Vancouver Island: Im Einbaum zur Indianer-Apotheke

Von Ole Helmhausen

Ein Regenwald, zwei Welten: Umweltschützer kämpfen am Clayoquot Sound um den Erhalt des kanadischen Urwalds - und sind tief zerstritten mit den Ureinwohnern. Per Paddelboot und Motoryacht kommen Touristen der einmaligen Natur und der Philosophie der Tla-o-qui-aht-Indianer nahe.

Vancouver Island: Ein Regenwald, zwei Welten Fotos
Ole Helmhausen

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"Alles klar?", fragt Giselle Martin die Bleichgesichter, die sie soeben im traditionellen Einbaum von Tofino aus übers Meer gepaddelt hat. Alles klar, erwidern ihre deutschen und niederländischen Gäste tapfer und ziehen - platsch, rülps - die Stiefel aus dem knietiefen Matsch des Uferschlicks. Die Tla-o-qui-aht-Indianerin wischt sich den Regen aus dem Gesicht. "Willkommen auf Meares Island", sagt sie und stapft los, über die kleine Insel im Clayoquot Sound vor Vancouver Island.

Zwei Sekunden später hat der Regenwald Giselle verschluckt. Die auf dem Strand zurückgebliebenen Greenhorns schaffen es selbst drei Meter vom Waldrand entfernt nicht, den Beginn des Rainforest Trail auszumachen. "Hier entlang!", ruft sie, und dankbar folgen alle dem Klang ihrer Stimme. Sie kraxeln über eine umgekippte Zeder und einen garagengroßen Findling, bis der Plankenpfad erreicht sind. Dort wartet Giselle schon, inmitten eines feucht dampfenden Stillebens aus hüfthohem Farn und kolossalen Baumstämmen.

"Dies ist einer der ältesten Regenwälder an der Küste", sagt sie. Doch das Grüpplein ist ohnehin ergriffen. Noch nie hat man so dicke Bäume gesehen, solch überbordende Vegetation. Giselles Stamm, der zu den Nu-cha-nulth First Nations gehört, wohnt seit Jahrtausenden hier.

Leise, als wolle sie den Wald nicht unnötig wecken, erzählt sie Geschichten vom Leben und vom Tod, von Krankheit und von Heilung. So wird die Rotzeder zum Baum des Lebens, weil sie die Indianer einst mit Holz für Kanus, Krippen und Särge versorgte. Die Sitka-Fichte wiederum mutiert zum Feuerbaum, weil ihr Saft beim Feuermachen Verwendung fand.

Der Wald als Apotheke

"Ich lernte das, als ich mit 13 Jahren einen Sommer allein auf einer kleinen Insel verbrachte", erklärt Giselle ihrem staunenden Publikum. Flechten gegen Rheuma und Migräne, getrocknete Farnspitzen als Pizzabelag, Schmarotzerpilze als Behälter, in denen Feuer transportiert wurde: Für die Tla-o-qui-aht war der Wald Supermarkt, Apotheke, Baustoffgroßhandlung. Geschichten über Geschichten, vor allem vom Einssein der Vorfahren mit ihrer Umwelt. "Damals waren wir verbunden", sagt sie.

Giselle Martin betreibt den Tourenanbieter Tla-ook Cultural Adventures. Das kleine Unternehmen mit Sitz in Tofino versucht, mit Kanutouren in handgeschnitzten Einbäumen und Wanderungen durch den Regenwald indianische Kultur zu vermitteln und damit zugleich die Verbindung zu uralten Traditionen zu halten. Einfach ist das nicht.

Die Lage der Indianer an dieser Küste ist heute zugleich besser und schlechter als noch vor 50, ja 20 Jahren. Besser, weil sie heute wieder ausüben dürfen, was von ihrer Kultur übriggeblieben ist, und beim Zusammenfügen der Bruchstücke von offizieller Seite ermutigt und großzügig unterstützt werden.

Und schlechter, weil sie trotz aller Entschuldigungen und Kompensationen noch immer an den Auswirkungen der drei großen Es (Enteignung, Entrechtung und Entwurzelung) laborieren. Zudem ist Tofino an der Westküste von Vancouver Island mehr als nur Kanadas hippe Surferhauptstadt. Es ist auch die Frontlinie der verschiedensten Auffassungen von Natur- und Umweltschutz, seit grüne Aktivisten aus aller Welt hier vor über 20 Jahren den Regenwald des Clayoquot Sound vor der Abholzung zu schützen versuchten.

Besetzung der Meares-Insel

Inzwischen ist der Regenwald weiter geschrumpft, Presse und Weltöffentlichkeit haben längst das Interesse verloren, doch die Konflikte vor Ort dauern an. Viele Sägewerke mussten schließen, die kommerzielle Lachsfischerei ging zugrunde, und viele Stämme, darunter auch die Tla-o-qui-aht, politisierten sich. "1984 drohte Meares Island der Kahlschlag", erzählt Giselle, "daraufhin besetzten wir die Insel und zogen vor Gericht." Der Kampf ist noch nicht beendet.

