Utila in Honduras: Insel der Glückseligen

Von Linus Geschke

"Morgen reise ich ab" ist auf Utila schon zum geflügelten Wort geworden - weil Touristen das so häufig nicht wahrgemacht haben. Die Insel vor Honduras lockt Zivilisationsmüde und Backpacker an. Manche vergleichen sie schon mit Goa in den Siebzigern.

Honduras: Lebensgefühl und Aussteigerromantik Fotos
Linus Geschke

Im Hafen von La Ceiba trennen sich die Wege von Roatanern und Utilanern - der Touristen also, die die völlig verschiedenen Inselwelten von Roatan oder Utila ansteuern. Die Unterschiede fangen schon im Fährterminal an. Jenes, an dem Schiffe nach Roatan anlegen, ist sehr modern, sehr amerikanisch, und die Toilettenfrau begrüßt einen dort mit "Señor" oder "Señora". In dem nach Utila - hölzern, verstaubt, spartanisch - gibt es keine Toilettenfrau: Man hat Glück, wenn man in dem Bretterverschlag überhaupt eine funktionierende Toilette findet.

Die meist jungen Menschen, die dort sitzen und auf ihre Überfahrt warten, sind häufig auf dem "Backpacker-Trail" unterwegs: Nicaragua, Guatemala, Honduras - alles mit dem Rucksack auf dem Rücken und wenig Geld in der Tasche. Sie kommen aus den USA, aus Europa oder Australien und sie sehen inmitten der Holzbude so glücklich aus, wie man nur aussieht, wenn man jung und vollkommen frei ist.

Als die Fähre sie anderthalb Stunden später an Land spuckt, erreichen die Rucksackreisenden eine Insel, die aus der Zeit gefallen scheint. Windschiefe Holzhäuser schmiegen sich an schmale Straßen, Hunde streifen umher, kleine Hotels und Pensionen bieten Übernachtungen für eine Handvoll Dollar an.

Das beste Frühstück gibt es im Bunga Café, die besten Cocktails im Coco Loco, die ausgelassenste Stimmung in der Tranquila Bar - nach zwei Tagen haben die Neuankömmlinge raus, wo es gutes Essen für ein paar Lempiras gibt und wo die besten Partys steigen. Spätestens dann kennt hier auch jeder jeden, hat mal kurz mit ihm gesprochen oder ihm zumindest zugelächelt.

"I will leave tomorrow"

"Wo kommst du her?" "Wie lange bleibst du?" "Wohin willst du noch?" Jedes Treffen folgt diesem ewig gleichen Dreisatz und gerade die zweite Frage ist oftmals nicht einfach zu beantworten. Unter den Einheimischen heißt es, der größte Witz, der auf Utila erzählt wird, sei "I will leave tomorrow." Und dann bleiben sie doch länger, die Gringos: manchmal Tage, manchmal Wochen, manches Mal auch für immer.

Oder sie fahren weg und kommen wieder. So wie Jan Thies: Der 33-Jährige ist Tauchreiseveranstalter und würde man ihn auf einem Münchner Golfplatz fragen, wer er denn sei und was er so mache, dann würde er wohl mit "Jan Thies, Unternehmer" antworten. Auf Utila dagegen ist er einfach nur "der Jan" - sein Nachname und der Beruf interessieren hier keinen. "Ich bin viel in der Welt herumgekommen, aber so etwas wie auf Utila habe ich sonst nirgendwo gespürt", sagt er. "Utila muss man erleben, das kann man kaum beschreiben."

Die Insel in einem Reiseprospekt zu beschreiben ist für Jan Thies eh nicht ganz einfach. Es gibt keine touristischen Attraktionen, kein Vier- oder Fünf-Sterne-Hotel, kein Edelrestaurant und keine Wellness-Oasen. "Das, was es alles nicht gibt, ist vielleicht der größte Vorteil. Die Insel ist dadurch anders und die Gäste sind es auch."

Auch Juanita Morando aus dem Bunga Café lässt auf ihre meist aus Backpackern bestehenden Kunden nichts kommen. "Wer nach Utila kommt, der will hier zusammen mit uns Einheimischen leben und einfach eine gute Zeit haben. Nicht so wie die ganzen Pauschaltouristen, die es auf anderen Karibikinseln gibt. Die wollen doch alle nur, dass es im Urlaub aussieht wie zu Hause."

"Genau", ruft die aus Kanada stammende Sharon dazwischen. "Auf Utila geht es nicht um schöne Sandstrände und für Touristen bestellte Folkloretänze. Hier geht es nur um das Feeling, um nichts anderes." Lange hat die 57-Jährige auf ihrer "Reise nach dem Lebensgefühl", wie sie es nennt, gesucht: Zwei Jahre ist sie schon unterwegs, hier auf Utila ist sie endlich fündig gefunden.

Genau zur richtigen Zeit

Vor 30 oder 40 Jahren, da gab es noch etliche solcher Reisen. Die berühmteste davon war der "Hippie-Trail" der Blumenkinder, der im Istanbuler "Pudding Shop" startete und dann mit alten Bussen quer durch Afghanistan und Pakistan bis ins indische Goa führte. "Make love, not war" war die Devise; die Luft schmeckte nach Aufbruch und Marihuana.

