Übernachten im Feuerturm Weitblick statt WLAN

Ihr Beruf: Bäume gucken. Feuerwächter erleben völlige Einsamkeit in der Natur. USA-Touristen können es ihnen gleichtun und auf ihren Türmen übernachten. Und herausfinden, ob sie das Beinahe-Nichtstun aushalten.

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Diese Geräusche, das sind Schritte, ganz klar. Erst zögerliche, dann festere. Jemand steigt die Treppe zum Turm hoch. Meine Treppe. Ein Eindringling. Ich schleiche aus dem Zimmer auf den umlaufenden Balkon, knalle die Falltür zu und verriegle sie. Gerettet! Die Schritte stoppen. Eine Stimme: "Hello?"

Ich antworte mit dem tiefsten, cowboyhaftesten Bass, den ich draufhabe, um gefährlich und stark zu klingen: "What do you want?" - "Sorry", kommt es von unten, er habe nur mal gucken wollen. Ich atme ruhiger und öffne den Riegel. Der Typ klettert hoch. Baseballmütze, The-North-Face-Fleecejacke, Vollbart, Grinsen im Gesicht: "Mann, hast du mir einen Schrecken eingejagt, ich dachte, auf dem Turm ist keiner!"

Kurz darauf sitzen wir beim Dosenbier zusammen, und Jesse, so heißt er, erzählt von seinem Traum, mal eine Saison auf einem Feuerturm als "Fire Lookout" zu arbeiten, als Feuerwächter: Tagelang nur dasitzen und mit dem Fernglas endlose Bergwälder nach Rauch absuchen. "Irgendwo, wo man total auf sich gestellt ist. In Alaska oder Montana oder so."

Jesse ist 23 und studiert in Los Angeles, drei Stunden von hier. Jetzt wollte er sich mal einen Feuerturm anschauen. So stehen wir auf dem Balkon des Oak Flat Fire Lookout im südkalifornischen Sequoia National Forest und schauen nach Westen, wo die Sonne kitschig hinter glühenden Bergrücken untergeht.

Türmen für Anfänger

Der Oak Flat Lookout ist eine Art Einsteiger-Feuerturm, gerade mal eine Stunde Rumpelpistenfahrt von der nächsten Ansiedlung entfernt. Wer Allradantrieb hat, spart sich die 30 Minuten Fußmarsch auf den letzten Kilometern und fährt direkt an den Turm. Natürlich hat mein Mietwagen keinen Allradantrieb.

Vier Tage in einem maroden Turm auf einem namenlosen Berggipfel in den Greenhorn Mountains, ohne Strom und Wasser. 1500 Meter Meereshöhe, dazu kommen 15 Meter Turmhöhe, erreichbar über 46 Stufen. Oben eine 20-Quadratmeter-Hütte, drumherum ein Umgang mit Geländer, an das man sich, um Gottes willen, nicht anlehnen sollte. Im Grunde eine bessere Bretterplattform auf einem 82 Jahre alten Stahlgerüst. Darin zwei Betten, ein Gasofen, zwei Holzstühle. Und Spielkarten, Klopapier, eine halbe Flasche Geschirrspülmittel, von einem Vorgänger zurückgelassen. Es ist wie Camping auf Stelzen.

Ein Schild mahnt Jäger: "Bitte keine toten Tiere in den Lookout bringen!" In der Nacht wird der Weg zum hundert Meter entfernten Plumpsklo zum Abenteuertrip. Steifbeiniger Abstieg, Kojotenheulen in der Ferne, Rascheln im Unterholz - ein Bär? Nein, durch das Taschenlampenlicht huscht nur ein Erdhörnchen. Über allem ein gigantischer Nachthimmel, der Feuerturm als Tausend-Sterne-Hotel.

Am Tag flirrt trockene Hitze über den umliegenden Strauchwäldern. Der nächste Ort heißt Caliente - das spanische Wort für heiß. In meiner Glas- und Bretterbox fühlt es sich an wie in einem Umluftherd. Falken fliegen vorbei, unten am Fuß des Turms spielen Hasen. Einmal landet ein kalifornischer Kondor auf dem Geländer. Wir blicken uns minutenlang in die Augen.

Und ohne Unterbrechung weht der Wind, wispernd, rauschend, heulend. Wanderungen in die Umgebung führen zu einem kleinen Canyon mit Bach oder über Wildpfade zu einsamen Gipfeln. Ansonsten: lesen, träumen, sein. Weitblick statt WLAN, Pionierfeeling statt Party. Selten in meinem Leben habe ich so wenig gemacht und so viel geschaut.

50 Dollar für eine einsame Nacht

In den Jahren des New Deal, zwischen 1933 und 1942, wurden Millionen Arbeitslose für den Bau von Straßen, Tunneln und Dämmen rekrutiert - und Feuerwachtürmen. 1950 standen etwa 10.000 Türme in den USA, heute sind es noch gut 2500, der Rest wurde abgerissen. Auf gut 800 Türmen sitzen noch Lookouts, andere werden vermietet. 50 US-Dollar verlangt die Forstbehörde für eine Nacht im Oak Flat Lookout, allgemein liegen die Preise zwischen 20 und 80 Dollar.