Inzwischen haben die Tla-o-qui-aht die Insel einseitig zum Tribal Park erklärt und verfolgen nach schlechten Erfahrungen die Regierungspolitik mit größtem Misstrauen. Zugleich aber ging der Stamm, einst ein treuer Weggefährte der Umweltschutzorganisationen, auch eine Partnerschaft mit dem Erzfeind ein. Gemeinsam mit dem amerikanischen Holzfällerkonzern Weyerhaeuser gründete er die Iisaak Natural Resources Ltd., die den Wald im Clayoquot Sound offiziell nachhaltig bewirtschaften soll. Seitdem haben sich die Fronten verlagert, stehen nunmehr auch Umweltgruppen und Indianer sich unversöhnlich einander gegenüber.

Am Ufer gegenüber von Giselles Gästen, am Südwestende von Meares Island, ist - undeutlich, aber lang genug, um als Stadt durchzugehen - ein Häuserstreifen am Ufer erkennbar: Opitsaht, ein Hauptort der Tla-o-qui-aht. Kein Licht brennt dort, nichts bewegt sich. Weiße brauchen eine Einladung, um Opitsaht besuchen zu dürfen. Auch Giselle bringt ihre Gäse nicht dorthin. Die Bewohner, sagt sie, wollten sich nicht wie Tiere im Zoo fühlen.

Krabben futternde Bären am Ufer

Tags darauf bricht die Gruppe zur Bärenbeobachtung auf. An Bord der "Browning Passage", einer altgedienten Zwölf-Meter-Motoryacht unter Skipper Mike White, schippern sie durch den Morgennebel in das Insellabyrinth im Clayoquot Sound. Mike ist Anfang 60, in Tofino geboren und von der Seebär-Sorte, der man sich sofort anvertraut. Früher war er Fischer, dann sattelte er um und zeigt nun Touristen Wale und Bären. Dass er die Gegend rund um Tofino wie seine Westentasche kennt, schlägt sich später im Trinkgeld nieder.

Dreimal kann er seinen Gästen an diesem Morgen Schwarzbären am Ufer zeigen, die sich die Bäuche mit Krabben vollschlagen. Jedes Mal ist er der Erste vor Ort, und während nach und nach die Boote der Konkurrenz eintrudeln, dreht er das Boot so in die Strömung, dass es mit abgestelltem Motor dichter als die anderen an Bären vorbeidriftet.

Zurück in Tofino, lädt er zum Kaffee in der Kombüse. Mikes Kumpel Pete und Colin, ehemalige Fischer auch sie, gesellen sich dazu, und schon bald reflektiert das muntere Trio die Konflikte in Tofino aus seiner Sicht - mit der Entspanntheit von Alteingesessenen, für die Kontroversen zum Alltag gehören wie der Regen über Vancouver Island. Deshalb kann Mike die Eins-mit-der-Natur-sein-Philosophie seiner indianischen Nachbarn spontan als Unfug bezeichnen. Er behauptet, dass es den Indianern nur deshalb um die Rückgabe ihres Land gehe, weil sie die profitable Abholzung des Regenwaldes selbst übernehmen wollten.

"Schau mal", sagt er, während Pete und Colin Kaffee nachgießen, "wir sind alle hier geboren, kennen einander, arbeiten miteinander. Unsere Kinder gehen zusammen zur Schule." Zwar hätte die letzte der staatlichen Schulen, die die Zwangsassimilierung der Indianerkinder betrieben, vor fast 30 Jahren geschlossen - doch das größte Problem der Indianer sei, dass sie drauf bestünden, diese für alle Probleme im Reservat, vor allem überdurchnittlich hohe Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt und Drogenmissbrauch, verantwortlich zu machen.

Joe, der Totem-Künstler

Joe Martins Schuppen steht am Strand, zwischen uralten Zedern und nur wenige Minuten vom luxuriösen Wickanninish Inn entfernt. Hier schnitzt der angesehene Tla-o-qui-ath-Künstler seine bei Sammlern in aller Welt begehrten Totempfähle und Einbäume. Mike hat gesagt, Joe sei anders. Wolle vieles verändern in seinem Stamm. Vor der Unterhaltung besteht Joe, ein gut aussehender End-Fünfziger, zunächst auf einer offiziellen Vorstellung. Dann setzt er sich auf die Bank vor seinem Schuppen - und blickt schweigend aufs Meer hinaus. Erst nach einer Weile ergreift er das Wort. "Jetzt können wir uns unterhalten."

Dann spricht er über das, was das Trio auf dem Boot vielen seiner Stammesbrüder nicht mehr abnimmt. Vom Respekt vor der Natur nämlich, vor allem aber vom Respekt vor sich selbst und anderen. Wie dieses erste und wichtigste Gesetz des Stammes von Generation zu Generation weitergegeben wurde, und wie man die Totempfähle lesen müsse, um sie als Stammesverfassung zu verstehen. Joes Sprache, blumig und poetisch, entführt in eine andere, bessere Zeit. "Damals waren wir mit der Natur verbunden", sagt auch er und schaut den Wellen zu, wie sie sich am Strand brechen.