Und wem Goa zu fern erschien, der konnte ja immer noch nach Marrakesch. Oder nach Ibiza. Freie Gedanken, freie Liebe, das gab es damals auch auf den Balearen. Und heute? Wird es schwer, findet Sharon. "Ich war damals auch auf Goa", erzählt sie. "Das kann man natürlich nicht mit Utila vergleichen: Die Zeiten waren anders, die Erwartungen und die Vorstellungen auch. Aber seit Goa habe ich nie wieder einen Ort bereist, der mir so sehr das Gefühl gab, genau zur richtigen Zeit hier zu sein."

An einem der beiden Strände, die sich an die Hauptstraße anschließen, hat Jan Thies sein Golfcar abgestellt und sich in den Schatten eines Pinienbaumes gesetzt. Autos kann man hier nicht mieten und es würde auch keinen Sinn machen auf einer Insel, wo man selbst mit dem langsamen Golfcar in zehn Minuten das Ende jeder asphaltierten Straße erreicht. Nicht weit von ihm entfernt sitzt eine Einheimische, grüßt freundlich und lacht, dann schlendert ein Pärchen vorbei, grüßt, winkt und lacht ebenfalls. Manchmal fehlt nur noch, dass sich jetzt alle an den Händen packen, gemeinsam im Kreis hüpfen und "Kumbaya" singen.

Natur und Menschen getrennt durch einen Kanal

"Natürlich kann man sich darüber auch lustig machen", sagt Thies. "Aber mir ist eine Welt voll Wärme und Freundlichkeit tausendmal lieber als Kälte und Sarkasmus." Dann deutet er auf die karibische See hinaus. "Irgendwo da, nicht weit entfernt, liegt Roatan. Noch schönere Natur und Strände, tolle Hotels, viele Kreuzfahrtschiffe. Lässt sich deutlich besser vermarkten." Und das Feeling? Er lacht und sagt nichts. Das Utila-Gefühl scheint außerhalb der 42 Quadratkilometer großen Insel nicht überlebensfähig zu sein.

Auch den Umgang mit der Natur hat man auf Utila ganz untypisch gelöst: Ein Kanal hat die Insel einfach in zwei Hälften geteilt. In der einen leben die Menschen, die andere erreicht man nur mit dem Boot, ansonsten wird sie fast komplett sich selbst überlassen. Es gibt Leguane und Mangrovenwälder, viele exotische Vogelarten und vor der Küste stoßen Taucher oft auf Walhaie. Andernorts wird so etwas als "Öko-Tourismus" beworben und eine Nobel-Lodge für betuchte Besucher gebaut, aber hier? Wer da hin will, kann sich ja für drei Dollar ein Kajak mieten, meint Juanita.

Auf Utila ist es Abend geworden: Aus den Kneipen dringt Reggae und Merengue auf die Straßen, viele Touristen hocken in kleinen Gruppen auf den Stegen zusammen, die aufs Meer hinaus führen. Jan Thies hat sich für das Driftwood Cafe entschieden. Vor sich den rotglühenden Sonnenuntergang, in der Hand ein eiskaltes Bier, von dem Kondenswasser wie kleine Perlen auf den Holzboden tropft.

Im Hintergrund singt Bob Marley gerade davon, wie er den Sheriff erschoss und den Deputy leben ließ. Das Lied passt perfekt in die Karibik, aber nicht so recht nach Utila: Hier würden sie den Sheriff wohl eher in den Arm nehmen und zu Tode knuddeln.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Nach dem Bericht hier...
zenonrc 28.03.2011
Zitat von sysop"Morgen reise ich ab" ist auf Utila schon zum geflügelten Wort geworden - weil Touristen das so häufig nicht wahrgemacht haben. Die Insel vor Honduras lockt Zivilisationsmüde und Backpacker an. Manche vergleichen sie schon mit Goa in den Siebzigern. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,751529,00.html
...gebe ich der Insel noch 6 Monate, dann wird sie nicht mehr dieselbe sein. Über Paradise sollte man schweigen.
2. Verbrannte Erde
Enlighter 28.03.2011
...kann mich meinem Vorredner nur anschließen!
3. Gleich wie vor 11 Jahren
chbeeler 28.03.2011
Die Insel war schon vor 11 Jahren so, wird sie wahrscheinlich auch bleiben. Man konnte für 150 Dollares den PADI open water Tauschschein machen. Sich für 3 Dollar, auf einen der Cays rausschippern lassen, den ganzen Tag Robinson spielen und am Abend wieder mit tausenend Sandfliegen Stichen einsammeln lassen. Am Abend Party auf einem der Stege einer Tauchschule und irgedwo auf einem Hügel gab es die Bush Bar.
4. genau
schnuppe 28.03.2011
Zitat von zenonrc...gebe ich der Insel noch 6 Monate, dann wird sie nicht mehr dieselbe sein. Über Paradise sollte man schweigen.
ja, das habe ich auch gedacht. Über viele Sachen sollte man eigentlich eher nicht reden oder nur...aber erzählen Sie DAS mal Medienvertretern...
5. Große Pläne für Golfplatz!
timewalk 28.03.2011
Zitat von zenonrc...gebe ich der Insel noch 6 Monate, dann wird sie nicht mehr dieselbe sein. Über Paradise sollte man schweigen.
Ich bin schon am Rucksack schnüren!
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