USA-Touristen Butterfahrt ins Dollar-Paradies

Shoppen, so viel wie durch den Zoll geht - immer mehr deutsche Touristen reisen wegen der günstigen Dollar-Kurse zur Schnäppchenjagd in die USA. Europäische Reiseanbieter entdecken einen neuen Trend: New-York-Urlaub am Wühltisch.

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New York - Kim Ebert aus Norderstedt steht im Chaos des Billig-Kaufhauses Century 21 und hält sich prüfend eine Markenjeans vor die Hüfte. "Umgerechnet 19 Euro, das gibt's bei uns kaum", freut sie sich. "Nicht mal bei H&M."

Ihre Eltern Susanne und Peter Ebert haben bereits zugeschlagen: In ihrem Einkaufskorb liegen eine Damenhose und ein Winterhut aus Wolle. Peter Ebert sucht außerdem noch nach Golfschlägern, "die sind hier viel billiger als in Deutschland", aber die führt Century 21 nicht. "Ich will einen Cappuccino", ergänzt seine Frau müde. "Denn auch das ist hier günstiger."

Am anderen Ende der Etage des Mega-Ladens in Lower Manhattan wühlen sich Verena Pfeifer, Petra Pusch und Markus Kulawik aus Köln durch ein Hemdenregal. Im Körbchen haben sie schon Socken und Schals. "Wir sind öfter hier, meist zum Einkaufen", sagt Pfeifer, ein Shopping-Profi also. "Wir suchen vor allem nach Marken, die es bei uns nicht so gibt."

Ralph Lauren, Gap, man kennt diese Marken. Zur Verdeutlichung rollt Kulawik sein Timberland-Sweatshirt (aus New York) hoch, um darunter ein Polohemd von Abercrombie & Fitch (aus New York) zu entblößen - der US-Modekette, die nicht nur Hemden verkauft, sondern auch die Illusion ewiger Jugend.

Die Deutschen kommen

Sex-Appeal, Socken, Cappuccinos: Alles scheint hier billiger. Jedenfalls wenn man Europäer ist und vom verfallenen Wert des Dollars profitieren kann. "Noch nie in der Geschichte haben deutsche Amerika-Besucher mehr für ihre heimische Währung bekommen", sagt Rita Hille, die Präsidentin des Visit USA Committees Germany (VUSA), der Frankfurter Lobby-Dependance einer Gruppe von US-Touristikfirmen und Fremdenverkehrsämtern.

Und das schlägt sich in den Besucherzahlen nieder: Immer mehr Europäer treibt es zum Einkaufsbummel in die USA, insbesondere in die Shopping-Metropole New York City. Für 2007, das Jahr des schwachen Dollars, prophezeit das US-Handelsministerium Touristenscharen wie niemals zuvor. Fürs Gesamtjahr rechnen die Planer mit fast 54 Millionen Besuchern, fünf Prozent mehr als 2006 und sogar mehr als im bisherigen Rekordjahr 2000.

Die Deutschen bilden dabei, nach den Briten, das zweitstärkste Europa-Kontingent mit 1,5 Millionen USA-Touristen in diesem Jahr - fünf Prozent mehr als 2006. Danach folgt in weitem Abstand Frankreich mit 973.000 Besuchern.

Einen Großteil davon zieht es nach New York. Fast eine halbe Million Deutsche - rund ein Drittel aller deutschen USA-Besucher - kamen voriges Jahr an den Hudson. Insgesamt haben New Yorks Touristenzahlen seit 2002, dem Jahr nach dem Terror, stetig angezogen - parallel zum Dollar-Verfall. Zuletzt kamen im letzten Jahr 7,3 Millionen Touristen in den "Big Apple".

Erste Station: das Billig-Kaufhaus

Diese ließen Unmengen an Geld zurück: 24,7 Milliarden Dollar allein im vergangenen Jahr, fast zwei Milliarden Dollar mehr als 2006. "Jeder New Yorker Haushalt", hat das Fremdenverkehrsamt NYC & Company ausgerechnet, "profitiert im Schnitt mit 953 Dollar am Reiseverkehr und dem Tourismus."

Die Kassen klingeln bei Macy's, Bloomingdale's, Saks, Tiffany - und in der Schnäppchenoase Century 21. Selbst an einem Wochentag ist das Gedränge fast unerträglich. Manche schleppen Hemden in turmhohen Stapeln vor sich her, die Wangen gerötet. An den Kassen gibt es Gerangel, an den Ausgängen den gelegentlichen harschen Wortwechsel mit den Sicherheitsbeamten. Babylonisches Sprachengewirr erfüllt die Luft: Deutsch, Holländisch, Französisch, Italienisch, Spanisch. Englisch hört man dagegen seltener.

Die Eberts aus Norderstedt, die sich fest zwischen zwei Jeans-Ständer postiert haben, sind "eher nebenher zum Einkaufen" hier. Vieles, sagt Peter Ebert, "bekommt man eigentlich auch am Jungfernstieg". Aber Discount-Läden wie dieser seien unschlagbar.

Boymodels zum Anfassen

Mit einem Nachteil: Leider machten die hohen Hotelpreise das "fast wieder wett". Deshalb gehen die Eberts hier auch "nicht so viel essen". Am Abend seien sie "sowieso kaputt" vom vielen Rumlaufen: "Wir setzen uns aufs Zimmer", sagt Susanne Ebert, "knabbern was und trinken einen schönen Wein dazu."

Was für die einen Century 21, ist für die anderen die Luxusmeile Fifth Avenue. Hier liegt, zwischen Tiffany, Gucci, Henri Bendel und Cartier, auch der "Flagship Store" des besagten Kultausstatters A&F. Laute Disco-Musik dringt aus dem Eingang, an dem ein Schönling mit nacktem Oberkörper posiert, stolz seinen Waschbrettbauch vorzeigend.

Corinna Hagen und Evi Hasenauer aus Salzburg nehmen sich Mut und flankieren ihn kichernd, für das obligatorische Souvenirfoto. Gemeinsam mit vier Freundinnen sind sie "hauptsächlich zum Shopping" aus Österreich angereist - und um mal ein A&F-Boymodel anzufassen zu können.

"New York ist sehr günstig", sagt Hagen. Was in ihren Tüten sei? Jeans, Schals, Handschuhe, "Frauenklamotten eben". Einquartiert haben sie sich im Carlton Arms, einem Künstlerhotel in Murray Hill, wo es Zimmer ab 80 Dollar gibt. Da bleibt mehr übrig für die Einkaufskasse.

Shopping bis zum Umfallen

"Wir kaufen so viel, wie wir durch den Zoll kriegen", sagt auch Werner Eisenbart aus München-Schwabing. Mit seiner Frau Gertrud kommt er einmal im Jahr zum Weihnachtsshopping nach New York, doch dieses Jahr sei es besonders lohnenswert.

Die Eisenbarts stehen in einem Discount-Laden im Diamond District und wollen sich mit ihren sieben Tüten nicht fotografieren lassen: Das sei ihnen dann doch etwas peinlich, "sieht ja aus wie auf 'ner Butterfahrt". Ihre praktischste Anschaffung auf diesem Trip: ein zusätzlicher Koffer für all die Mitbringsel für die Familie.

Die Reiseunternehmen heizen den Dollar- Kaufrausch bestmöglich an. "Einkaufen bis zum Umfallen", verheißt das Berliner Reisebüro Titanic. "Shop 'til you drop", werben analog die in der Rewe-Touristik vereinten Firmen Dertour, Meier's Weltreisen und ADAC Reisen: New York sei "die Stadt schlechthin zum Shopping". Mit im Angebot: ein "Shopping-Shuttle" zu den Woodbury Common Premium Outlets (29 Euro, inklusive Couponheft), einer Billig-Mall nördlich von New York mit 220 Läden, darunter Burberry und Dolce & Gabana.

Die New Yorker selbst murren freilich, trotz des Pro-Kopf-Gewinns von 953 Dollar im Jahr. Denn die gehen schnell wieder für die dank der kaufkräftigen Gäste künstlich hochgehaltenen Preise hier drauf. 485 Dollar für Sushi bei "Masa" im Time Warner Center, 240 Dollar für ein Ribeye-Steak im "Kobe Club": "Solche Preise verunsichern die nicht im Geringsten", lästerte der Restaurateur Peter Glazier in der "New York Post" über die Euro-Touristen. "Fast so, als würden wir McDonald's-Burger kaufen."

Und selbst die wären hier billiger.



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