexiko. Dort dampft die Cumbres & Toltec Scenic Railroad durch die Rockies bis nach Antonito. Auch hier ziehen uralte Dampfloks die Waggons fast im Schritttempo bis auf über 3000 Meter Höhe.
Und wieder erschließt sich dabei eine Landschaft, die man so niemals zu Fuß oder gar mit dem Auto erreichen würde: tiefe Canyons, steil aufragende Felswände, dichte Espenwälder. Dazwischen kommen immer wieder Wiesenflächen zum Vorschein, auf denen Hirsche, Rehe und die dort ebenfalls heimischen Antilopen grasen. Fünf Stunden dauert diese Zeitreise mit der Lok - und ist nicht nur für Eisenbahnfreunde ein echtes Erlebnis.
Günter Reimann/srt/dkr
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Reise | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fernweh | RSS |
| alles zum Thema USA-Reisen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH