Victoria-Fälle: Engel am Abgrund

Von Sebastian Poliwoda

2. Teil: Zwischen Himmel und Kochtopf

Victoria-Fälle: Afrikas sprudelndes Herz
Fotos
REUTERS

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Ist der Sambesi mit Grollen und Rumpeln am Fuß der Fälle aufgeschlagen, werden Gischtwolken aus dem dampfenden Kessel den kompletten Weg wieder nach oben gespuckt und blähen sich bis zu 200 Meter hinaus in den makellosen afrikanischen Himmel. Bis zu 50 Kilometer weit sind die Wolken zu sehen. Unten presst sich das Wasser im Boiling Pot, dem Kochtopf, zusammen.

Der Boiling Pot ist der einzige Abfluss. In den sieben folgenden Schlingen verwandelt sich der Sambesi erneut zu einer Bestie. Angeblich ist hier das beste Rafting-Revier der Welt. Im November dagegen, am Ende der Trockenzeit, führt der Sambesi nur mehr ein Hundertstel an Wasser. Ein kleines Bächlein rieselt dann über die Kante, und ein Paddelausflug gerät zur Schunkeltour.

Nach der Regenzeit jedoch kommen die Gischtwolken auf der anderen Wand der Fälle als 24-stündiger tropischer Dauerregen herunter. Gepflasterte Wege führen auf der sambischen wie der simbabwischen Seite hart an der grünen Wandkante mit ihrem Rundweg entlang. Nur wenige Unverdrossene waten im knöcheltiefen Wasser, mit Regencapes und doch bald pitschnass bis in die Unterhose.

"Die extrem glitschige Brücke zur Knife Edge, der Messerkante, und die Felsen nahe dem Danger Point sollte nur mit äußerster Vorsicht begangen werden", warnt Josef Nkulo von der Parkverwaltung. Mehrere Wege führen hinab in den Regenwald bis zum Fuß der Fälle. Hier wuchern in dicker, süßlicher, tropfender Luft Ebenholz und Mahagoni, Feuerlilien, Gladiolen und Lianen.

Naturwunder Regenbogen

Selbst Frederick Courteney Selous, ein etwas plumper, grobschlächtiger Großwildjäger des 19. Jahrhunderts, kam beim Anblick der Fälle ins Schwärmen: "Auf welchen Teil man auch schaut, die Sonnenstrahlen, die auf die Massen herabstürzenden Schaums scheinen, formen einen doppelten Regenbogen aus prismatischen Farben. Von deren Tiefe und Brillanz hat niemand auch nur die leiseste Ahnung, der bislang lediglich einen üblichen Regenbogen gesehen hat. Das sind die Victoria-Fälle. Eines der, wenn nicht das schönste Naturphänomen auf dieser Seite des Paradieses."

Auf dieser Seite arbeitet Joyceline Mutumba. Sie kann sich noch genau erinnern, was vor 17 Jahren passierte. Sie wusch Wäsche am Fluss. Wie aus dem Nichts schoss ein Krokodil aus dem Wasser und biss ihr in den linken Unterarm. "Ich konnte erst gar nichts sagen, ich war steif vor Schreck." Ihre Cousine Nalufa sah das, raste zu ihr, griff dem Krokodil ins Maul und konnte es so weit aufsperren, dass Joyceline den Arm herauswinden konnte. "Ich glaube, das Krokodil war selber so erschrocken über die Entschlossenheit von Nalufa, dass es losgelassen hat." Jetzt lächelt sie wieder, mit makellosen weißen Zähnen aus ihrem braunen Gesicht.

Eine Eisenbahnbrücke gegenüber den Fällen überwölbt den Sambesi in 111 schwindelerregenden Metern Höhe. Sie trennt Sambia von Simbabwe und wurde 1905 von Cecil Rhodes gebaut, dem Imperialisten und Gründer des ehemaligen Rhodesien. Bungee-Springen von der Brücke hinein in die Schlucht ist eine der Attraktionen, mit denen sambische Reiseveranstalter vor allem junge Touristen hierher locken. Auch Rafting, Paragliding, Micro-Lighting (Drachenfliegen mit Rädern und Motor), Jet-Boat oder Abseilen gehören zum unnatürlichen Adrenalin-Angebot. Eine Menge würdeloser Tätigkeiten in der erhabenen Landschaft.

Simbabwe schwächelt, Sambia investiert

Die Brücke trennt auch das gute vom schlechten Leben. Hier verläuft die Grenze, hier geht es zum interessanteren, dem simbabwischen Teil der Fälle. Mittlerweile hat die Inflation in Simbabwe die 200-Millionen-Prozent-Grenze geknackt. Seit April 2009 ist die Währung Simbabwe-Dollar ausgesetzt. 100-Milliarden-Scheine gibt es nur noch als Andenken. 30 US-Dollar kostet das Visum für Simbabwe. Gewechselt wird nicht. Victoria Falls, einst koloniales Vorzeigestädtchen, ist zu einer Geisterstadt verkommen. Hotels, Spielcasinos, Läden sind geschlossen. Die Menschen gehen über die Grenze nach Sambia zum Einkaufen. Falls sie Geld haben.