Schon immer hat der Lookout-Job amerikanische Mythen und Stereotype befeuert: harte, schweigsame Männer, auf sich gestellt in der Wildnis. Unabhängig von anderen und vom Stromnetz. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren verbrachten Autoren der Beat Generation und der radikale Naturdichter Edward Abbey ihre Sommer auf den Feuertürmen.

Jack Kerouac, Autor des Klassikers "On the Road", lebte 1956 auf einem Lookout-Turm. Er schrieb: "Eine schwierige Zeit, ich bin mir selbst begegnet. Keine Drogen, kein Alkohol... nur ich... Ich lernte mich zu hassen. Denn wenn ich alleine bin, bin nur ich da." Kerouac verfasste wenig in den 63 Tagen auf seinem Turm, doch danach wurden seine Erfahrungen zu Kulttexten.

Auch heute noch dauert die Faszination an. Auf die wenigen freiwerdenden Lookout-Jobs bewerben sich Tausende zivilisationsmüde Nostalgiker. Doch viele werfen schon nach vier Wochen Wind und Einsamkeit das Handtuch.

Besuch bei einer Veteranin

Gut zwei Autostunden entfernt vom Oak Flat Lookout lebt Lorie Griswold, 60. Sie hat nicht hingeworfen. Sie überwacht seit 14 Jahren vom Breckenridge Peak Lookout aus mehrere hundert Quadratkilometer Gebirge.

Der Geruch von kaltem Kaffee hängt in der Luft. Ich erzähle von meinen "Abenteuern" als Lookout-Novize, doch ich verstumme, als sie von ihrem Joballtag erzählt: von Gewitternächten, Bärenbegegnungen und Schießereien mit illegalen Marihuana-Bauern. Und von der Routine: Entdeckt sie Rauch, schlägt sie Alarm und meldet mit einem prähistorischen Funkgerät den Ort des Feuers an die Brandzentrale. Ein Dutzend Feuer funkt sie jeden Sommer ins Tal, meist Blitzschläge, kleinere Brände, die innerhalb eines Tages gelöscht sind.

"Ich starre Bäume an", lautet Griswolds Standardwitz, wenn sie nach ihrem Beruf gefragt wird. 13 Dollar beträgt ihr Stundenlohn. "Geld ist mir inzwischen egal, was soll ich mir denn kaufen?" Griswold macht eine ausladende Geste. "Eigentlich habe ich hier alles, was ich brauche."

Versorgung per Hubschrauber

Seit einigen Jahren hat ihr Arbeitsplatz Stromanschluss. Das Wasser schleppt Griswold weiterhin in Vier-Liter-Plastikflaschen nach oben. "Das hier ist Luxus", sagt sie und lacht. Viele ihrer Kollegen in weiter abgeschiedenen Gegenden werden zu Beginn der Waldbrandsaison mit Hubschraubern bei ihren Türmen abgesetzt. Versorgt werden sie mit Proviant, den Flugzeuge oder Hubschrauber abwerfen.

Die Zahl der Lookouts wird immer kleiner. Seit den Siebzigern haben die Behörden Tausende Türme abgerissen. Zu teuer sei es, die alten Holz- und Eisenkonstruktionen zu erhalten. Zu teuer, Tausende Brandwächter zu bezahlen. Die Technik rückt dem Beruf auf die Pelle: GPS-Ortung, rotierende Kameras, Sensoren und Raucherkennungssoftware. Auch die Tatsache, dass die Handynetze zunehmend entlegene Gegenden abdecken, macht es wahrscheinlicher, dass Feuer von Privatpersonen und nicht von Profis gemeldet werden.

"Alles Bullshit", schimpft Henry Isenberg, den ich etwas später am Telefon erwische. Der 56-Jährige ist Gründer der Forest Fire Lookout Association, dem Verband der Feuerturm-Fans. Er hat selbst 26 Jahre im Lookout gearbeitet und mehr als 500 der Türme besucht. "Ein Typ in einem Kontrollzentrum kann nicht 30 Monitore überwachen, die ständig 360-Grad-Bilder von Wäldern zeigen." Isenberg glaubt daran, dass sein Job eine Zukunft hat. "Rauch ist nicht gleich Rauch. Nur ein Lookout erkennt nach vielen Jahren Erfahrung, ob es ein ernster Brand ist. Es spielt unendlich viel mit: Gelände, Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Baumart, Wind... Da können sich die Techniker ihre Algorithmen sonst wohin schieben!"

Mein Blick ist noch längst nicht so scharf wie seiner. Doch auf der Rückfahrt von Griswold zurück zu meinem Feuerturm sehe ich deutlich die Spuren der seit mehr als fünf Jahren in Kalifornien anhaltenden Dürre: Kiefern mit gelben Nadeln, blattloses Gestrüpp, trockenes Gras. Ein Funke, eine Zigarette, ein Blitzschlag genügen, der Zunder wird zum Inferno, befeuert von den kräftigen Winden.

"Es ist wie ein Leben auf einem Pulverfass", hatte Griswold zum Abschied gesagt, "die größte Gefahr ist, wenn der Waldbrand tatsächlich nahe deinem Turm ausbricht." Und dann hatte sie mich verschmitzt angeblickt. "Das ist viel gefährlicher, als in der Nacht beim Klogang einem Erdhörnchen zu begegnen."

Webseite mit Informationen über Lookouts, in denen Touristen übernachten können: www.firelookout.org

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