Ob einer seiner Vorfahren einer dieser Wetterfrösche war, die das Wetter anhand des Wellenrhythmus an einem bestimmten Strand vorhersagen konnten? Joe schaut einem Hochzeitspaar zu, dass vor den Wellen Hochzeitsbilder von sich machen lässt, und versucht ein Lächeln. "Die beiden wissen nichts von unserem Strand. Heute sind wir ja nur noch mit iPods verbunden." Wenigstens das würde Mike sofort unterschreiben.

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1. Vancouver Island: Im Einbaum zur Indianer-Apotheke
Phoenix2006 11.11.2010
Zitat von sysopEin Regenwald, zwei Welten: Umweltschützer kämpfen am Clayoquot Sound um den Erhalt des kanadischen Urwalds - und sind tief zerstritten mit den Ureinwohnern. Per Paddelboot und Motoryacht kommen Touristen der einmaligen Natur und der Philosophie der*Tla-o-qui-aht-Indianer nahe. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,724058,00.html
Wie wäre es ein mehrstufiges Naturschutzsystem zu entwickeln? Kernregion (Natur sich überlassen unter Berücksitigung der indigenen Bevölkerung) Region (für Tourismus in gewisser Entfernung zur Kernregion) eine wirtschaftliche Region allerdings mit Wideraufforstung (mit wissenschaftlicher Bekleitung - wegen Ökosystem)
2. Willkommen
mkalus 11.11.2010
Zitat von sysopEin Regenwald, zwei Welten: Umweltschützer kämpfen am Clayoquot Sound um den Erhalt des kanadischen Urwalds - und sind tief zerstritten mit den Ureinwohnern. Per Paddelboot und Motoryacht kommen Touristen der einmaligen Natur und der Philosophie der*Tla-o-qui-aht-Indianer nahe. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,724058,00.html
Willkommen in BC. Ist schoen hier. Am besten gefaellts mir hier in der Regenzeit, da bleiben die meisten Touristen weg und man kann ungestoert hier leben :P
3. toll
axelkli 11.11.2010
ein wunderschöner Flecken Erde, den zu besuchen ich auch schon die Ehre hatte. Der Clayoquot-Sound wird auch sehr gut in F. Schätzings Buch "Der Schwarm" beschrieben.
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Reiseziel Kanada
Beste Reisezeit
Hauptsaison ist von Mitte Juni bis Mitte September. Im Frühling und Herbst sind weniger Touristen unterwegs und die Preise günstiger. Wer in den hohen Norden reisen will, sollte das am besten im Sommer tun, für Wintersportler empfehlen sich Reisen im Dezember oder Januar.
Einreiseinfos und Zeitzonen
Reisende aus Deutschland benötigen kein Visum für die Einreise, wenn sie weniger als drei Monate bleiben wollen. Kanada erstreckt sich über insgesamt sechs Zeitzonen, von der Newfoundland Standard Time (minus 4,5 Stunden im Vergleich zur mitteleuropäischen Zeit) bis zur Pacific Standard Time (minus neun Stunden).
Highlights
Sehenswerte Städte sind Vancouver mit seiner perfekten Lage zwischen Meer und Bergen, Québec mit seinem künstlerischen Flair und das entspannte Montreal. Die meisten Touristen kommen jedoch auch, um die Naturwunder zu erleben: die endlose Prärie im Landesinnern, die Rocky Mountains mit den Nationalparks Banff und Jasper, die arktischen Regionen mit ihren Pionierorten oder Vancouver Island mit seinen Walen und Delfinen.

Festivals und Veranstaltungen
Jedes Jahr im Februar lockt das Yukon Quest die besten Hundeschlittenfahrer der Welt an - 1600 Kilomter sind bei dem Rennen zu bewältigen. Im 1. Juli wird landesweit der Kanada Day mit Feuerwerk und Partys gefeiert, im gleichen Monat steht mit der Calgary Stampede ein riesiges Rodeo-Spektakel auf dem Programm. Mehrere große Musikfestivals lohnen im Sommer einen Besuch: das Vancouver International Jazz Festival, das Edmonton Folk Festival und das Montreal Jazz Fest.
Reiseinfos
Einen guten Überblick bietet die Internetseite der Kanadischen Tourismus-Kommission www.canada.travel, Informationen über einzelne Provinzen gibt es auf www.helloBC.com (British Columbia), www.travelalberta.com (Alberta), www.touryukon.com (Yukon) und www.bonjourquebec.com (Québec).
Anreise und Transport
Flüge aus Deutschland bieten folgende Airlines an: Lufthansa, Air Berlin, Air France, British Airways, Air Transat, Air Canada, Condor, Icelandair, KLM, Swiss. Für Inlandsflüge ist Air Canada der größte Anbieter.

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