Verborgene Welten in Island Der Troll im Stein

Niemand hat sie je gesehen, doch sie sind überall: Zwerge, Trolle und Elfen hinterlassen in ganz Island ihre Spuren. Sie leben in Steinen, hausen hinter Wasserfällen und residieren auf Hügeln. Der Umgang mit den reizbaren Geschöpfen will jedoch gelernt sein.

Von Sandra Fomferek


Reykjavík - Nebel umwabert die rund 30 Meter hohe Felsformation. Durch die Schwaden schimmert das verschlafene Fischerdörfchen Bakkagerði - ein idyllisches Plätzchen in den isländischen Ostfjorden hat sich die Elfenkönigin zur Residenz ausgewählt. Álfaborg (Elfenburg) nennen die Isländer den Hügel, um den sich unzählige Geschichten ranken: von Menschen, die sich auf eine Liebesbeziehung mit den überirdischen Geschöpfen einließen und plötzlich verschwanden, und von Elfen, die Menschen mit kostbaren Geschenken belohnten, weil sie ihnen in Notlagen halfen.

Elfen, Trolle, Zwerge und andere geheimnisvolle Wesen haben überall in Island ihre Spuren hinterlassen, nicht nur in Städte- und Straßennamen. Mit etwas Phantasie verwandeln sich Felsklötze in versteinerte Trolle, Steinformationen in deren Kirchen und Häuser. Sagen, Göttergeschichten und Religion überleben in Island in friedlicher Koexistenz mit wundersamen Legenden über Fabelwesen.

In der kleinen Wellblech-Kirche am Fuße der Elfenburg in Bakkagerði hängt ein Bild von Jesus, der bei der Bergpredigt auf dem Elfenhügel steht. Die Ásbyrgi-Schlucht im Norden des Landes soll durch einen Hufabdruck von Odins achtbeinigem Ross Sleipnir geschaffen worden sein. Gleichzeitig ist sie die Hauptstadt des "Huldufólk", des "Verborgenen Volkes". Sogar ein eigenes Konzerthaus sollen die Unsichtbaren dort gebaut haben. Hafnarfjördur bei Reykjavík wiederum rühmt sich damit, über die größte Population an Feen, Zwergen, Gnomen und anderen Wesen zu verfügen. Hinter einem Wasserfall im Höhlengarten Hellisgerði sollen die Elfen in einem versteckten Café entspannen. Auch eine Elfenkönigin residiert auf dem kahlen Hügel über der Stadt. Vielleicht ist es die gleiche wie in Bakkagerði. Wer weiß das schon, niemand hat sie bisher gesehen.

Außer vielleicht Erla Stefansdóttir. Die Klavierlehrerin ist in Reykjavík ein stadtbekanntes Elfenmedium. In ihrer Freizeit schreibt sie esoterische Bücher und zeichnet Karten der "Verborgenen Welten". Seit ihrer Kindheit kann sie die Wesen aus der anderen Dimension sehen, aber eigentlich ist es ihr lästig, darüber zu sprechen. Ihre Vision sei so viel größer, sagt die füllige Frau im rosa Jogginganzug. Doch jeder, der sie besucht, wolle immer nur wissen, ob sich ihr Hauself wirklich von Brei ernähre und ob es stimme, dass Elfen sich singend verständigten.

Knick in der Straße

Streikende Bagger, kranke Arbeiter: Wer sich an den Wohnstätten der magischen Geschöpfe vergreift, muss mit seltsamen Vorkommnissen rechnen. Die Isländer legen es nicht darauf an, ganze Straßen bauen sie um Steine herum, in denen angeblich unsichtbare Wesen leben. Wie in Kópavogur, einem Vorort von Reykjavík: Der Elfenhügelweg führt mit einem seltsamen Knick um einen mit Gras bewachsenen Brocken herum.

Oft wird behauptet, das Bauamt beauftrage das Elfenmedium Stefansdóttir, wenn sich bei Bauarbeiten ein Stein nicht verschieben lässt. "Das ist Blödsinn", stellt sie klar. Meist seien es Privatleute, die sie um Rat bitten. Jeden Tag klingele bei ihr das Telefon, weil Elfen sich weigerten, ihre Häuser zu räumen und auf Baustellen ihr Unwesen trieben. Elfenopfern rät sie zu singen, Kerzen anzuzünden und mit den Wesen zu sprechen. Manchmal besucht sie selbst den Ort des Konflikts und versucht zu vermitteln. Aber in Zeiten, in denen in Reykjavík an jeder Ecke gebaut wird, ist die Verständigung zwischen den Völkern schwierig.