Sambia dagegen pflastert nach. Zwei weitere Hotels, 450 Chalets und eine Golfanlage für 260 Millionen US-Dollar baut die südafrikanische Gruppe Legacy Holdings International, trotz heftiger Auseinandersetzungen. Insgesamt 220 Hektar hinein in das Gebiet des Mosi-oa-Tunya-Nationalparks, der wie die Fälle 1989 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Die vor vier Jahren eröffneten Hotels Zambezi Sun und Royal Livingstone des Hotel- und Casinobetreibers Sun International waren ähnlich umstritten.

Das alles mag die Victoria-Fälle wenig kümmern. Wenn die Tropensonne wie Glühkohle hinter den Bäumen am Sambesi sinkt, Elefanten verträumt durch die Fluten waten und Flusspferde mit den Ohren wackeln, kehrt Ruhe ein am Herzen von Afrika.

Und alle vier Wochen ereignet sich ein weiteres, das größte Wunder an diesem Ort. Bei Vollmond und klarer Nacht spannt sich ein lunarer Regenbogen über die Fälle - still und weit. Dann scheint es tatsächlich, als würden ein paar Engel in ihrem Flug innehalten.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 31 Beiträge
tja, die VIC Falls, eine der schoensten Wasserfaelle der Welt (soweit ich das beurteilen kann.) und ja es ist eines der Touri Hotspots im suedlichen Afrika und daher eine Notwendigkeit fuer die Entwicklung und das Wohlergehen [...]
Zitat von sysopAn der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe wird der Sambesi-Fluss zur Bestie: Der längste Wasserfall der Welt stürzt sich in die Tiefe. Hier jagen Krododile ihre Beute - doch die wahre Bedrohung sind die Touristen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,700020,00.html
tja, die VIC Falls, eine der schoensten Wasserfaelle der Welt (soweit ich das beurteilen kann.) und ja es ist eines der Touri Hotspots im suedlichen Afrika und daher eine Notwendigkeit fuer die Entwicklung und das Wohlergehen der einheimischen Bevoelkerung. Victoria Falls selbst ist immer noch viel zu leer = war im Januar zuletzt da - aber es gibt auch einige Hoffnungspunkte; so kommen die Overland Safaris eben nicht mehr nach Livingstone, sondern nach Victoria Falls. Der Autor haette auch darauf hinweisen koennen, dass das Visum fuer Sambia 50 US Dollar kostet und das die Grenzbeamten in Simbawne freundlicher sind und nicht so korrupt wie gerade am Flughafen in Livingstone.
Gebetsmühle 16.06.2010
victoriafälle - da möcht ich auch mal hin.
Zitat von sysopAn der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe wird der Sambesi-Fluss zur Bestie: Der längste Wasserfall der Welt stürzt sich in die Tiefe. Hier jagen Krododile ihre Beute - doch die wahre Bedrohung sind die Touristen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,700020,00.html
victoriafälle - da möcht ich auch mal hin.
Viva24 16.06.2010
Die Einnahmequelle ist für beide Länder wichtig. Auch ein Anreiz dort zu reisen und länger zu bleiben. Ich war 1976 dort und es war Krieg, die Fälle waren damals wir ausgestorben. Sowas sollte nicht wieder passieren....
Die Einnahmequelle ist für beide Länder wichtig. Auch ein Anreiz dort zu reisen und länger zu bleiben. Ich war 1976 dort und es war Krieg, die Fälle waren damals wir ausgestorben. Sowas sollte nicht wieder passieren....
Caroline 16.06.2010
Über diesen schönen Artikel mit den herrlichen Fotos muß man nicht diskutieren! Danke an Spiegel! - Es geht also auch ohne die sonst üblichen dümmlichen oder gar falschen Titel - einfach SO! Danke! Ich bin sicher, daß sehr viele [...]
Über diesen schönen Artikel mit den herrlichen Fotos muß man nicht diskutieren! Danke an Spiegel! - Es geht also auch ohne die sonst üblichen dümmlichen oder gar falschen Titel - einfach SO! Danke! Ich bin sicher, daß sehr viele Menschen, die nicht reisen können, sich freuen!
specchio 16.06.2010
Erst habe ich gestaunt über die Qualität der Fotomontage, die den Mann am Abgrund zeigt. Zwei Klicks weiter habe ich gelernt, dass man zeitweise tatsächlich in einem Becken an den Rand kann.
Erst habe ich gestaunt über die Qualität der Fotomontage, die den Mann am Abgrund zeigt. Zwei Klicks weiter habe ich gelernt, dass man zeitweise tatsächlich in einem Becken an den Rand kann.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Fernweh
alles zum Thema Afrika-Reisen

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


  • Datum: Mittwoch 16.06.2010 | 06:34 Uhr
  • Artikel drucken
  • Artikel versenden
  • Feedback
  • Kommentieren | 31 Kommentare
AFP
Willkommen im Land von Makarapa, Bobotie und Zakumi! In Südafrika müssen sich Fußballfans und Touristen an viele neue Vokabeln gewöhnen - und an den seltsamen Musikgeschmack des Präsidenten. Sind Sie fit für Kapstadt und den Krüger-Nationalpark? Testen Sie Ihr Wissen im Reise-Quiz! !
TOP



TOP