Magnús Skarphédinsson hat bisher weder eine Elfe noch jemanden vom "Verborgenen Volk" gesehen. Das "Huldufólk" weigert sich, den Elfenexperten in ihre Wohnungen einzuladen. "Er hat zu viele Fragen. Wir werden ihn nie wieder los, befürchten sie", hat Skarphédinsson von seinen "Seher"-Freunden gehört. "Natürlich haben sie Recht", räumt er ein.

Früher war Skarphédinsson Hochschullehrer, heute leitet er eine Firma, die Häuser renoviert, und - eine Elfenschule in Reykjavík, ein absoluter Geheimtipp unter deutschen Touristen. Nicht einmal das örtliche Touristenbüro kennt die Einrichtung im Industriegebiet.

Elfen-Diplom zwischen Zwergen und Wichteln

Heute legen dort vier Deutsche und ein Schwede inmitten von kindsgroßen Zwergenfiguren, Porzellanelfen und Wichteln das Elfen-Diplom ab. Klauen Elfen wirklich Handys? Und was passiert, wenn man sich auf die Steine setzt, in denen sie leben? Bei Waffeln und Kaffee erzählt der bärtige Elfenkenner Skarphédinsson von 12.000 Augenzeugenberichten aus aller Welt, die er in 27 Jahren zusammengesammelt hat. Er ist davon überzeugt, dass der Elfen-Mythos in Island durch die lange Isolierung der Insel überlebt hat: "Die Aufklärung hat hier nie stattgefunden”, erklärt er.

80 Prozent der Erzählungen haben mit dem "Verborgenen Volk” zu tun: Sie sehen aus wie Menschen, haben Berufe wie Menschen, sind aber nur selten sichtbar. Andächtig lässt die Gruppe einen einfachen Blechtopf kreisen, ein Geschenk des "Huldufólk" an eine Isländerin. Ein ganzes Museum will Skarphédinsson mit solchen Gaben bestücken. Auch einen Dokumentarfilm über die Augenzeugen und einen Nachbau einiger Elfensiedlungen plant er für seine Elfenschule.

Später führt er seine Schüler zu einem Stein auf einem Parkplatz. Auch der ist bewohnt. Ehrfurchtsvoll blicken die Elfen-Pilger den Klotz an, einer meint, Schwingungen zu spüren, wenn auch nur schwach, ein anderer wundert sich: "Warum suchen sich Elfen immer so fiese Orte?"

Paulina Mansz ist erst seit einem Jahr in Reykjavík, aber die junge Polin hat bereits das geballte Elfen-Wissen in sich aufgesogen. Sie weiß, dass das "Verborgene Volk" in einem kleinen Garten hinter dem Althing, dem isländischen Parlament, für den Erhalt der Natur beten. Sie kennt das Tor zur Elfenwelt: einen mit Runen bemalten Stein auf dem Friedhof. Und auch wenn sie es noch nie gesehen hat, ist sie sich sicher, dass Elfen unter dem Bäumen am Stadtteich Tjörnin nachts Reigen tanzen und dabei Blumen- und Steinkreise hinterlassen. Die schwarzen Steine von den bösen schwarzen Elfen darf man nicht anfassen, warnt sie. Einmal habe eine Touristin einen Stein eingesteckt und fortan nur noch Pech gehabt.

Eine Frage des Glaubens

Täglich nimmt Mansz Touristen mit auf eine Tour zu den Elfen-Stätten in der Hauptstadt. Deutsche seien ihr am liebsten, verrät sie, weil die immer geduldig zuhören: "Die Amerikaner machen sich nur über alles lustig." Wer sie begleitet, lernt von der eingewanderten Elfenkennerin, dass Trolle ursprünglich mit den Wikingern aus Norwegen nach Island gelangten, während das "Verborgene Volk" keltischen Ursprungs ist. Nur die Elfen sind genuin isländische Geschöpfe.

Warum sich der Elfen-Glaube in Island so hartnäckig halten konnte, dafür hat Volkskundler Árni Björnsson verschiedene Erklärungen. "Island erlangte die Unabhängigkeit gleichzeitig mit religiöser Freiheit", sagt der 75-Jährige. Der religiöse Bann auf übernatürliche Wesen, sei als ausländische Unterdrückung angesehen worden. Die Isländer fühlten sich danach wieder frei zu glauben, was sie wollten, so eine seiner Theorien.

Doch nur wenige Isländer glauben laut Björnsson tatsächlich an Elfen und Trolle. Gerade einmal zehn Prozent. "Weitere zehn lehnen das kategorisch ab", erklärt er. Das Besondere an Island: "80 Prozent glauben zwar nicht daran, aber streiten es auch nicht ab." Eine gesunde Lebenseinstellung findet Björnsson: "Den lieben Gott hat schließlich auch noch niemand gesehen."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.